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Mit dem „roten Pfarrer“ auf Spurensuche

Trotz schwerer Schicksalsschläge und gebrochener Biografie kämpft Peter Franz in Apolda gegen das Vergessen.

 

Apolda zwischen „Avantgarde und Treuhand-Technno“

 

Im Vergleich zum wenige Kilometer entfernten Weimar, wo es in der Innenstadt quicklebendig zu geht, wirkt die rausgeputzte Altstadt von Apolda geradezu menschenleer. Wohnten vor der Wende noch über 28.000 Menschen in der „Glockenstadt“ (sogar die Petersglocke des Kölner Doms wurde hier gegossen), sind es heute nur noch 22.000. Also bonjour Tristesse, wie in so vielen Kleinstädten in Ostdeutschland? Nicht ganz, denn es gibt durchaus Lichtblicke: „Treuhand-Techno“ im Eiermannbau, „Apolda Avantgarde“ von Marc Chagall im Kunsthaus und in der Prager Gasse wartet der „rote Pfarrer“, Peter Franz, um uns ein ganz besonderes Highlight in Apolda zu zeigen. 

 

Highlight Prager-Haus 

 

Bevor wir das Haus der Familie Prager mit dem „Spiritus rector“ des Lern- und Gedenkorts unter die Lupe nehmen, zeigt uns Peter Franz noch die ersten von insgesamt 80 Stolpersteinen in Apolda, die direkt gegenüber vom Prager-Haus liegen. Der Künstler Gunter Demnig hat die in vielen Städten verlegt, um an von den Nazis verfolgte Jüdinnen und Juden zu erinnern. 

 

Eine ganze Menge Kleinarbeit

 

Das Prager-Haus in der gleichnamigen Gasse steht heute frei und wäre wohl längst abgerissen, wenn es nicht Menschen wie Peter Franz und den Verein Prager-Haus Apolda e.V. gegeben hätte. In den 1980er Jahren sah das Haus ein bisschen wie vieles in der DDR aus: grau und marode. Und anders als heute spielten die jüdischen Opfer des Faschismus in der DDR keine so große Rolle. Umso günstiger, dass in Apolda schon 1959 die Gasse nach Bernhard Prager benannt wurde. „Dadurch war der Name im Gedächtnis der Bevölkerung und viele haben über die Pragers gesprochen“, sagt Peter Franz.  

So begann der Weg zum Prager-Haus schon Mitte der 80er Jahre. „Ich bin ins Archiv gegangen, habe alte Zeitungen gewälzt, Adressbücher – eine ganze Menge Kleinarbeit“, erinnert sich Franz an den Beginn seiner Forschung. Außerdem hat er 150 Interviews mit Menschen geführt, die die Pragers noch persönlich kannten. Deren Geschichte hatte Franz schon als Kind von seiner Oma gehört, und das hat in vorgeprägt. 

 

Christlicher Sozialismus schafft nicht nur Freunde 

 

Über 30 Jahre arbeitete Peter Franz als evangelischer Pfarrer in Kapellendorf und engagierte sich in der Christlichen Friedenskonferenz. Außerdem wurde auf seine Initiative im Juni 1989 eine Ideen-Plastik zu Thomas Müntzer vor der Kapellendorfer Kirche aufgestellt – geschaffen von dem Weimarer Keramiker Eberhard Heiland (1935 – 2005). „Christlicher Sozialismus“, sagt Peter Franz dazu und lächelt. Kirchenleute, die so oder so ähnlich denken gibt es in Thüringen einige: Pfarrer Martin Rambow, Propst Heino Falcke, Pröpstin Elfriede Begrich oder der 2018 verstorbene Pfarrer Karl Metzner. Für Frieden und Demokratie, gegen Nazis und das Vergessen sind Werte die sie einen. Solche Bekenntnisse schaffen aber nicht nur Freunde. 

