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Wer die Wahl hat, hat die Qual

Daniel Starost im Outfit als Statdführer von Rudolstadt: Da hört auch Bodo Ramelow gespannt zu.
Telefonieren mit der Basis: Ralf Plötner würde gern die Telefonaktion der LINKEN aus dem Jahr 2013 wiederbeleben.
Markus Gleichmann wandert nicht nur gern am Rennsteig durch das Land, er ist auch stellvertretender Vorsitzender des Alpenvereins Gera.
Als Nostalgie-Fan Andreas Blume-Strotzer nach Kuba reiste, durfte ein Revolutionsromatik-Foto nicht fehlen.
Katja Mitteldorf sieht immer erst das Verbindende und lässt nicht so schnell die gute Laune verderben.
Allrounder: Für einen Parteitag muss Geschäftsführer Mathias Günther auch mal Tische schleppen.
Ob Regen oder Sonnenschein, an freien Tagen ist bei Cornelia Wanderer der Name Programm.
Wenn digitale Treffen mal wieder bis in die Nacht gehen, auf Einhorn-Untersüzung kann sich Johannes Häfke immer verlassen

Dass Politiker alle gleich sind, kann man bei den Bewerber*innen für den stellvertretenden Landesvorsitz und den Geschäftsführer der Thüringer LINKEN nicht behaupten. Es sind nicht nur ganz unterschiedliche Typen, sie haben auch unterschiedliche Ideen wie DIE LINKE wieder mehr positive Schlagzeilen machen könnte.

Demokratie heißt immer auch, eine Wahl zu haben. Wenn DIE LINKE. Thüringen am 20./21. November in Rudolstadt einen neuen Vorstand wählt, ist dafür reichlich gesorgt. Für den Parteivize bewerben sich sieben sehr unterschiedliche Typen – Donata Voigtschmidt und Steffen Thormann haben wir bereits in der letzten UNZ vorgestellt. Und auch für den Posten des hauptamtlichen Geschäftsführers gibt es drei Bewerbungen 

 

Die fünf Kandidat*innen Daniel Starost, Andreas Blume-Strotzer, Markus Gleichmann und Ralf Plötner und Katja „Katinka“ Mitteldorf könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. 

 

Daniel Starost: Niederschwelliger Zugang zur Politik vor allem für junge Leute 

 

Daniel Starost hat in der Partei bereits alle Höhen und Tiefen erlebt. Der gelernte Koch war schon 2002 dabei, als die PDS mit nur zwei Abgeordneten im Bundestag saß. Anders als die Mehrheit im Vorstand ist er aber nicht bei der Partei beschäftigt. Lange war er Betriebsleiter in den Kantinen der Theater in Weimar, Meiningen und Rudolstadt. Dann kam Corona. Seitdem schafft Starost in einer Fleischerei.

Da wird es auch gleich politisch. Schließlich heißt es sonst immer, dass Köche in Thüringen händeringend gesucht werden. „Ja, aber hier reden wir von Beschäftigungsverhältnissen, die deutlich unter dem Mindestlohn liegen. Deshalb fühle ich mich in der Fleischerei ganz wohl, auch wenn es nicht mein Traumjob ist.“ Seine Kochkünste will er auch in die Parteiarbeit einfließen lassen. Mit jungen Genoss*innen will Starost ab dem nächsten Jahr gemeinsam kochen, um einen einfachen, niederschwelligen Zugang zur Politik vor allem für junge Leute anzubieten. 

