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NIEDER MIT KRIEG!

Ein Flashmob am Erfurter Hauptbahnhof erinnerte an die Novemberrevolution 1918.
Was in Kiel seinen Anfang hatte,
griff auf Berlin und das ganze Land über.

Rote, Fahne und lautstarke Parolen nach Frieden, Freiheit und für den Sturz der alten Ordnung waren am Morgen des 5. Novembers auf dem Erfurter Hauptbahnhof zu vernehmen. Der Verein Weimarer Republik e.V. veranstaltete zum 100-jährigen Jubiläum der Novemberrevolution in Deutschland Flashmobs auf zahlreichen Bahnhöfen. Gründe, sich ausführlicher mit den Ereignissen zu beschäftigen, gibt es genug.

Während ein Schauspieler in Matrosenuniform zur Revolution aufrief, sammelte sich ein Flashmob aus mehreren dutzend, vornehmlich jungen Menschen, mit roten Fahnen und Transparenten für Frieden und freie Wahlen. Viele Reisende blieben interessiert stehen, fotografierten und filmten die engagierte Inszenierung mit ihren Handys. Viele können mit Matrosenaufstand und Novemberrevolution kaum noch etwas anfangen. Das macht die Novemberrevolution 1918 zum meistunterschätzten Ereignis der deutschen Geschichte.

Umso erfreulicher war das große Interesse an der Aktion, wie auch die Tatsache, dass sie vom Bundesjustizministerium und der Deutschen Bahn unterstützt wurde. Die Zeiten, in denen Matrosen, Soldaten und Arbeiter, die im November den Frieden erzwangen und den Kaiser verjagten, als Verräter diffamiert wurden, gehören damit hoffentlich endlich der Vergangenheit an. Aber die Werte, für die sie damals ihre Leben riskierten, sind heute durch Rechtspopulismus und Rechtsextremismus immer noch bedroht. Eines Tages wird dagegen vielleicht auch wieder ziviler Ungehorsam, Befehlsverweigerung und ein Generalstreik benötigt.   Grund genug, sich ausführlicher mit den Ergeinissen im Herbst und Winter 1918/19 beschäftigen. 

 

100 Jahre Novemberrevolution

 

Mehr als vier Jahre dauerte das abscheuliche Morden im 1. Weltkrieg. Kriegstreiber und – Profiteure gab es auf allen Seiten. Aber die Deutschen waren es, die ins neutrale Belgien einmarschierten, als erste Giftgas einsetzten und mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg noch nie geahnte Schrecken über die Menschheit brachten. Während vor allem im Osten Frankreichs ganze Landstriche verwüstet und im Blut ertränkt wurden, litt auch die vom Krieg nicht direkt betroffene Zivilbevölkerung in Hungerwintern schwerste Not.

 

Schon während des Krieges gab es, trotz aller Repressionen durch die faktisch herrschende Militärdiktatur Hindenburg-Ludendorff, Demonstrationen, Streiks und Befehlsverweigerungen. Weihnachten 1914 schwiegen an zahlreichen Abschnitten der Westfront die Waffen. Die Soldaten hatten anhand gemeinsamer christlicher Traditionen entdeckt, dass sie Brüder sind und weigerten sich aufeinander zu schießen. Doch auch das brachte keinen Frieden. Genauso wenig die sozialistische Friedenskonferenz in Stockholm 1917.

 

Nachdem die Bolschewiki und Lenin, mit tatkräftiger Hilfe der Reichsregierung, in Moskau die Macht übernahmen, kam es zum Frieden von Brest-Litowsk. Nicht nur die reaktionären Kräfte hofften, das Blatt im Westen mit den freiwerdenden Truppen noch wenden zu können. Mit dem Kriegseintritt der USA, dem Zusammenbruch Bulgariens und der immer verheerender werdenden Versorgungslage durch die britische Seeblockade war klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sein würde. Ludendorff und auch Hindenburg waren nur einige der treibenden Kräfte, die bewusst die Sozialdemokraten sowie einige konservative aber republikanisch eingestellte Politiker (z.B. Matthias Erzberger) in eine neue Regierung holten. Sie glaubten, mit den Sozialdemokraten können sie erst die Revolution verhindern und sie anschließend zum Sündenbock für Kriegsniederlage machen.

In einem aberwitzigen Versuch, ihre alt althergebrachten Ideale von Ehre noch zu retten, befahl die Admiralität einen letzten, völlig sinnlosen Angriff auf die britische Flotte. Politisch bewusste Matrosen, u. a. auf dem Schlachtschiff „Thüringen“, wollten sich aber nicht opfern lassen. Ihre Befehlsverweigerung – sich löschten das Feuer in den Kesslen – setzte über Wilhelmshaven und Kiel die deutsche Novemberrevolution 1918 in Gang.

Während im Wald von Compiegne Matthias Erzberger als Chef der deutschen Delegation sich die extrem harten Waffenstillstandsbedingungen diktieren lassen musste, überschlugen sich täglich die Ereignisse. Revolutionäre Matrosen der „Volksmarinedivision“ befreiten gefangene Kameraden, hielten mit streikenden Arbeitern große Versammlungen ab und brachten Teile der Zivilbevölkerung auf ihre Seite. Offizieren wurden erst Schulterstücke herunter- und anschließend alle alten Privilegien entrissen. Die Abdankung des Kaisers, die doppelte Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht und die Einsetzung einer provisorischen Regierung, den Rat der Volksbeauftragten bestehend aus drei Mehrheitssozialdemokraten und drei Mitgliedern der USPD, waren eine direkte Konsequenz aus den Ereignissen, die ihren Ausgang an der Ostsee nahmen.

