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Die Verkehrswende ist weit weg

Die politische Rhetorik geht weg vom Auto. Aber Verkehrsunternehmen bekommen „Giftlisten“, was sie streichen sollen. Damit ist ein 9-Euro-Ticket nicht dauerhaft zu machen, ja nicht einmal der Status Quo“ zu

erhalten, sagt Christoph Heuing vom Verkehrsverbund Mittelthüringen im UNZ-Interview.

Bevor das 9-Euro-Ticket eingeführt wurde, befürchteten einige den Zusammenbruch des Systems. Fast wirkte es als hätten viele Angst vor mehr Fahrgästen. 

 

Die Sorge vor dem Kollaps kommt von den hohen Fahrgastzahlen, die wir vor Corona hatten. Da war es in den größeren Städten im Berufsverkehr manchmal so, dass nicht mehr alle in die Straßenbahn reingekommen sind. Wenn deutlich mehr Leute dazu kommen, bräuchte es mehr Kapazitäten. Allerdings ist das 9-Euro-Ticket nichts, was in der Stadt die Massen zum Umsteigen bewegt. Anders sieht das bei der Eisenbahn aus. Da gibt es schon mal unschöne Szenen, wenn z.B. Menschen mit dem Rollstuhl nicht mehr in die Bahn kommen.

 

Das 9-Euro-Ticket funktioniert für viele. Über 20 Millionen wurden verkauft. Entsprechend werden bereits Forderungen nach einer Verlängerung laut.

 

Das 9-Euro-Ticket funktioniert im Moment, aber nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Eigentlich ist der Nahverkehr nämlich Ländersache. Beim 9-Euro-Ticket wurden jedoch per Bundesgesetz Tarife und Fahrpreise vorgeschrieben. Das hätten wir uns bis dahin nicht vorstellen können. Die Bundesregierung beschließt Preise für Produkte und Dienstleistungen und teilt den Betroffenen das per Pressemeldung mit. Ein Problem dabei: Mit dem Bus zur Schule und zurück ist das Eine. Mit dem Zug von den Alpen an die Ostsee, ist eine viel größere und wertvollere Leistung. Dafür den gleichen Preis zu verlangen, wird zu einem Modus führen, den wir schon beim Auto hatten: extrem subventionierte, künstlich billige Mobilität. Das führt dazu, dass ganz selbstverständlich immer weitere Strecken gefahren werden. Mobilität, die fast nichts kostet, hat negative ökologische Effekte: weite Pendelstrecken, Zersiedlung, auf dem Dorf wird nur noch geschlafen und für alles andere fährt man irgendwo hin. Und das 9-Euro-Ticket funktioniert auch nur deshalb, weil für diese drei Monate jede Menge Geld vom Bund in die Hand genommen wird, welches über den Corona-Rettungsschirm an die Verkehrs- unternehmen ausgezahlt werden kann. Diesen Rettungsschirm gibt es, da wir immer noch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen haben. Bund und Länder geben jeweils die Hälfte der Fahrgeldeinnahmen aus dem Jahr 2019 an die Verkehrsbetriebe. Dafür sind wir sehr dankbar, denn sonst würde es viele nicht mehr geben. Das heißt aber auch, dass es egal ist, wer wie viele Menschen wie schnell und in welcher Qualität befördert. Es kann kein Modell sein, auf ewig einfach das Geld auf Basis von 2019 weiter zu zahlen. Dann gibt es keinen Anreiz mehr, etwas zu verbessern und neue Fahrgäste zu gewinnen. Ich sehe für ein deutschlandweites 9-Euro-Ticket in absehbarer Zeit weder die Organisation noch die dafür notwendige Infrastruktur.

 

Im kleinen Thüringen gibt es eine Vielzahl von Eisenbahn- und Busunternehmen. Verhindern hier alte Strukturen Verbesserungen?

 

Diese Strukturen entstanden zu Beginn der 1990er Jahre. Die Bus-Unternehmen sind aus den DDR-Verkehrskombinaten entstanden, wurden zerteilt und den Landkreisen zugeordnet. Im Osten haben viele Kreise deshalb ein kommunales Verkehrsunternehmen. Es kann aber auch am Markt ausgeschriebenen werden. Bei der Eisenbahn ist seit 1994 das Land zuständig. Dafür gibt es Regionalisierungsmittel vom Bund. Durch diese Bahnreform und die Liberalisierung haben wir in Thüringen jetzt unterschiedliche Anbieter: DB Regio, Abellio, die Erfurter Bahn und noch einige andere.

 

Bodo Ramelow will schon länger einen einheitlichen Verkehrsverbund für Thüringen? Klingt gut, aber manche fürchten um ihr kommunales Busunternehmen.