 

 

„Ein politisches Urteil“ 

 

So wie Peter Franz erging es vielen nach der Wende. Bereits im April 1990 hat er sich zu seiner IM-Tätigkeit bekannt. 1992 warf ihn dann plötzlich die Kirche raus, weil in der ARD eine Dokumentation über ihn gesendet wurde. Bis 1997 wehrte sich Franz erfolglos vor Gericht. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er bis heute als Trauerredner. „Ein politisches Urteil“, meint Peter Franz noch heute. „Man hat sich von mir getrennt und konnte so die Kirchenleitung behalten, obwohl die auch alle Kontakte zur Stasi hatten.“ 

 

Gebrochene Biografie 

 

Viele Leute zeigten sich solidarisch. Zwei Drittel seiner Gemeinde unterschrieben für ihren Pfarrer. „Ich hab mir für die Gemeinde den Arsch aufgerissen, vier Kirchen renoviert, aber, weil das ja unter den Kommunisten war, hat man mir zum Dank dafür meine Pension gestrichen“, so seine bittere Abrechnung mit der Kirche. Zu der durch die Wende gebrochenen Biografie kam noch ein weiterer Schicksalsschlag: der tragische Unfalltod seines Sohnes. 

 

Lebenswerk Prager Haus 

 

Das Prager-Haus ist so über die Jahre nach der Wende vielleicht so etwas wie das Lebenswerk von Peter Franz geworden. „Die Gemeinschaft mit anderen, mit Gleichgesinnten, hilft immer.“ Und das ist für ihn, der sich außerdem bei der VVN engagiert, keine Einbahnstraße. Als die PDS kurz nach der Wende Schwierigkeiten hatte, Räumlichkeiten zu finden, lud er sie ins Pfarrhaus ein – inklusive sozialistischer Andacht.

 

Als sich Fortschritte zeigten, gab es auch Geld Stadt und Land 

 

Klar, dass neben vielen anderen auch LINKE Politiker zu den Unterstützern des Prager-Hauses gehören. „Anfangs war alles durch Spenden finanziert. Als sich Fortschritte zeigten, gab es auch Geld von der Stadt Apolda und vom Land Thüringen. Sonst hätten wir das nicht geschafft“, erinnert sich Peter Franz.  Veranstaltungen sind momentan wegen Corona natürlich kaum möglich. Aber unter Auflagen kann das Haus besichtigt werden. 

 

Bewegende Schicksale dem Vergessen entrissen

 

Dann kann man erleben wie Peter Franz ausführlich über viele jüdische Schicksale Auskunft gibt. Manche wurden lange erfolgreich versteckt und noch kurz vor Kriegsende verraten. Andere zogen den Freitod vor. Alle diese Menschen werden im Prager-Haus dem Vergessen entrissen. Dafür gibt es eine Art „Wall of Fame“. Darauf sind nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch Kommunisten und Zwangsarbeiter*innen.  

Besonders gern arbeitet Peter Franz mit Schüler*innen ab der sechsten Klasse und hat auch schon einige Projektarbeiten begleitet. 

 

Schon 50 Bücher veröffentlicht 

 

Schon vor der Gründung des Vereins Prager-Haus 2007 hat Peter Franz außerdem mit Udo Wohlfeldt und der 1999 gegründeten Geschichtswerkstadt Weimar-Apolda zahlreiche Bücher veröffentlicht. 50 sind es mittlerweile, die alle über den Verein erworben werden können. 

 

Apolda hatte früher zwei jüdische Kaufhäuser 

 

Derzeitiger Forschungsstand ist, dass insgesamt etwa 80 Jüdinnen und Juden 1933 in Apolda lebten. Die meisten waren, wie die Familie Prager Kaufleute. So auch die Familie Heinrich Strasser, die in Apolda eine Schokoladenfabrik besaß. Nach dem Pogrom vom 9. November 1938 wurden auch in Apolda alle jüdischen Geschäfte „arisiert“. Das traf neben der Schokoladenfabrik die Kaufhäuser Rosewitz und Fortuna-Wohlwert sowie die Textilhandlungen Fleischmann, Lichtenstein und Heymann. Vielen jüdischen Einwohnern Apoldas gelang noch vor dem Krieg die Flucht. 15 hatten dieses Glück nicht. Sie gehörten zu den insgesamt 342 aus Thüringen, die in den Gaskammern der Vernichtungslager ermordet wurden. Ihr Andenken könnte kaum besser bewahrt werden als im Prager-Haus.               

 

 

Thomas Holzmann