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Vom Feld direkt in den Laden

Damit Apfel und Blumenkohl keine Weltreise machen muss: Mit regionalen Netzwerken wollen Thüringer Landwirte und Händler die Agrarwende schaffen.

 

 

 

 

Wie „bio“ ist Gemüse, das einmal um den Erdball gereist ist?

 

Wollen wir doch alle: gesund leben! Weshalb auch in Erfurt die Bioläden wie Pilze sprießen. Denns, Organics oder Alnatura sind große Ketten. Deren bei Thüringer Durchschnittslohn kaum erschwingliche Produkte kommen eher selten aus der Region. China, Ägypten oder Peru: Wie „bio“ ist Obst oder Gemüse, wenn es einmal um den ganzen Erdball zu uns gereist ist? Eine Frage, die auch auf die Grüne Woche in Berlin gehört.  Thüringen ist dort mit fast 50 Ausstellern sowie 11 Landkreisen vertreten. Bei der Hochglanzshow mit viel Prominenz treten die wichtigen Fragen aber zu oft in den Hintergrund.  

 

Jenseits der teuren Bioläden 

 

Wie ist das mit dem gesunden und nachhaltigen Leben? Gibt es jenseits der teuren Bioläden noch andere Optionen in Thüringen? Klares Ja! Wie etwa mitten in der rausgeputzten Arnstädter Altstadt, im altehrwürdigen Bachcafé: der Grüne Günther. Inhaber Marcus Günther hatte bisher auf den Wochenmärkten in und um Arnstadt Erzeugnisse von Bauern aus der unmittelbaren Umgebung angeboten. Jetzt wagte der gelernte Kaufmann den nächsten Schritt. Früher hat Günther auch als Filialleiter gearbeitet und kennt die Spielregeln des Handels. Und will nichts wissen von Hochglanz-Hipster-Anmutung: Beim „Grünen Günther“ dreht sich alles um die regionalen Erzeugnisse. Dazu passt, dass das Projekt ohne Kredit aus dem Boden gestampft wurde.  

 

Rote Gurken aus Thüringen 

 

Gelbe Kirschen, Rote Gurken oder 60 Zentimeter lange Spaghettibohnen: Darf’s vielleicht was Außergewöhnliches sein? „Ich spreche mit den Bauern im Vorfeld ab, was angebaut wird. In Plaue konnte ich so eine alte Gärtnerei reaktivieren. Für das ältere Ehepaar wäre Anbau und Verkauf ansonsten nicht mehr machbar gewesen.“ Aber dank Marcus Günther sind sie wieder im Geschäft. Auch soziale Projekte wie das Klostergut Ichtershausen sind mit an Bord.  

 

Jahrelang wurden hier die Böden mit Pestiziden verseucht

 

Zu Anfang sollte alles bio sein. Aber: „Ich habe schnell festgestellt, dass es in Thüringen viel zu wenige Bio-Bauern gibt“, so Günther.  Der Grund: viele der Thüringer Ackerflächen sind riesig. Zu DDR-Zeiten waren hier die LPGen, heute sind es große Agrargenossenschaften. Dort können nicht einfach so neue Biohöfe mit kleineren Einheiten entstehen wie etwa in Süd- oder Westdeutschland, wo die Ackerparzellen deutlich überschaubarer sind. „Jahrelang wurden hier die Böden mit Pestiziden verseucht. Die müssen erst rekultiviert werden. Entweder schnell und teuer oder man gibt diesem Prozess Zeit. Das passiert in Thüringen gerade“, so Günther über das Problem.  

 

Konzerne zahlen den Bauern Preise jenseits von Gut und Böse

 

Ein Umdenkprozess hat auch bei einigen Agrargenossenschaften in der Umgebung eingesetzt. „Die wissen, dass sie mit der Chemie ihre Böden kaputt machen. Sie befinden sich aber in einem Teufelskreis, aus dem sie nur ganz schwer wieder raus kommen. Um weiter zu bestehen, müssen sie so günstig wie möglich verkaufen. Die großen Konzerne zahlen den Bauern Preise jenseits von Gut und Böse“. Die Gefahr: Machen die ortsansässigen Bauern das Getreide nur zwei Cent teurer, suchen die Einkäufer der Ketten sich anderen Anbieter, notfalls in Fernost. Günther nimmt die Bauern in Schutz: „Sie wissen um die Probleme, aber sie haben keine Lösungen. Da braucht es mehr Unterstützung. Netzwerke sind die Basis dafür“.  Und an denen arbeitet Günther.

