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Radikal, aber höflich

Symbolisch zerstören Aktivist*innen von Extinction Rebellion Amazon-Plakate im Erfurter Klimacamp.

Extinction Rebellion, die radikale Schwester von Fridays for Future organisiert vor dem Erfurter Rathaus ein vierwöchiges Klimacamp mit Themen von der BUGA, über den Flughafen bis zur Weltwirtschaft.

 

Geht es um Klimaschutz, ist der Name Fridays for Future in aller Munde. Auch in Thüringen gibt es laut Webseite 18 Ortsgruppen. Nicht ganz so bekannt, aber mindestens genauso interessant, ist die im Mai 2018 in London gegründete Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion (Rebellion gegen das Aussterben). Aktivitäten: Beteiligung an Klimastreiks, Beifall klatschen für Bahnreisende, Plakataktionen, die Klimaschule oder „Die-Ins“, bei denen sie sich „tot“ in die Innenstädte legen. In der Moritzwallstraße sprießt seit ein Nadelbaum aus einem Panoramadach eines ordnungsgemäß angemeldeten und geparkten Kleinwagens – die Behörden sind machtlos. 

 

Aber eigentlich ist XR, wie die Bewegung auch genannt wird, die radikale kleine Schwester von Fridays for Future. Vor wenigen Wochen hatten deutschlandweit Aktivist*innen symbolisch Autos blockiert, bewaffnet mit Schildern, deren Wortlaut so klang: „Entschuldigung, aber die Klimakrise ...“.  Dieser Stil ist typisch für XR. Einerseits radikal, aber stets höflich und keineswegs aggressiv, auch nicht gegenüber der Polizei. 

Seit 21. April betreiben die Aktivist*innen ihr Klimacamp vor dem Erfurter Rathaus. 

Eines vorweg: Wer sich als links definiert, der Klimaschutzbewegung aber kritisch bis ablehnend gegenübersteht, sollte dem Camp unbedingt einen Besuch abstatten. Denn in Sachen Diskussionskultur könnten sich da so manche eine dicke XR-Scheibe abschneiden! Fast schon mit religiös anmutender Opferungsbereitschaft erdulden, sie alle, die „nur dagegen sind  und ihre eigene Meinung rausbrüllen“, wie ein Aktivist erzählt. 

Egal, mit wem man redet, dass der Kampf gegen die Klimakrise Menschen ihre Jobs kosten könnte, und die Zeche sowieso die Ärmsten der Gesellschaft zahlen müssen, ist so ziemlich allen klar. Und das gilt in Deutschland wie weltweit, wo es vor allem die Entwicklungsländer sind, von denen einige buchstäblich in der Klimakrise absaufen. Um diese großen Zusammenhänge geht es und nicht, wie so manche Schreihälse glauben, nur darum Fleisch und Dieselmotoren unbezahlbar zu machen oder zu verbieten. 

Auch regionale Themen bieten reichlich Potential für Kontroversen: So ist „Klimaschutz statt BUGA-Kitsch“ auf einem großen Schild zu lesen. Dabei hat XR gar nicht grundsätzlich etwas gegen Gartenschauen, aber mehr Klimaschutz, vor allem in Form von mehr nachhaltigem Stadtgrün, hätte es dann schon sein dürfen. Vor allem, dass viele Pflanzungen nur für eine halbes Jahr oder weniger geplant sind, kritisiert ein Aktivist. Themen wie Permakulturen oder  Wildblumen spielen kaum eine Rolle, die „Essbare Stadt“,  wird immerhin im Garten der Grünen Verbände auf dem Petersberg beworben. 

Ebenfalls heiß diskutiert wird die Zukunft des Erfurter Flughafens. Statt noch mehr Steuermillionen in dem Subventionsgrab zu versenken, will XR über eine alternative Nutzung diskutieren, Ideen sammeln. Überhaupt wird viel diskutiert. Ein beliebtes Thema: die Elektromobilität. Passant*innen, die darin oder den E-Scootern keine gute Idee für’s Klima sehen, rennen im Klimacamp offene Türen ein: „Elektroautos machen keine Verkehrswende“, so die einhellige Auffassung.

Wo für viele die XR-Forderungen viel zu weit gehen, gibt es aber auch andere Stimmen. Ein Barista eines Cafés am Fischmarkt findet das alles zur großen Überraschung nicht radikal genug. Alles andere als ungewöhnlich ist in Erfurt leider der Besuch pöbelnder Nazis samt Hitlergruß und der Drohung: „Wir kriegen euch alle.“ Davon lassen sich die Aktiven aber nicht einschüchtern, auch dank des bisher kooperativen Einsatzes der Polizei.

Auf Granit beißen auch peinlich-dümmliche Politiker von der Erfurter FDP. Die stellten das Klimacamp im Stadtrat infrage, weil es Platz für Künstler*innen wegnehme. Dabei können die problemlos auf dem Fischmarkt spielen und einige haben das bereits getan, auch weil sie die Ziele des Klimacamps unterstützen. Im Stadtrat betonte deshalb Katja Maurer für DIE LINKE das Grundrecht auf Protest und sagte in Richtung der Aktiven: „Ihr seid großartig und euer Protest ist wichtig! Bleibt standhaft!“

Schon jetzt denken viele darüber nach, das Camp über die geplanten vier Wochen zu verlängern, bis sich wirklich was verändert. Mit etwa 20 aktiven Mitgliedern keine leichte Aufgabe. Andererseits könnte sich die Zahl gerade durch das Camp erhöhen. Zumindest haben bereits viele Unterstützung angeboten. Dieser Druck ist auch dringend notwendig. Denn im Erfurter Ortsteil Urbich will die Landesentwicklungsgesellschaft einen Technologie- und Gewerbepark bauen – quasi auf Vorrat. Potentielle Unternehmen, die sich dort ansiedeln wollen, sind nicht bekannt. Außerdem würde wertvoller Ackerboden vernichtet und Erfurts wichtigste Frischluftschneise zugebaut, als hätten die Planer*innen noch nie etwas vom Klimawandel oder Landgrabbing (Bodenspekulation) gehört. Dazu kommen die Versuche, die Forderungen des Radentscheids abzuschwächen oder der geplante Neubau eines Parkhauses am Hirschgarten, wo wieder ein Stück des ohnehin wenigen Grüns in der Landeshauptstadt weichen müsste. 

Ginge es nach dem Willen von XR würden schon bald überall in Deutschland solche Klimacamps entstehen und zwar so lange, bis  sich wirklich etwas verändert.  Damit meint XR allerdings nicht nur die Politik, das gilt z.B. auch für Handwerker. Einer der Aktivisten, selber Schreiner, weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Handwerker  Dinge des Geldes wegen bauen, obwohl sie genau wissen, dass es nicht nachhaltig ist. Es ist schwierig, sich dagegen zu wehren, schließlich greifen die üblichen Marktzwänge auch hier. Deshalb der Appell von XR an die Betriebe und die Meister, in Zukunft nicht einfach ohne nachdenken die nächste Gasheizung einbauen. 

 

Thomas Holzmann