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Emotionale Spurensuche

Sinti-Roma-Kinder in Deutschland, 1933.

Stadtrundgang auf den Spuren von Sinti und Roma in Erfurt mit Projektgruppe „Erfurt im Nationalsozialismus“ des DGB-Bildungswerks.

 

 

Nach Auschwitz deportiert und ermordet

 

2015 erkannte das Europäische Parlament den Genozid an den Sinti und Roma  an. Der 2. August soll nun daran erinnern: Als Internationaler Gedenktag an die während des Hitlerfaschismus ermordeten Sinti und Roma macht er aufmerksam auf den Porajmos, wie die Vernichtung der Roma auf Romanes bezeichnet wird. Schätzungsweise 500.000 Angehörige der ethnischen Minderheit, deren Verfolgung bis ins Mittelalter zurückreicht und im 2. Weltkrieg ihren traurigen Höhepunkt erreichte, wurden in dieser Zeit umgebracht. Auch Erfurt war nicht von den schrecklichen Ereignissen ausgenommen: Anfang März 1943 wurden die in der Region lebenden Sinti vom Erfurter Nordbahnhof aus nach Auschwitz deportiert.

 

Die Projektgruppe „Erfurt im Nationalsozialismus“ des DGB-Bildungswerks hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bedingungen und Mechanismen des Nationalsozialismus zu untersuchen und befasst sich seit Ende 2000 mit der Aufarbeitung der Geschichte Erfurts. Neben Recherchearbeiten und der Auswertung dieser steht das Bildungsangebot im Fokus: Neben mehrmals jährlich stattfindenden Stadtrundgängen werden auch Fahrradrundfahrten, Führungen im Kontext von „Topf und Söhne“ sowie spezielle Stadterkundungen für Schüler angeboten.

 

Am 2. August veranstaltete die Gruppe anlässlich des Roma Genocide Remembrance Day einen Stadtrundgang zum Thema „Verfolgung von Sinti und Roma“, der am Nordbahnhof begann und einmal quer durch ganz Erfurt-Nord führte. Im Gegensatz zu dem bis heute erhaltenen Bahnhof gestaltete die Spurensuche an den anderen ehemaligen Schauplätzen sich eher vage und erforderte das Mitdenken sowie die Vorstellungskraft der zahlreichen Interessierten, die sich an diesem regnerischen Abend eingefunden hatten. Die meisten Gebäude sind längst abgerissen, die Plätze werden anderweitig genutzt. Dennoch ergab sich durch die über zweistündige Führung eine sehr konkrete Topografie der im Falle der Sinti und Roma wenig systematischen Verfolgung im Raum Erfurt.

 

Zur Zwangsarbeit genötigt

 

Zeitzeugen aus der Region berichten bis heute davon, dass nicht klar ersichtlich war, warum manche Angehörigen der ethnischen Minderheit verschont blieben. Auch die Vorgangsweise im Vorfeld entsprach der für den Faschismus typischen fehlenden Logik: Die meisten Erfurter Sinti standen damals in einem Beschäftigungsverhältnis. Aufgrund der Maßnahmen der Nazis verloren beinahe alle ihre Arbeit, wurden dann als „Arbeitsscheue“ inhaftiert und zur Zwangsarbeit genötigt. Neben dem Standort einer ehemaligen Fabrik, in der Sinti arbeiten mussten, wurden auch die früheren Stellplätze gezeigt, an denen aufgrund der Vertreibung und Verfolgung immer unterschiedlich viele Menschen lebten. Allgemein ist über die Geschichte der Sinti in Erfurt zu Zeiten des Nationalsozialismus nicht sehr viel bekannt, wobei es den Veranstalterinnen der Führung gelang, die wenigen Informationen sehr interessant, plastisch und intensiv darzustellen.

 

Nach der emotionalen Spurensuche in dem geschichtsträchtigen und von Touristen eher vernachlässigten Stadtteil luden die Veranstalterinnen zu einer Filmvorführung im veto in der Magdeburger Allee 180 ein. Gezeigt wurde die Dokumentation „Phral mende – Wir über uns“, in der die Aktivistin Tayo Awosusi-Onutor gemeinsam mit zahlreichen anderen Romnija und Sintize über Erfahrungen und Perspektiven sprach. So endete der Abend mit gemischten Gefühlen von Trauer bis hin zu Hoffnung und zugleich der Dankbarkeit dafür, dass die Geschichte der seit jeher verfolgten Minderheit auch heute noch in Erinnerung behalten und weitergegeben wird. Dieses Jahr finden weitere Stadtrundgänge noch am 1.9. und am 20.10. statt.

 

Mehr unter: www.erfurt-im-ns.dgb-bwt.de.