Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Kampf um jeden Meter Internet

UNZ sprach mit dem Schulleiter der Gemeinschaftsschule Roter Berg in Erfurt, Falko Stolp, über Schule in der Pandemie, Digitalisierung und die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts.

 

 

 

 

 

 

Generell heißt es, Probleme, die schon da waren, treten durch Corona besonders deutlich zu Tage – siehe Digitalisierung an Schulen. Heißt das auch, dass  Schulen mit mehr Reformpädagogik in der Pandemie besser da stehen? 

Reformpädagogik ist in der Pandemie nicht so leicht umsetzbar. Nicht nur, weil  Unterricht anders stattfindet, sondern vor allem, weil außerschulische Partner nicht ins Gebäude dürfen. Mit oder ohne Corona für mich besonders wichtig sind die vier Kompetenzen des 21. Jahrhunderts: Kollaboration, Kommunikation, Kritikfähigkeit und Kreativität. Jetzt zeigt sich, wie sehr wir genau diese Fähigkeiten brauchen, um gut durch die Krise zu kommen. Daran müssen wir arbeiten, anstatt uns darüber aufzuregen, weil mal irgendwelches Wissen nicht vermittelt werden konnte. 

Heißt, dass die vier Kompetenzen nicht ausreichend gefördert wurden, was uns jetzt auf die Füße fällt?

Es sollte generell nicht nur darum gehen, stur den Lehrplan abzuwickeln. Analoges und digitales Lernen muss gekoppelt werden. Da mangelt es auf allen Seiten: Viele Schulen sind schlecht ausgestattet, genauso manche Eltern und auch einige Lehrer sind digital noch nicht fit. 

Hat denn wenigsten jedes Kind in Thüringen einen Laptop?

Nein!

Viele schimpfen jetzt: Es war ein halbes Jahr Zeit ...

Das Problem ist sehr vielschichtig. Schon im Mai habe ich allen Eltern einen Brief geschrieben und darauf hingewiesen: Ihr Kind braucht für das neue Schuljahr ein digitales Endgerät! Ich habe auch erklärt, wo dafür finanzielle Unterstützung beantragt werden kann. Da war dann erstmal das Sozialamt auf mich sauer. Die Schulträger sind überfordert. Die vom Land anvisierten Rechner sind auch noch nicht da. Und es gibt auch Eltern, die sind der Meinung, sie müssen dafür kein Geld ausgeben. Ich erinnere dann gerne an die 300 Euro Corona-Hilfe, die es pro Kind gab. 

Was kann die einzelne Schule angesichts des Chaos auf allen Ebenen von sich aus tun?

Wir haben unsere digitale Struktur fit gemacht. Es gibt drei digitale kostenlose Lernplattformen, mit denen die Kinder zu Hause selbstständig arbeiten können. Viel hängt auch vom persönlichen Engagement der Lehrkräfte ab und da gibt es natürlich Unterschiede.

Bei so vielen Baustellen, macht der Job da überhaupt noch Spaß? 

Der Druck ist enorm. Wir müssen uns um die Gesundheit der Kolleg*innen und Schüler*innen kümmern und gleichzeitig das Recht auf Bildung wahren. Dazu kommen unzufriedene oder ratlose Eltern und obendrauf kommen noch die Befindlichkeiten der Schulträger und Schulämter. Das ist Stress pur.

Der Stadtteil Roter Berg gilt nicht als Vorzugswohngegend. Ist es hier mit Corona schwerer als auf einem Gymnasium in der Innenstadt? 

Hier zeigt sich einer der Vorzüge einer Gemeinschaftsschule. Die Hälfte unserer Schüler*innen kommen nicht vom Roten Berg, sondern auch aus Marbach oder Gispersleben. Wir hatten uns ganz bewusst für das Modell mit offenem Bezirk entschieden, weil wir eine große soziale Durchmischung wollten. Egal wo die Kinder herkommen, es haben alle die gleichen Probleme.

Wie hat Corona den Schulalltag außer Masken, Abstand und Lüften noch verändert? 

Ich finde, der Umgangston ist auch bei den Kindern rauer geworden. Die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, die schon vor Corona eingesetzt hatte, färbt auf die Kinder ab. 

Das Infektionsgeschehen nimmt in Erfurt deutlich zu. An den Schulen gibt deshalb jetzt das Ampelsystem. Wie genau funktioniert das? 

Grün heißt Regelbetrieb: Der Stundenplan wird mehr oder weniger normal unter den geltenden Hygienebedingungen umgesetzt. Sollte es Corona-Fälle geben, wird die Ampel auf Gelb geschaltet. Das heißt Quarantäne. Zunächst nur für die       Stellen, wo der Infektionsherd ausgemacht wird. Auch das Bewegen innerhalb der Schule wird dann noch weiter eingeschränkt. Die Pausenzeiten haben wir ja auch jetzt schon gestaffelt.

Eine Staffelung wird auch beim Schulbeginn diskutiert, um übervolle Busse und Bahnen zu verhindern. 

Gestaffelten Unterrichtsbeginn hatten wir schon im Frühjahr. Die Älteren haben erst zur 3. Stunde angefangen. Zurzeit haben wir aber nur versetzte Pausen. Was die Anfahrt angeht, kommen bei uns viele zu Fuß und mit dem Rad. Entschärft werden könnte die Situation auch, wenn sich die Stadt  mehr um sichere Radwege kümmern würde. Aber das Bürgerbegehren dafür ist ja auf gutem Weg. 

Gibt es noch andere kreative Ideen? Unterricht in der Messehalle, wo viel Platz ist und es sogar eine Belüftungsanlage gibt?

Die Messehalle halte ich nicht für realistisch. Aber, wenn es noch schlimmer wird, müssen wir schauen, wo es noch größere Räume gibt. Schon jetzt nutzen wir das Bürgerhaus. Bei uns werden gerade vier 70-Quadratmeter-Räume saniert. Leider geht es generell mit den Schulsanierungen zu langsam voran. Aber auch das hat  komplexe Ursachen. Dazu kommt, dass die BUGA 2021 viele Ressourcen bindet, die uns fehlen. 

Das gilt sicher nicht nur für Gebäudesanierungen … ?

Jeder Meter Internetanschluss ist ein Kampf. Das ist der immer gleiche Teufelskreis: Die Zuständigen können auch nicht mehr als arbeiten und für mehr Personal ist gerade entweder kein Geld da oder es gibt einfach keine Fachkräfte. Das kennen wir auch beim Lehrermangel. 

Da könnten pädagogische Computerspiele helfen. Warum nicht eine Woche zocken, und dann einen längeren Aufsatz schreiben? 

Genauso etwas probieren wir demnächst aus. Ich stehe in Kontakt mit einem Studenten, der darüber seine Masterarbeit schreibt. Es soll um den 1. Weltkrieg gehen. Das ist natürlich kein Ballerspiel! Was wir bereits gerne nutzen ist die Plattform scoyo. Für Klassenstufen 1 bis 8 können dort Lerninhalte für Deutsch, Mathe, Englisch, Bio, Physik und Kunst über digitale Comics vermittelt werden. 

Klingt fast, als gäbe es doch etwas, das durch Corona vielleicht besser wird?

Für die Digitalisierung gibt es schon einen kräftigen Schub. Da müssen wir nur auch mal dran bleiben und nicht mit Ende der 2. Welle wieder in den alten Trott zurückfallen!

 

Thomas Holzmann