Als Handwerker ohne akademischen Hintergrund ist Starost im Vorstand der LINKEN fast schon ein Exot. „Wenn 90 Prozent bei der Partei, im Landtag oder den Ministerien beschäftigt sind, geht uns ein Stückchen der Bezug zum realen Leben verloren Auch, wenn ich viele dieser Personen sehr schätze, halte ich das für extrem gefährlich.“ Starost meint, wer sich nur in der „Parteiblase“ bewegt, hat keinen Bezug mehr zu Leuten, die weniger als 12 Euro Stundenlohn kriegen. „Und wenn dann im Parteivorstand der Fraktionsvorsitzende und eine Ministerin das Sagen haben, fast alles nur in den Erfurter Büros entschieden wird, dann wundern mich Vorwürfe, wir würden nicht mehr zuhören, überhaupt nicht“, so Starost’s schonungslose Analyse. Er weiß auch, dass durch Corona vieles nicht anders möglich war. Trotzdem müsse sich vor allem im Umgang mit Ehrenamtlichen etwas ändern. Patentlösungen dafür hat auch Starost nicht, aber „statt sich über die sozialen Medien anzufeinden, wäre mehr miteinander, statt übereinander zu reden“ ein Schritt zur Verbesserung der politischen Kultur. Konkret hieße das z.B., statt eine Stunde lang Berichte aus Ministerien und der Fraktion zu hören, diese schriftlich allen zur Verfügung zu stellen und die Zeit für Diskussionen, neue Ideen und Visionen zu nutzen“, schlägt Starost vor. 

 

 

 

Ralf Plötner: Auf Verbindendes Trennendes konzentrieren

 

Ein ziemlich außergewöhnlicher Typ ist auch Ralf Plötner, und dass gewiss nicht nur wegen seines Karl-Marx-Gedächtnis-Bartes. Als gelernter Altenpfleger weiß er ganz genau wovon er redet, wenn es um die Dauerkrise in der Pflege geht. Und als studierter Politikwissenschaftler ist er auch in akademischen Debatten des Elfenbeinturms zu Hause. Wie die Mitbewerber hat sich auch Plötner viele Jahre in und für die Partei engagiert: Kommunalpolitik, Landesausschuss und seit 2014 im Thüringer Landtag. Aufgrund seiner Erfahrung findet er, es muss gar nicht alles neu erfunden werden. Manches Erfolgreiche aus der Vergangenheit war gut und müsse nur reaktiviert werden. Beispiel: Die Telefonaktion aus dem Jahr 2013. „Ich habe selbst viele Mitglieder angerufen und viele gewinnbringende Gespräche geführt. Viele haben sich gefreut, dass die Partei sich direkt meldet und wir konnten alle Sorgen, Nöte und Gedanken der Basis aufnehmen.“ Plötner verspricht als Vize sich vor allem auf Verbindendes und weniger auf  Trennendes konzentrieren. Das Motto „Zusammenwachsen“ unter das Bodo Ramelow seine Bundestagspräsidentschaft gestellt hat, würde er auch gerne für die Parteiarbeit nutzen. Dass Plötner die Praxis in einem Krankenhaus kennt, aber auch einen wissenschaftlichen Blick auf die Welt, könnte dafür sehr hilfreich sein. Die Herausforderungen, vor allem im ländlichen Raum, wie in Plötners Heimat Altenburger Land,  sind durch Corona nicht gerade kleiner geworden. Zu diesen Problemen kommt noch der Trend zu irren Verschwörungstheorien. „Da hilft nur direkter Dialog und Wissensvermittlung, aber auch das leider nicht bei allen. Und dazu kommt, dass Corona das Problem der Vereinsamung nochmal massiv verstärkt hat“. Plötner weiß, dass es  auch anders gehen kann. Beispiel: das genossenschaftliche Marktzentrum Ranis. „Ein Supermarkt muss mindestens eine Million Euro Jahresumsatz machen. Das wird im ländlichen Raum schwierig, aber mit dem Genossenschaftsmodell geht das“. Wenn es im ländlichen Raum voran gehen soll, brauche es Ideen und politischen Druck. So wie beim Rufbus, wo die LINKE Kreistagsfraktion so lange Druck gemacht hat bis der wieder von Altenburg ins Naherholungs-  gebiet nach Pahna fährt. „Damit können wir zwar nicht die faktenresistenten Schwurbler wieder einfangen, aber dem Gefühl des Vergessenseins im ländlichen Raum entgegen wirken“, so Plötners hoffnungsvolle Perspektive.

