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Mehrwert der Artenvielfalt

Was hätte Karl Marx zum Mehrwert durch Artenvielfalt gesagt?

Macht biologische Vielfalt glücklich? 14 Vogelarten mehr machen mindestens genauso zufrieden wie 124 Euro monatlich extra beweist eine Studie. Ein Beleg für die Notwendigkeit für viel mehr Naturschutz oder nur ein Versuch, jetzt auch noch Wildvögel zu einer Ware zu machen?

14 Vogelarten gleich 124 Euro mehr im Monat? 

 

UNZ, besser gesagt Anja Zimmermann vom NABU Erfurt, hat es schon in Ausgabe 9/20 gesagt: Vögel beobachten bietet bessere Unterhaltung als der Streaming Anbieter Netflix (Börsenwert: 186 Milliarden US-Dollar). Gegen den Eisvogel kann selbst „The Witcher“ Henry Cavill nicht anstinken. Den „Kingfisher“ gibt es an Saale oder Gera sogar mitten in den Innenstädten von Jena und Erfurt zu sehen und an den silberklaren Bächen des Thüringer Waldes sowieso. Die  „Action“ wird täglich nach dem bewährten Script von Mutter Natur aufgeführt. Das Beste: Es geht von Sonnenaufgang bis Untergang und es ist für alle kostenlos. Und nachts gibt es Sondervorstellungen mit Eulen. Hoffentlich kommt kein Konzern auf die Idee, sich die Rechte unter den Nagel reißen zu wollen. Immerhin haben im Dezember Forscher*innen des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitäts- forschung (iDiv) in einer Studie festgestellt: „14 Vogelarten mehr im Umfeld machen mindestens genauso zufrieden wie 124 Euro monatlich mehr auf dem Haushaltskonto, wenn man von einem durchschnittlichen Einkommen in Europa von 1.237 Euro pro Monat ausgeht.“

 

Erste länderübergreifende Studie dieser Art 

 

Was für einige logisch klingt, ist für andere „links-grün versiffter Schwachsinn“ und für manch Linke nur ein neoliberaler Versuch, jetzt auch noch die Wildvögel als Ware zu verhökern. Gute Gründe, bei einem der Autoren der Studie nachzufragen. Eine große länderübergreifende Studie dieser Art gab es bisher nämlich noch nicht: Die Fragestellung: „Macht biologische Vielfalt glücklich?“ Aber wie genau kommen die Wissenschaftler*innen nun auf die 124 Euro für 14 Arten? „Das ist nicht ganz so trivial“, meint Joel Methorst. „Wir haben europaweit den Zusammenhang von Artenvielfalt bei Vögeln und der Lebenszufriedenheit untersucht. In dieser statistischen Analyse gab es aber auch viele andere Variablen. Durch die Einkommensanalyse können wir aber mit einer simplen Rechnung einen Vergleich zu den Vögeln ziehen. Das funktioniert auch mit anderen Durchschnittseinkommen. Es sollte einfach veranschaulichen, dass Arten einen Mehrwert bringen. Ob Menschen wirklich bereit wären, 124 Euro für dieses Gut auszugeben, haben wir allerdings nicht untersucht. Insofern hängt da jetzt auch kein Preisschild dran“, so Methorst. Also doch keine Gefahr, dass Netflix versucht, sich die Vögel unter den Nagel zu reißen wie Nestle das Wasser? Auf wie viel wären Menschen bereit zu Gunsten von mehr Naturvielfalt tatsächlich zu verzichten? Und was ist mit Bäumen, Eichhörnchen oder Wildblumen? „Vögel sind auf jeden Fall ein guter Indikator für allgemeine Vielfalt. Aber es gibt auch genügend Studien, die belegen, dass Wald in der Nähe gut für die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit ist“, sagt Methorst.

 

UNO: Weniger Arten heißt weniger Lebenszufriedenheit

 

Das wird sicher alle Naturschützer*innen freuen. Aus deren Sicht sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch in Thüringen viele Vogelarten durch Verlust ihrer Lebensräume, Insektensterben und Ackergifte stark bedroht sind. In Thüringen scheint der ländliche Raum zum Teil sogar stärker betroffen zu sein. Das Rebhuhn, früher ein Massenvogel, ist kaum noch zu finden, auch die endlos trällernde Feldlerche ist selten geworden „Es gibt in der Tat Studien, die belegen, dass gerade die Population der Vögel in der Agrarlandschaft stark abnimmt. In Städten, in den Parks, wird das mittlerweile ja schon künstlich gemanagt.“ Denn: „Wenn die Artenvielfalt weiter so stark abnimmt, wie der Abschlussbericht des UN-Biodiversitätsrats von 2020, voraussagt, dann wird es das Wohlergehen und die Lebenszufriedenheit der Menschen mit Sicherheit beeinflussen“, schätzt Methorst ein. 

 

NABU: Vögel beobachten im Winter besonders anfängerfreundlich 

 

Genaue Tipps, wie Vögel nun ihre persönliche Zufriedenheit steigern, hat der Wirtschaftswissenschaftler zwar nicht, ist sich aber ziemlich sicher, „dass rausgehen und die Interaktion mit Tieren erhöhen, definitiv für die Gesundheit und soziale Beziehungen förderlich ist“. Tipps zum Glücklicherwerden durch Vögel ist ja aber auch eher ein Job für unsere Expertin Anja Zimmermann: „Das Gute am Winter ist ja, dass die Bäume keine Blätter haben – und sich dadurch die Vögel fürs ungeübte Auge besser entdecken lassen. Ohne Zugvögel erklingt noch nicht der komplette Vogelstimmenchor, der sonst für Anfänger*innen ein schwer zu entwirrendes Geräuschknäuel ist. Das ist wie das Anfänger-Level jedes Computer-Spiels: Im Winter ist es relativ easy, im Kontrast zum weißen Schnee den schwarzen Amselmann, mit seinem flötenden Gesang zu entdecken. Oder die flink von Ast zu Ast hüpfenden, mit feinen Stimmchen rufenden Wintergoldhähnchen. Der große, etwas ungelenk und dadurch unfreiwillig komisch wirkende Graureiher ist auch leicht auszumachen. Ein paar Wintergäste gibt es natürlich auch, zum Beispiel Bergfinken, die farbenfroheren Verwandten der Buchfinken. An einem trüben Wintertag muntert mich bei einem Spaziergang das Schackern der Wacholderdrosseln oder das „Lachen“ des Grünspechts auf. 

 

Wie viel ist uns Artenvielfalt wirklich wert? 

 

Was die Debatte um den Mehrwert von Biologischer Vielfalt auch bringen wird: Genießen wir sie lieber, so lange es sie noch (kostenlos) gibt. Dabei lässt es sich auch trefflich darüber nachdenken, wie viel  Wert einem selbst der Erhalt der Artenvielfalt ist, vor allem, wenn es um das eigene Geld und das eigene Konsumverhalten geht.  

 

Thomas Holzmann