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Der rote Faden des Widerstands

Jochen Voit und Hamed Eshrat lasen im STZ Herrenberg auf Einladung des Wahlkreisbüros von André Blechschmidt aus ihrer Graphic Novel.

Edelweißpiraten, Swing Kids oder Weiße Rose – der deutsche Widerstand hat das Nazi-Regime weder verhindern, noch beseitigen können. Dennoch fehlt in keinem Schulbuch ein Kapitel, dass sich damit auseinandersetzt. Kaum bekannt ist, dass Jugendliche auch in Erfurt zivilen Ungehorsam leisteten.

 

Von Judith Huber 

 

Joachim Bock, Karl Metzner, Gerd Bergmann, Helmut Emmerich und Joachim Nerke gründeten 1943 die Erfurter Zelle des Nationalkomitees Freies Deutschland. Die Schüler verteilten damals Flugblätter, die Hitlers Sturz propagierten. Im selben Jahr flog die Aktion auf. Die Jugendlichen entgangen zwar dem Todesurteil, mussten aber Gefängnisstrafen zwischen 6 Monaten und 2 Jahren absitzen. 

75 Jahre später griffen der Zeichner Hamed Eshrat und der Historiker Jochen Voit die Geschichte der damals 15 und 16 Jahre alten Jungen in einer Graphic Novel auf. Anschaulich dokumentiert waren die historischen Tatsachen bereits. Aber Eshrat und Voit ging es nicht nur darum, das todesmutige Vorhaben der fünf Jugendlichen zu schildern. Im Fokus der Aufarbeitung stand vielmehr die Besonderheit des Protagonisten Karl Metzner.

Um die Einzigartigkeit Karl Metzners Geschichte zu verstehen, ist ein Zeitsprung nötig – nicht in die Zeit des 12 Jahre andauernden Naziregimes, sondern in die frühen 60er Jahre. Denn nach den Geschehnissen um die Erfurter Widerstandsgruppe, sollte es für Metzner nicht das letzte Mal sein, dass er sich gegen Unrecht auflehnte.

Ost-Berlin 1960: Metzner, der inzwischen Pfarrer ist, wird am Bahnhof Friedrichsstraße von einem Stasi-Mitarbeiter festgehalten. Er hat ein Tonbandgerät dabei. Eine Straftat, denn er hat es aus der Bundesrepublik eingeschleust. Um einen Prozess zu umgehen, wird Metzner angeboten als geheimer Informator seine Gemeinde zu bespitzeln. Doch er bleibt stoisch. In einem Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit heißt es später: „Der M. ging zunächst darauf ein, verhielt sich dann jedoch eigensinnig und unbelehrbar. Zweckdienliche Informationen über kirchliche Kreise lieferte er nicht.“

Dieser Bericht war Jochen Voit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße bereits bekannt, als Metzner ihn 2013 bat ein Klassentreffen dort zu organisieren. „Bei dem Treffen nahm mich ein ehemaliger Klassenkamerad von ihm beiseite und fragte mich, ob ich schon wüsste, dass Karl hier mal inhaftiert war“, erzählt Voit. Metzner hatte seine Geschichte, bis zu diesem Zeitpunkt nie erwähnt. „Ich kannte ihn nur als DDR-Oppositionellen. Er war ein bescheidener Mensch, der sich nie in den Vordergrund drängte“, sagte Voit, den der rote Faden des Widerstands, der sich durch Metzners Leben zog, faszinierte. So sehr, dass er gemeinsam mit dem Graphikdesigner Hamed Eshrat begann, diese Ereignisse in einer Graphic Novel zu schildern.

Der Titel war für die Autoren schnell klar: Nieder mit Hitler! Das war die Parole, die Karl und seine Freunde damals an die Wände der Schutzhütten im Steigerwald geschrieben hatten. Im Untertitel versteckt sich eine weitere Anspielung, die aber speziell auf Karl gemünzt ist: Der Radfahrer – oder genauer gesagt, warum Karl Metzner sich entschied, keiner zu sein. „Der Radfahrer ist hier eine Metapher: Nach unten treten, nach oben buckeln. Das hat er nie getan“, erklärten Voit und Eshrat, die in ihrem Comic versuchen, das Bild des Radfahrers auch auf eine weitere Ebene zu bringen, denn tatsächlich begeisterte sich der junge Karl sehr für den Radsport, besonders für den Profi-Fahrer Erich Metze.

Ungewöhnlich erscheint die Wahl des Mediums, dessen sich die Autoren Eshrat und Voit bedienen. Doch für die beiden, die sich vor einigen Jahren auf einer Lesung kennenlernten, habe sich so einfach der größte Spielraum ergeben. „Für uns in der Andreasstraße ist es gar nicht so ungewöhnlich, mit Comics zu arbeiten. Er kann ja auch alles erzählen, was Filme und Bücher können“, erklärte Voit.

Seit dem letzen Jahr gehen die Autoren auch auf Lesereise und stellen den historischen Comic mit eindrucksvollen Soundeffekten vor. Zudem liefern sie einen großzügigen Einblick in die geschichtlichen Ereignisse rund um die Hauptfigur und dessen Erlebnisse. Sogar im Ausland haben Voit und Eshrat schon gelesen. Das nächste große Ziel wird Tessaloniki sein.