 

Markus Gleichmann: „Die Partei wieder aufs richtige Fundament setzen“

 

Kommunalpolitik ist auch die Paradedisziplin von Markus Gleichmann, zumal er seit 2016 Vorsitzender des kommunalpolitischen Forums  und Mitbegründer der Initiative „LINKE Kommunalpolitik aus Ostthüringen“ ist. Zur Politik kam er jedoch über den Geschichtsverein Walpersberg, der seit 2005 die Historie des ehemaligen NS-Rüstungswerkes REIMAHG aufarbeitet. Erstaunlicherweise ist Gleichmann aber nicht Historiker, sondern Fachinformatiker, der mit 18 seine eigene Firma gründete. Beim Vorsitz des Vereins hat er den Staffelstab nach 15 Jahren weitergegeben. Politisch ist aus dem Projekt auch eine Städtepartnerschaft zwischen Kahla und Castelnovo ne' Monti entstanden, von wo aus die Nazis Zwangsarbeiter nach Thüringen verschleppt hatten.  

Auch, wenn die Thüringer LINKE immer ziemlich erfolgsverwöhnt war, sieht Gleichmann die Partei derzeit vor einer großen Herausforderung, wie zuletzt bei der Vereinigung von WASG und PDS. „Strukturell haben wir die gleichen Probleme, wie alle ostdeutschen Landesverbände. Deshalb müssen wir die nächsten zwei Jahre, in denen keine großen Wahlen stattfinden, die Partei wieder aufs richtige Fundament setzen. In den letzten Jahren ist zu viel an Basis verloren gegangen“, so Gleichmanns kritische Analyse. Er selbst ist seit 2009 Kreisvorsitzender im Saale-Holzland-Kreis. Zwar gab es viele „personalisierte Erfolge“, allen voran Bodo Ramelow, aber auch große Reibungsverluste an Hand von bestimmten Positionen. „Da haben wir einige Genossen*innen verloren, denen wir in den nuller und zehner Jahren viel zu verdanken haben. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen und deshalb brauchen wir auch einen Perspektivenwechsel in der Personalpolitik.“ Ein weiteres Problem sieht Gleichmann in der „Entfremdung von Basis und Teilen der Landtagsfraktion bzw. Teilen der Landesregierung“. Trotz der großen Zahl von Messenger-Gruppen gebe es in Sachen Informationen und Mitbestimmung Nachholbedarf, denn: „Wer die Politik der Landesregierung an der Basis verteidigen soll, muss bei Entscheidungen mitgenommen werden“, fordert Gleichmann, auch um das „Gewicht der Partei wieder zu erhöhen“. Dazu gehört für ihn, die Regionen wieder mehr in den Fokus zu nehmen. Die Regionalmitarbeiter nach Erfurt zu holen, sei deshalb aus heutiger Sicht eine falsche Entscheidung gewesen. „Wir müssen unterschiedliche Antworten auf die unterschiedlichen Fragen zwischen Stadt und Land zulassen und daraus keinen Gegensatz konstruieren“

 

Andreas Blume-Strotzer: „Gegenseitig für die Themen zu begeistern“

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Was alle Kandidaten eint, ist die Kommunalpolitik. Da macht Andreas Blume-Strotzer keine Ausnahme. Viele werden seinen Namen womöglich hier zum ersten Mal lesen, und er sieht sich selbst als „Novize“ unter den Kandidaten.

