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Literatur zwischen Herkunft und Zukunft

„Hinter jeder Migration steht eine Utopie.“ Migration, das ist wohl einer der am häufigsten verwendeten Begriffe, um über Grenzen, Exil, Vergangenheit und das Leben zwischen verschiedenen Kulturen zu sprechen. Mitunter bedarf es da Neologismen wie beispielsweise jenem der „Transitis“, der am 26. Januar bei den Poets of Migration im Club-Café Franz Mehlhose aufgeworfen wurde.

Von Christine Schirmer

 

Wolfgang Farkas, Ok-Hee Jeong und Zoran Terzić, die Begründer des Autorenkollektivs Poets of Migration, starteten ihre Tour in Erfurt, weitere Auftritte, unter anderem in der Volksbühne Berlin, stehen bevor. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Özlem Özgül Dündar präsentierten sie den Zuschauern eine einzigartige Symbiose aus Texten, Klängen, Bildern und Stimmungen. Die Veranstaltung, die offiziell als Lesung rangierte, verdeutlichte ein ums andere Mal, dass Lesungen keineswegs trockene, humorlose Angelegenheiten sind – genau dies war auch die Intention der Gruppe.

 

Gleichberechtigt nahmen die Künstler das Publikum mit auf eine Reise, die nicht nur kreuz und quer durch die Welt der Literatur und Lyrik, sondern auch einmal um die ganze Welt und letztlich sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft führte. Gemäß dem eher inoffiziellen Motto „Smashing the country with real love“ war das Event sehr persönlich und individuell, mitunter auch etwas improvisiert, gestaltet. So wurde Farkas‘ Text von einem Klavierstück Terzićs eingeführt und auch im Umgang miteinander war die Vertrautheit der Beteiligten miteinander deutlich zu spüren.

Während Dündar Gedichte ihres Lyrikbands „Gedanken zerren“ vorlas, stellte Jeong einige Szenen ihres Theaterstücks „Fünfmal Frau Kim, auf der Suche nach Heimat“ in einer szenischen Lesung vor. Entgegen möglicher Erwartungen war der Begriff „Heimat“ an diesem Abend jedoch ebenso wenig von zentraler Bedeutung wie klassische Konzepte von Herkunft. Vielmehr ging es um die zahlreichen Facetten von Migration, die nicht lehrbuchmäßig, sondern auf jeweils ganz spezifische Art und Weise verhandelt wurden. So entführte beispielsweise Terzić, der bosnische Wurzeln hat, die Zuhörer in eine sommerliche, regelrecht schwüle Atmosphäre: In seiner Beschreibung der alljährlichen langen Fahrten von Deutschland nach Bosnien war der Geruch von Benzin beinahe ebenso greifbar wie die tiefe Sehnsucht nach einer Ankunft – im doppelten Sinne. Mit unterhaltsamen Formeln und viel Selbstironie kartographierte der Autor seine ganz eigene Route, die er dennoch mit so vielen anderen teilt.

 

Ob es um abenteuerliche Fahrten in Richtung Balkan, südkoreanische Adoptivkinder in Deutschland, den Umgang mit Traditionen und Moderne oder aber auch um die Geschichte der eigenen Familie geht: Mit humorvollen Videos von Interviews, politischen Statements und einer abwechslungsreichen Performance gelang es dem Quartett mühelos, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Die kurzweilige Veranstaltung wird noch lange nachhallen und eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Wir werden noch öfter von den Poets of Migration hören.