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Flower Power in Thüringen

Jubel nach Kemmerichs Rücktritt

Wie die Zivilgesellschaft den Kemmerich-Höcke-Putsch stoppte.

„Alle zusammen gegen Faschismus!“

Als das Ergebnis der Ministerpräsidenten-Wahl verkündet wird, steht der Landtag unter Schock. Wie gelähmt wirken viele rot-rot-grüne Abgeordnete. Doch keine zwei Stunden später beendet ein lauter Ruf aus hunderten Kehlen die Lethargie: „Alle zusammen gegen Faschismus!“ hallte es bei der ersten Spontandemo vor dem Landtag aus Hunderten empörter Kehlen. Dass so schnell so viele kommen, damit hatte niemand gerechnet.

Wut und Freude

Bei der einen Demo blieb es nicht. Den Anfang hatten nachmittags die Gewerkschaften gemacht. Abends kamen die Aktiven von Fridays for Future, Omas gegen Rechts und viele, viele andere. Über 3.000 bildeten in Erfurt eine Menschenkette um die Staatskanzlei. Die Stimmung: Wut auf die Faschisten und ihre Kollaborateure, aber auch Freude, dass so viele dagegen kämpfen.

Erfurt: Blumenstadt

Reden, Sprechchöre, sich gegenseitig Mut machen: „Niemals! Nie wieder! Das nehmen wir nicht hin! Bodo ans Fenster!“ Aus dem Schock des Nachmittags wurde Zorn. Aus Zorn wurde Mut. Friedlich. Gewaltlos. Erfurt: Blumenstadt. Flower Power statt Faschismus. Erst am späten Abend löste sich die Demo langsam auf. Am nächsten Tag, 12:00 Uhr, es ist Donnerstag, sieht es vor der Staatskanzlei aus wie auf dem Maidan. Mehr als 1.000 Leute haben Zelte, Laptops, Decken und heiße Getränke mitgebracht. Das Fernsehen berichtet live. Überall ist kämpferische Entschlossenheit zu spüren.

Thüringen auf Platz 1 der Weltnachrichten

Nachmittags die nächste Demo durch die Stadt. Kundgebungen und Demos gibt es in diesen Tagen flächendeckend. In Jena, Weimar, Gera, Gotha, Ilmenau oder Suhl und auch in Berlin, Hamburg oder Frankfurt ziehen die Menschen vor die FDP-Parteizentralen. Damit sorgen vor allem die Demonstrationen in den Weltnachrichten dafür, dass Thüringen sogar Trumps Impeachment-Verfahren von Platz eins verdrängt.

Rumgeeiere machte Demonstrierende nur entschlossener

In Berlin überschlagen sich derweil die Ereignisse. Selbst Merkel stellt sich gegen Kemmerich. Sie wirft sogar ihren Ostbeauftragten, den aus Thüringen stammenden Christian Hirte, raus. All das wird auch auf den Demos registriert. Das Rumgeeiere Kemmerichs und die Ungereimtheiten Mohrings und Lindners über die Absprachen mit der AfD machen die Demonstrierenden nur noch entschlossener.

Blumenwurf reloaded vor der Staatskanzlei

Am Freitagnachmittag folgt die nächste große Demo in Erfurt und anderen Städten. An deren Ende im Epizentrum des Politbebens: der Blumenwurf reloaded – ein herrlich gewaltloser Akt des Widerstands und der Verabscheuung gegenüber dem Faschismus. Der Blumenwurf in der Blumenstadt. In der Stadt, die untrennbar mit der Geschichte des Gartenbaus, der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie verbunden ist. Linken-Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow wird für diese symbolische Geste des friedlichen Widerstands allgemein gefeiert.

Jubelgetöse nach dem Rücktritt

Samstag. Am vierten Tag in Folge eine große Demo in Erfurt. Als es zu Beginn nur etwa 100 Teilnehmer sind, macht sich bei manchen die Erschöpfung nach den Strapazen langsam bemerkbar. Doch als sich der Demozug durch die Stadt in Bewegung setzt, füllen sich die Reihen. Es geht auch an einen Nazi-„Späti“ vorbei. Ein paar Typen mit „und morgen die ganze Welt“ Sprüchen auf den Klamotten stehen davor und gucken saublöd aus ihrer braunen Wäsche.

Intelligenz gegen Dummheit

Es soll zum Büro der FDP gehen. Dann brandet plötzlich Jubelgetöse auf. Kemmerich ist zurückgetreten! La Ola und Olé Olé. Nach dem Jubel zeigt sich bereits zum zweiten Mal in dieser Woche, neben der grenzenlosen menschlichen Dummheit der Kemmerichs und Mohrings, wie weitsichtig und intelligent Menschen sein können. Denn trotz Kemmerichs Rücktritt wird es in nächster Zeit weitere Aktionen auf den Straßen geben. Tags darauf zunächst in Jena. Die Omas gegen Rechts stehen jeden Tag 5 nach 12 vor der Staatskanzlei – bis der Schwur von Buchenwald erfüllt werde.

 

Thomas Holzmann