Als Junge vom Brandenburger Land ging er zum Soziologie-Studium nach Berlin, um anschließend in der tiefsten Thüringer Provinz, dem Kyffhäuserkreis, zu landen. Dazwischen hat er auch mal für das Robert-Koch-Institut gearbeitet. Das leistete sich damals eine eigene Soziologie-Abteilung für gesundheitspolitische Sozialstudien. Da war der Empirik-Experte natürlich in seinem Element. Fun Fact: „Damals, 2008 bis 2012, wurde schon viel über Pandemiepläne geredet, aber passiert ist leider in der Politik nicht viel.“ Derzeit als „Alleinkämpfer“ für die Sozialplanung im Landratsamt zuständig, weiß Blume-Strotzer, dass es ohne externe Unterstützung kaum geht. Umso mehr ärgert es ihn, wenn manche Kommunalpolitiker dann so tun, als hätten sie keine wissenschaftliche Perspektive nötig. 

Wenn Blume-Strotzer in Thüringen auch noch ein unbeschriebenes Blatt ist, hat er seine politische Feuertaufe im rauen Nordosten des Freistaates längst hinter sich. „Als ich 2013 in Berlin in die Partei eintrat, war ich anfangs gar nicht so aktiv. Seit ich in Thüringen bin, ist das ganz anders. Deshalb hat mir die frühere Landesgeschäftsführerin Anke Hofmann-Domke mal gesagt: Schön, dass du da bist, aber lass´ dich nicht von der Partei fressen! Heute weiß ich, die Partei vereinnahmt einen schon krass.“

Für die Arbeit im Vorstand sieht sich Blume-Strotzer deshalb vor allem „als Teamplayer und verbindendes Glied zwischen Jung und Alt: Die Jungen sind eher städtisch und 'grün' geprägt, die Älteren stehen mehr für Arbeiterbewerbung und Friedenspolitik. Da wurde in letzter Zeit zu wenig getan, um das wieder zusammen zu bringen und sich gegenseitig für die Themen zu begeistern.“ Genau das lebt er auch selbst vor, denn als Intellektueller vom Dorf sieht sich Blume-Strotzer sowohl als „Arbeiterkind“ wie auch als „Life-Style-Linker“ und hofft so, auch dazu beizutragen, dass Personen und Themen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern dass man sich auf das Gemeinsame konzentriert. 

 

Katja „Katinka“ Mitteldorf: Brücke zwischen den Jüngeren und den Älteren

 

Die „Kulturtante“ der Landtagsfraktion hat die Kommunikation als größtes Problem der Partei identifiziert. „ Es sind nicht unsere Ideale und Ziele, die per se auf den Prüfstand gehören - es ist vor allem unsere Kommunikations- und Kampagnenstrategie. Um das besser zu managen sieht sich die  Sprach- und Kulturtrainerin gut gerüstet: „Ich bin jemand, die in allen Situationen zuerst die Chance sieht und das Verbindende sucht.  Darin liegt auch unser Pfund als Partei. Dieses Potenzial können wir nur gemeinsam heben!“  Was der Partei außerdem fehlt, ist eine „Brücke zwischen den Jüngeren und den Älteren“. Mitteldorf glaubt,  „dass ich - die sich seit Jahren in dieser Partei alterstechnisch in einer merkwürdigen Zwischenposition befindet -helfen kann, die notwendigen Brücken zu bauen, die es auch zwischen uns allen braucht. Denn nur schaffen wir es auch, die Menschen außerhalb unserer Partei zu erreichen und ihnen genau dort zu begegnen, wo ihre Lebensrealität ist. Trotz der ernsten Lage ist die frühere Schauspielerin aber auch Mensch mit einem gesunden Humor und auch für den einen oder anderen Schabernack zu haben. Dazu gehört auch das von einem Loriot-Sktech inspirierte Jodeldiplom.  Na dann, Hollera du Dödel die. Oder war es doch die dödel du? 

 

Wer führt die Geschäfte?

 

Für den Posten des Landesgeschäftsführers treten neben Amtsinhaber Mathias Günther auch Cornelia Wanderer und Johannes Häfke an.