Während die linken Kräfte der USPD, des Spartakusbundes, bzw. der am 30. Dezember 1918 gegründete KPD ein Rätesystem nach sowjetischem Vorbild einführen wollten, setzten die Mehrheitssozialdemokraten alles auf die Wahl einer Nationalversammlung. Am 19. Januar 1919 gab es erstmals ein allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht. Die Frauen durften endlich teilnehmen. Marie Juchacz, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt war die erste Frau, die in einem Deutschen Parlament reden durfte und sagte: „Ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“ Als die Vorbereitungen zur Nationalversammlung im Dezember 1918 anliefen, herrschte in Berlin blutiger Bürgerkrieg. Die revolutionären Soldaten waren nicht nur schlecht ausgerüstet, sondern auch schnell in der Unterzahl gegen die gut organisierten konterrevolutionären Freikorpstruppen, die im Laufe des Jahres 1919 fast überall die Revolution niederschlugen. In Berlin endete der Spartakus-Aufstand im Januar 1919 mit der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch rechte Freikorpstruppen. Sozialdemokraten, allen voran Ebert und „Bluthund“ Gustav Noske, marschierten skrupellos über Leichen. Für ein kleines bisschen temporäre Macht gingen sie einen Pakt mit den alten Eliten (Ebert-Groener-Pakt) des Kaiserreiches ein, ohne zu erahnen, dass diese sich ihnen bei nächster Gelegenheit ebenso entledigen würden wie sie es mit den Revolutionären getan hatten.

Von Ruhe und Ordnung wie sie die SPD proklamierte, konnte in „Weimar“ aber nur selten die Rede sein. Ihren Namen verdankt die erste Republik auf deutschem Boden der Tatsache, dass Berlin 1919 zu unsicher war, um dort die verfassungsgebende Nationalversammlung abzuhalten. Deswegen fiel die Wahl auf das provinzielle Weimar. Nachdem der Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte, von Mehrheitssozialdemokraten dominiert, sich im Dezember 1918 ebenfalls für die Nationalversammlung aussprach, war die Revolution, die im November in Kiel begann, praktisch beendet.

Selbst die von den revolutionären Matrosen maßgeblich miterkämpften Weimarer Freiheiten und parlamentarischen Mitbestimmungsmöglichkeiten wurden von weiten Teilen der Bevölkerung nicht anerkannt. Im Gegenteil. Mit der Erfindung der sogenannten Dolchstoßlegende wurde aufständischen Soldaten und streikenden Arbeitern die Schuld an der Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg gegeben. Das nutzen auch die Nazis und fügten noch die Juden als Sündenböcke in diese Lügenlegende hinzu. Diese Geschichtsverdrehung hatte nicht nur maßgeblichen Anteil am Aufstieg des Faschismus in Deutschland, sie war auch in der alten Bundesrepublik lange Zeit bestimmendes Merkmal der Erinnerungskultur.

In der DDR war das Thema Novemberrevolution 1918 ein weit Größeres. Allerdings neigte die SED dazu, die Revolutionäre geradezu romantisch zu verklären und sich zu deren legitimen Nachfolgern zu erklären. In der Bundesrepublik wurde bis 1968 kaum über das Thema diskutiert. Die Geschichtsauffassung der „68er“ führte lange Zeit zu einem großen Erinnerungsdissenz. Erst 1978 gab es in Kiel eine große „Revolutionsrevue“, an der vor 6.000 Zuschauern, u.a. Dieter Hildebrandt und Wolf Biermann teilnahmen. Die CDU blieb dieser Veranstaltung fern und in den Zeitungen gab es wütende Beiträge, die nach wie vor von der faschistischen Dolchstoßlegende geprägt waren.

Zum 100-jährigen Jubiläum hat sich das Blatt gewendet. Im Kieler Schifffahrtsmuseum wird eine große Ausstellung („Die Stunde der Matrosen“) gezeigt, die sich intensiv und wissenschaftlich mit den Ereignissen auseinandersetzt. Auch der 300-seitige Ausstellungskatalog ist als Lektüre empfehlenswert.

Sehr viel gäbe es noch zu sagen zu den komplexen Ereignissen rund um den Kieler Matrosenaufstand und die Novemberrevolution. Während die Flut der NS-Dokumentationen nach wie vor nicht abebbt wird sich medial noch immer zu wenig mit dem 1. Weltkrieg und seinem Ende beschäftigt. Sich mit Befehlsverweigerung, zivilem Ungehorsam und politischen Streiks auseinander zu setzen, ist selbst 100 Jahre danach immer noch fast ein Tabuthema. Auch die Rolle der Sozialdemokraten, deren politische Stiftung nach dem „Arbeitermörder“ Friedrich Ebert benannt ist, würde viele kritische Fragen aufwerfen und auch den späteren Aufstieg der Hitlerfaschisten in ein anderes Licht rücken. Die Nazis kamen 1933 nicht aus dem Nichts. Sie waren eine direkte Folge aus der deutschen Geschichte, die nur im Gesamtbild mit der Gründung des „2. Reiches“ 1870/71 zu verstehen ist. Nach dem Diktator und Kriegstreiber Bismarck sind noch heute viele Straßen, Plätze und Türme benannt. In Kiel grüßt Kaiser Willhem I., der Angriffskriege führte, auf einem Denkmal hoch zu Ross. Aber wo sind die Denkmale für Soldaten und Matrosen, die NEIN zum Krieg sagten und damit Kaisersturz und Republik erst möglich machten?

Vermutlich noch einmal 100 Jahre wird es dauern, bis diese Kriegstreiber in die Museen geschafft und die Straßen und Plätze nach Aufständischen Matrosen, streikenden Arbeitern und den damals ebenfalls mitkämpfenden Frauen umbenannt werden.

 

th