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„An den Grenzen des Systems“

Lernen in den Zeiten von Corona: Wie geht es weiter mit Thüringens Schulen? Prüfungen, Digitalisierung und „heilige Kühe“, die gerade durch die Krise auf den Prüfstand müssen. In der UNZ diskutieren Schulleiter Falko Stolp von der Gemeinschaftsschule „Roter Berg“ und der Bildungspolitiker der LINKEN, Torsten Wolf (DIE LINKE).

Warum sind ausgerechnet die Abiprüfungen jetzt das erste, das in den Schulen wieder stattfindet?

 

Wolf: Um sich für einen Studienplatz bewerben zu können, braucht es ein von allen Bundesländern anerkanntes Abitur. Es gibt Fristen, die jetzt in der Wissenschaftskonferenz der Länder abgestimmt werden. Solange die für Numerus-Clausus-Fächer aber gelten und ein sehr enges Zeitkorsett vorgegeben ist, müssen wir uns daran halten, um niemandem seine Chancen zu verbauen.

Stolp: Nicht nur die Frage nach den Abiprüfungen zeigt, wie hoch der Bedarf ist, etwas Neues zu wagen und wie starr wir in Wirklichkeit sind. Unser Bildungssystem ist sehr schwerfällig, gerade was Prüfungen betrifft. Entsprechend kompliziert ist es dann, auf besondere Ereignisse zu reagieren. Das ist aber kein Naturgesetz. Wir können das ändern ...

Wolf: Für Helmut Holter als Bildungsminister, wie auch für die Bildungspolitiker der Koalition, ist der Abstimmungsbedarf durch Corona noch einmal erheblich gestiegen. Manchmal kommen wir an die Grenzen des Systems, z.B. bei der besonderen Leistungsfeststellung (BLF). Ich sehe die sehr kritisch. Aus der Landesregierung nehme ich jetzt aber Signale war, dass es auch dort ein Umdenken gibt … Als Bildungspolitiker tue ich mich mit diesen ganz großen Stellschrauben naturgemäß schwer. Wir sind in Thüringen gut aufgestellt, haben ein sehr binnendifferenziertes Schulsystem: alle haben je nach Befähigung und Neigung die Möglichkeit, einen Abschluss zu machen. Trotzdem schaffen dies derzeit 9 Prozent in Thüringen nicht. Das ist die größte Herausforderung, neben dem fehlenden Personal: Wie schaffen alle einen Abschluss? Regional gibt es große Unterschiede: in manchen Kommunen ist jede/e Dritte ohne Abschluss, Jena konstant nur 3 Prozent und das bei 80 Prozent Inklusionsquote!

Stolp: Gerade weil sie 80 Prozent Inklusionsquote haben, steht Jena so gut da. Der eigentliche Knackpunkt ist aber ohnehin das gegliederte Schulsystem.

Wolf: Das stimmt!

Stolp: Die hohen Quoten haben wir auch deshalb, weil viel zu viel separiert wird. Deshalb bin ich der Meinung: Gemeinschaftsschule für alle. Man kann es ja Gymnasium nennen, damit keiner beleidigt ist (lacht) … Aber im ernst: das dreigliedrige Schulsystem ist Ausdruck der sozialen Spaltung. Die Lobby der Gymnasien ist aber sehr groß.

 

Wie ist der Stand beim längerem gemeinsamen Lernen und warum ist man nicht so weit, wie es sich z.B. DIE LINKE das vorstellt?

 

Wolf: Direkten Einfluss habe ich als Abgeordneter und Bildungspolitiker nur bei Gesetzen, z.B. dem Schulgesetz. Rot-Rot-Rot-Grün hat mit dem im Juni 2019 beschlossenem Schulgesetz Entwicklungshindernisse für längeres gemeinsames Lernen aus dem Weg geräumt. Im ländlichen Raum haben CDU-Landräte Empfehlungen und Wünsche, Gemeinschaftsschulen zu entwickeln, einfach liegen lassen und nicht dem Kreistag vorgelegt. Jetzt gilt eine Frist von 6 Monaten, danach entscheidet das Ministerium.

Stolp: Diese Trägheit sollte uns aber bewusst machen, dass jedes Jahr, das ins Land geht, ein verlorenes Jahr für die Kinder ist. Das Schulgesetz geht den richtigen Weg, durch viele Kompromisse ist vieles aber nicht so weit umgesetzt wie ich es mir wünsche.

 

Wolf: Immerhin haben wir die Gesamtschulen zu einer echten Schulart gemacht.

 

Neben längerem gemeinsamen Lernen, gibt es die Idee, klassenübergreifenden Unterricht anzubieten. Wie ist der Stand in Thüringen?

 

Stolp: Wir sind gerade dabei. Dieses Jahr für die Klassen 5 und 6, nächstes Jahr kommen die 7 und 8 dazu. Da gibt es ganz viele Widerstände. Aber ich finde: Gerade die Kompetenzen die man im 21 Jahrhundert braucht, werden dadurch gestärkt. Nur Sachkompetenz reicht nicht.

Wolf: Durch Corona merken viele Schulen, wo sie stehen. Zu Hause einen individualisierten Wochenplan abarbeiten, das ist Reformpädagogik pur. Vor 2 Monaten war das noch völlig undenkbar. Wir müssen deshalb schauen wohin sich Schule vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen entwickeln soll.

Stolp: Die Krise zeigt vor allem den Entwicklungsstand bei der Digitalisierung. Es gibt hier leider auch in der Lehrerschaft ein starkes Gefälle. Aus diesem Grund muss der Pflicht zur Weiterbildung ein größeres Augenmerk geschenkt werden. Ich kann eine schulinterne Fortbildung ansetzen. An der müssen alle teilnehmen. Aber ansonsten sind mir die Hände mehr oder weniger gebunden.

Wolf: Vom Bund kommen jetzt immerhin endlich die Mittel für Endgeräte, vor allem für die sozial schwächeren Familien. Häufig sind das alleinerziehende Mütter oder Familien mit Migrationshintergund. Ich bin dafür, dass wir die 150 Euro, die es pro Schüler gibt, als Land noch um 100 Euro aufstocken.

 

Im Zuge der Krise wird es in Thüringen kein „Sitzenbleiben“ geben. Ein gute Idee?

 

Stolp: In der Gemeinschaftsschule gibt es eine erste Versetzungsentscheidung erst in der 8. Klasse. Selbst die ist, meiner Meinung nach, mitten in der Pubertät unnötig. In Gymnasien wird das noch restriktiver gehandhabt. Wir sollten generell darauf verzichten. Statt dessen sollte nach der 8. Klasse gemeinsam mit den Eltern die Schullaufbahn besprochen werden. Die individuelle Abschlussphase wurde dafür eingeführt. Das schafft mehr Spielräume. Das jahrgangsübergreifende Lernen unterstützt das noch zusätzlich und ein „Sitzenbleiben“ würde dann gar nicht mehr so auffallen. Damit fällt dann auch der Demütigungscharakter weg.

Wolf: Prinzipiell ist das alles richtig. Es gibt viele Schulen und LehrerInnen, die sind noch nicht so weit. Unsere Aufgabe ist es, an allen Schulen die Möglichkeiten zu schaffen, damit jede dieser Lehranstalten ihre eigenen Wege bei den Versetzungsentscheidungen gehen kann.

 

Interview: Thomas Holzmann