21. November 2017

Vom deutschen #Aufschrei zum weltweiten #MeToo

Von Hülya Tapti 

 

Die Enthüllungen über die jahrelangen sexuellen Übergriffe des amerikanischen Filmproduzenten Weinstein, haben eine Lawine des Protests losgelöst. