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„WIR HABEN ES SATT“

Einen Monat vor der Landtagswahl demonstrierten 1.500 Menschen in Erfurt für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.

 

Wir  haben es satt“, lautete das Motto der  Demonstration am 28. September. Agrarfabriken, Monokulturen, Ackergifte oder der Aufkauf von Flächen durch nicht Agrarfirmen (Landgrabbing) sind nur einige der Punkte, die nicht nur vielen Thüringer Landwirtinnen und Landwirten zum Hals heraus hängen.

 

Hauptsache billig, das ist immer noch bei vielen der wichtigste Kaufgrund für Lebensmittel. Wenn sie wüssten unter welchen Bedingungen das in Plastik eingeschweißte Billigfleisch beim Discounter hergestellt wurde, würde sich bei den meisten sicher auch der Magen umdrehen. Abschreckende Aufkleber wie auf Zigarettenschachteln könnten für Aufklärung sorgen. Aber dem steht die mächtige Agrarlobby entgegen.  

 

Dabei gibt es durchaus Alternativen zum Bauernverband und ihrer politischen Handlanger wie Lobbyminis- terin Klöckner (CDU). Auch das wurde auf der Erfurter Demo deutlich. Bäuerliche und solidarische Landwirtschaft, genossenschaftlich organisierte Läden, Förderung von Qualität statt Quantität und vieles mehr. 

 

Am Ende ist es aber immer die Macht der Konsumentinnen und Konsumenten, regionale und saisonale Erzeugnisse einzukaufen und auf die Produkte der Nahrungskonzerne wie Nestlé, Unilever und Co. ganz bewusst zu verzichten.  

 

Auch das Kreuz bei der Landtagswahl an der richten Stelle würde der Natur und einer zukunftsfähigen Landwirtschaft helfen. Das kleine, stets agrarisch geprägte Thüringen, braucht eine Regierung, die sich für kleine ökologische Betriebe einsetzt und der Spekulation mit Ackerland einen Riegel vorschiebt.

 

Gemüsewerkstatt Grünschnabel, so heißt ein tolles Projekt vor den Toren der Landeshauptstadt, bei dem sich einige Engagierte tatkräftig für eine zukunftsfähige Landwirtschaft einsetzen. Auf  1,25 Hektar wird  nach Bioland-Richtlinien Gemüse im Freiland und in Folientunneln angebaut. Von Aubergine bis Zucchini gedeiht dort fast jede Gemüsepflanze. Massenhaft Rezeptideen für das saisonale Gemüse aus regionaler Produktion gibt es auf ihrer Webseite: www.gemuesewerkstattgruenschnabel.de

 

Ihre Erzeugnisse können direkt im Hofladen sowie in einigen Bioläden erworben werden. In Erfurt sind es das „Clärchen – Kaufladen für unkonventionelle Lebensmittel“ sowie der Landmarkt Erfurt eG. Beide Läden stehen auf der Händlerseite für die Agrarwende. Besonders der Landmarkt hat sich in den letzten Jahren nicht nur etabliert, sondern sogar seine Verkaufsfläche verdoppelt. Das Clärchen steht neben guten regionalen Produkten auch für die Unverpackt-Idee, auch Zero-Waste genannt.  

 

In Thüringen gibt es noch mehr solche beispielgebenden Projekte. Nicht alle sind gleich in der Lage zertifizierte Biolandwirtschaft zu betreiben. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) wurde 1973 in Baden-Württemberg gegründet. Die Idee war, über die eigene Situation nachzudenken. Heute sind dort sowohl konventionell als auch ökologisch wirtschaftende Bauern und Bäuerinnen zusammengeschlossen. Unterstützt werden sie auch von Umwelt- oder Tierschützern sowie entwicklungspolitisch Engagierten, die sich für den Erhalt einer bäuerlichen Landwirtschaft einsetzen.  Damit ist die AbL auch eine Art Gegengewicht zum mächtigen Bauernverband, der sich vor allem für große Agrargenossenschaften einsetzt. 

 

Noch deutlich weiter als bei der AbL wird im Projekt solidarische Landwirtschaft (SoLawi) gedacht. Lebensmittel werden nicht mehr über den Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen, durchschaubaren Wirtschaftskreislauf, der von den Verbraucherinnen und Verbrauchern mit organisiert und finanziert wird. 

 

 „Die Essenz dieser Beziehung zwischen LandwirtIn und VerbraucherIn ist eine gegenseitige Vereinbarung: Der Hof ernährt die Mitglieder der Gemeinschaft und alle teilen sich die damit verbundene Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte! Damit schaltet die SoLawi-Gemeinschaft den Markt aus“, erklärt die Solidarische Landwirtschaft Erfurt (www.solawi-erfurt.de).

 

Statt sich zum Spielball der Marktpreise zu machen, entscheiden die Mitglieder gemeinschaftlich, wie und was produziert werden soll.  Dabei wird in „BieteRunden“ der  Jahresbedarf errechnet. Ein leistungsfähiges Mitglied trägt eine höhere Bieterlast als ein weniger leistungsfähiges Mitglied'. Außerdem kommt es auf  ehrenamtliche Mitarbeit auf den Höfen bei landwirt1schaftlicher Arbeit, Reparaturen und Lebensmittelverteilung an. 

 

Sich mal die Hände schmutzig machen, Erde fühlen und das eigene Essen erzeugen, wäre sicher für viele vom stressigen Bürojob geplagte Menschen eine mehr als nur gute Idee. Leider versperrt der von den Zwängen der Lohn- und Erwerbsarbeit geprägte Alltag im Spätkapitalismus den direkten Zugang zu solchen Projekten.

 

Eine andere tolle Idee, die des bedingungslosen Grundeinkommens, könnte dabei Abhilfe schaffen. Aber das einzuführen ist mindestens genauso schwer wie die Macht der Lebensmittelkonzerne und Agrarindustrie zu brechen.

 

Thomas Holzmann