 

Lieferdienst für Gemüse 

 

In allen Städten Thüringens haben Wochenmärkte, die viele regionale Produkte anbieten, eine lange Tradition. Ganz praktisches Problem: Wer Vollzeit arbeitet, schafft es nicht rechtzeitig. Günther bietet deshalb einen Lieferdienst für Arnstadt an (www.gruenerguenther.de). Durch Netzwerke und private Kontakte  stellte er sein Sortiment vergangenes Jahr bei privaten Laden-Vermietern zur Verfügung.  „In vier Stunden habe ich da soviel Umsatz gemacht, wie an einem kompletten Markttag. Die Nachfrage ist extrem hoch, aber es kann sie keiner bedienen“. Wie auch. Die meisten Händler sind schon morgens vor drei Uhr auf den Beinen. Und wenn nachmittags um drei Uhr die Stände abgebaut werden, ist deren Arbeit immer noch nicht zu Ende.  

 

Die Irrwege Thüringer Äpfel 

 

Auch die Supermärkte bieten immer mehr Produkte unter dem Label „aus der Region“ an. Aber nicht immer bedeutet „aus der Region“ auch, dass das Produkt regional produziert wurde. Günther verdeutlicht das am Beispiel der Thüringer Äpfel. Die geernteten Äpfel werden etwa nach Gierstedt gefahren. Dort wird aussortiert. Was den Normen entspricht, geht zu einem großen Logistiker. Dort wird für den Handel verpackt. Dann geht’s weiter an die Zentrallager  – etwa in Leipzig. Von dort wieder zurück nach Thüringen. Erst dann kommt es in den Supermarkt. Bei so vielen Zwischenhändlern bleibt bei einem Verkaufspreis von 2,49 Euro für sechs Äpfel für die Bauern nicht viel übrig. Und: „Der Apfel muss großes Glück haben, dass die fünf anderen in der Packung auch aus Thüringen sind“, erklärt Günther. Egal ob Äpfel oder Kartoffeln: In Thüringen wird nicht genug angebaut, um alle zu versorgen. Auch hier grüßt wieder der Teufel im Kreis.  „Wer als Erzeuger keinen Grüner Günther in der Nähe hat, der ihm die Äpfel für zwei Euro das Kilo abnimmt, hat es entsprechend schwer. Die Erzeugnisse gehen dann für Dumpingpreise an die Großkonzerne und unten bleibt nichts hängen“. 

 

Kein Bezug zu Blumenkohl auf Weltniveau? 

 

Rund um Erfurt wird Blumenkohl auf Weltniveau in allen Farben angebaut. Aber: Die meisten Leute haben keinen Bezug dazu, weil es in den Läden nicht angeboten wird. Thüringen ist nicht nur das Land der Bratwurst, sondern auch der Zwiebel. Rote Zwiebeln, wie es sie beim Grünen Günther zu kaufen gibt, werden etwa in Herbsleben praktisch das ganze Jahr angebaut. „Die Supermärkte kaufen aber trotzdem in Ägypten ein, weil auch hier die in Thüringen geerntete Menge nicht ausreicht.“ 

 

Anderer Geschmack als im Supermarkt

 

Der Grüne Günther scheint auf einem guten Weg: Der Laden wird gut besucht, die Arnstädter gehen hier gern einkaufen: „Wer Obst und Gemüse bei mir kauft, kommt oft am nächsten Tag wieder und probiert was Neues. Die Sachen haben einen ganz anderen Geschmack als im Supermarkt.“  

 

Es geht auch um ländliche Räume 

 

Bei solchen Projekten geht es nicht allein um Landwirtschaft und Ernährung. Es ist auch der Kampf gegen die Tristesse im ländlichen Raum. Günther ist optimistisch: „Viele Leute würden ihre Stadt intensiver genießen, wenn sie etwas geboten kriegen. In Arnstadt entwickelt sich das langsam“. Er plant ein kleines Bistro für kalte Küche und könnte sich gut vorstellen, kleine kulturelle Veranstaltungen im Laden zu organisieren. „Die Leute wollen irgendwo hingehen, wo man genießen kann. Das geht nicht bei H&M oder einem Hörgeräteakustiker.   

 

 

Thomas Holzmann