 

Mathias Günter: Der Allrounder 

In der Öffentlichkeit ist die Position des Geschäftsführers der Thüringer LINKEN relativ unbekannt. Dabei ist dieses Hauptamt von immenser Bedeutung: „Der Geschäftsführer muss Allrounder sein. Er sorgt dafür, dass die Partei als Organisation funktioniert, leitet die Geschäftsstelle, betreut die Mitglieder und sichert die Kommunikation ab“, fasst Mathias Günther einen Teil seiner umfangreichen Aufgaben zusammen. Zum Verwalterischen gesellen sich aber auch politische Aufgaben. „Da muss man konfliktfähig sein, gleichzeitig aber auch in der Lage, solche zu beheben“, so Günther über seine Tätigkeit, die er seit Januar 2019 ausübt. Zunächst als Geschäftsstellenleiter in Zusammenarbeit mit der ehrenamtlichen Geschäftsführerin Michaele Sojka, seit 2019 als alleiniger Geschäftsführer. Einfach war die Zeit nicht. „Die Partei stand von Beginn an stark unter Druck. Aber wir haben trotzdem 2019 eine sehr erfolgreiche Wahlkampagne organisiert. Dann kam Kemmerich, wo es uns gelang, die Partei, die sich den Tabubruch vom 5.2.20 nicht gefallen ließ, in der Zivilgesellschaft zu verankern. „Das und die Verhandlungen für die Minderheitenkoalition zu organisieren, daran hatte auch ich Anteil. Und nicht zuletzt haben wir die technischen Schwierigkeiten bei der digitalen Kommunikation, als Corona uns überrollte, viel schneller gemeistert, als ich es mir vorgestellt hatte“, so Günthers positives Fazit. Aber auch der frühere Wahlkreismitarbeiter, weiß, dass nicht alles so bleiben kann. „Ich bin überzeugt, dass wir strukturelle Veränderungen vornehmen müssen. Außerdem hat Corona für Kommunikationsverluste gesorgt. Wenn über 80 Leute an einer Videokonferenz teilnehmen, ist das auch kein Wunder. Es gibt Leute, die sich über die Videokonferenzen geöffnet, aber auch welche, die sich deshalb zurückgezogen haben. Und das können wir uns nicht leisten“, so Günthers Blick auf anderthalb Jahre Pandemie. 

 

Cornelia Wanderer: Kernkompetenz Kommunikation 

 

Cornelia Wanderer und Johannes Häfke sehen die Dinge als Herausforderer naturgemäß etwas kritischer.  „Ich denke, der Umgang mit den Mitgliedern, mit den Ehrenamtlichen muss sich verändern. Kritik sollten wir nicht nur als etwas Negatives verstehen, sondern als etwas, das uns voranbringen kann.“ Kommunikation sieht Wanderer dabei als ihre Kernkompetenz und als „billigste Form der Investition“. Beim Job im Kundenkontaktcenter der AOK hat ihr kürzlich ein Kommunikationstrainer ausdrücklich beschieden: „Mach genauso weiter.“ Wanderers Stil: „Echter Erfahrungsaustausch, voneinander lernen und das Ganze mit einem Lächeln und einer Freundlichkeit verbinden. Das kostet nichts, bringt uns aber einen großen Schritt weiter. Und wenn wir das noch an die Wähler rüber bringen, würde uns auch wieder mehr zugetraut werden.“ Als Direktkandidatin für die Bundestagswahl stieß Wanderer auf Skepsis, gerade was die Finanzierung von Konzepten  z.B. bei der Rente angeht. Da braucht es mehr Glaubwürdigkeit. 

Bisher nur Gast bei Landesvorstandssitzungen hat Wanderer einige Dinge beobachtet, die intern in persönlichen Einzelgesprächen noch besprochen werden müssen. „Fingerspitzengefühl“ heißt hier das Zauberwort, das nach Wanderers Auffassung „bei Frauen nicht immer, aber meistens besser ausgeprägt ist.“

Zur Arbeit gehört neben dem Umgang mit Menschen auch viel Verwaltungskram, der einer gewissen Erfahrung bedarf. Die bringt Wanderer vor allem dank ihrer Ehrenämter mit: Seit 2007 Mitglied der Bundes- und Landesfinanzrevisionskommission, mehr als 20 Jahre als Versichertenälteste bei der AOK und 10 Jahre als Rentenberaterin.  Politisch hat sie bei den früheren Bundestagsabgeordneten Jens Petermann und dem Landtagsabgeordneten Jörg Kubitzki jede Menge Erfahrungen gesammelt. 