 

Der VMT schreibt nicht vor, ob ein Kreis seine Buslinien ausschreibt oder sie kommunal organisiert. Für einen landesweiten Verbund sprechen vor allem Synergieeffekte. Bei der Digitalisierung braucht es viel Geld und Knowhow. Diese Systeme sind aber gut skalierbar. Ein gemeinsamer Tarif schafft die Grundlage für die gemeinsame Nutzung von technischen Lösungen wie, unserer gut funktionierenden App „FAIRTIQ“ . Kleine Thüringer Verkehrsunternehmen haben meist nicht die Mittel, so etwas allein zu entwickeln. Deswegen gibt es moderne Ticket-Lösungen in Thüringen nur beim VMT und der Eisenbahn. Auch die Tarifgestaltung, Marktforschung und gemeinsames Marketing sind im Verbund für alle günstiger. Für die Fahrgäste wird das Ticket kaufen einfacher, es gibt abgestimmte Fahrpläne für durchgängige Reiseketten. Die Vorteile liegen auf der Hand. Trotzdem sind noch nicht alle davon überzeugt ... 

 

Weil die Landrätinnen und Landräte auf keinen Fall Kompetenzen abgeben wollen. 

 

Daran kann es nicht liegen, unsere Organisationsstruktur sieht gar keine Abtretung von Kompetenzen vor, es geht lediglich um eine bestmögliche Koordinierung. Unser Verbund, mit seinen 24 Mitgliedern, fasst immer einstimmige Beschlüsse. Das klappt deshalb, weil sich alle Partner freiwillig zum Verbund zusammengeschlossen haben und sich jeder auf die Kompromissbereitschaft aller Partner verlassen kann. Diese Kultur der Zusammenarbeit macht den Verbund erfolgreich. Das spricht sich rum und führt zu immer mehr Beitrittsinteressenten. 

 

Ich höre oft: In Städten wie Mühlhausen fahren zwei Minuten bevor der Zug aus Erfurt ankommt, alle Busse weg. 

 

Genau so etwas muss durch eine bessere Angebotskoordinierung vermieden werden. Im VMT haben wir einen Rahmenplan mit definierten Anschlüssen und Übergängen. Wir haben bereits ein System mit Echtzeitdaten für etliche Strecken. Der Bus bekommt dann den Hinweis, noch fünf Minuten auf den verspäteten Zug zu warten. Noch steckt das in den Kinderschuhen, aber wir arbeiten dran. Unser Ziel ist, das unternehmensübergreifend zwischen Bus und Zug zu bewerkstelligen. Trotz bestem Willen geht das manchmal nicht, weil oberste Priorität im ländlichen Raum der Schulbus ist. So ist das System ÖPNV im Vergleich zum Auto nicht attraktiv, zumal es nur an Schultagen funktioniert. Die Alternative wäre, den ÖPNV grundlegend neu zu planen und danach ergänzend den Schulbus. Einige Landkreise gehen diesen Weg schon. Um das flächendeckend hinzubekommen, bräuchte es aber ganz erbliche finanzielle Mittel. Die sind jetzt schon nicht vorhanden und werden immer knapper. Das Problem Inflation kommt noch oben drauf. 

 

Wie sehen sie die Chancen für eine Fortführung des 9-Euro-Tickets?

 

Die politische Rhetorik geht in Richtung Verkehrswende, Dekarbonisierung und weg vom Auto. Das nährt die Erwartung, dass es künftig mehr Busse und Bahnen mit immer günstigeren Fahrpreisen gibt. Auf der anderen Seite müssen Verkehrs- Unternehmen sich oft fragen, welche Linien sie streichen oder ausdünnen können, um Kosten zu senken. Notwendige Investitionen können nicht stattfinden. So manches Unternehmen müsste, nur damit der Fuhrpark gleich groß bleibt, 10 neue Busse pro Jahr anschaffen. Es bekommt aber nur Förderung für einen. Das verdeutlicht, wie hier auf Verschleiß gefahren wird. Die Verkehrswende ist weit weg. Es wird momentan der Kampf um die Aufrechterhaltung des Status Quo geführt, damit die Verkehrsbetriebe das Jahr 2023 ohne Rettungsschirm überhaupt überleben. Für ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket gibt es weder in Thüringen noch sonst wo die dafür notwendigen Strukturen. Die meisten Fachleute sagen ohnehin, am wichtigsten für die Verkehrswende ist der Ausbau des Angebotes. Politisch wird da eher auf Fahrpreise und Teilhabe geschaut. Ich finde, das ist kein Entweder-Oder, sondern eine Frage von verschiedenen Politikfeldern. Verkehrswende und Armutsbekämpfung sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Subventionierung von Ticketpreisen ist eine soziale Frage und sollte auch als solche diskutiert und budgetiert werden. Der Ausbau des ÖPNV-Angebotes ist eine Frage der Infrastruktur: Wollen wir mit öffentlichem Geld vorrangig öffentliche Mobilitätsangebote oder private Autofahrten finanzieren? Die letzten 70 Jahre haben wir uns in (West-)Deutschland für das Auto entschieden. Es wird Mut und Kraft erfordern, in Zukunft andere Prioritäten zu setzen. 

 

Thomas Holzmann