 

Johannes Häfke: „Das althergebrachte 'ich Chef, du nix' funktioniert nicht mehr“

 

„Viel Frust über die Diskussionskultur und die Diskussionsarmut“, nimmt Johannes Häfke wahr. Das merkt er daran, wenn Parteitage früher beendet werden, weil es keinen Diskussionsstoff mehr gibt – „so kenne ich unsere Partei nicht“, meint Häfke. Einer der Gründe dafür ist der mangelhafte Umgang mit Kritikder Genossen*innen an der Basis an Fehlentscheidungen im Landesverband. Wenn Häfke auf Parteitagen auch deshalb mal wieder auf die Trennung von Amt und Mandat pocht, stöhnen manche genervt auf. Doch gerade der Punkt ist ihm wichtig: „Es kann keinen progressiven Diskurs zwischen Partei, Fraktion und Regierung geben, wenn Landesvorsitz und Parteivorsitz von der gleichen Person besetzt sind.“

„Es braucht vor allem aktive Mitgliedschaft, die Genoss*innen sollen sich wieder mehr einbringen können und müssen dazu von der Landesgeschäftsstelle auch befähigt werden.“

Diskutieren, informieren und mitbestimmen hat sich Häfke auf die Fahnen geschrieben. Problem: „Der gesellschaftliche Diskurs ist insgesamt vergiftet“ und das macht auch um die Linkspartei keinen Bogen. Häfke meint dazu: „Über Sahra Wagenknecht zu diskutieren, nützt niemanden. Warum schaffen wir es nicht, innerhalb der Partei den Raum für solche Debatten zu organisieren, wo wir solidarisch, wertschätzend aber auch kritisch um das bessere Argument ringen?“ Das gilt gerade für die aktuelle Kontroversen wie beim Impfen: „Wenn wir diese Diskurse nicht führen, dann werden sie uns weggenommen. Die AfD und die Schwurbler holen dann damit Stimmen, auch weil wir nicht in der Lage sind, progressiv mit den Themen umzugehen.“ Das sind dicke Bretter, die eine einzelne Person nicht alleine bohren kann. Häfke findet: „Die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle könnten viel mehr leisten, wenn man sie denn ließe. Das althergebrachte 'ich Chef, du nix' funktioniert nicht mehr.“ Dazu gesellt sich der Wunsch, solidarische Politik auf Augenhöhe auch mal in der Kneipe beim Bier stattfinden zu lassen, was dann nach Häfkes Erfahrung hervorragend in die politische Arbeit von Vorständen einfließen könne. Das würde auch wieder  Akteure wie Fridays for Future, zu politischer Teilhabe einladen. Das wäre auch der Beginn der großen gesellschaftlichen Bündnisse. Dabei ist Häfke besonders wichtig: „Wer sich engagiert, darf auch Fehler machen. „Wir brauchen durchlässige Strukturen, in der die Leute Fehler eingestehen können, ohne dafür auf den Deckel zu kriegen“ 

Häfke (35) ist zwar jünger als Wanderer (58) bringt aber genau wie sie administrative Fähigkeiten mit: Zurzeit arbeitet er als Assistent der Geschäftsführung bei einem großen Verein, ist gelernter Hotelfachmann und Kaufmann im Gesundheitswesen. Zwischenzeitlich war er Sozialarbeiter für aus der Haft Entlassene, er engagiert sich ehrenamtlich als Vorsitzender beim Netzwerk Regenbogen e.V., zu der die Sömmerdaer Tafel und etliche andere soziale Vereine gehören.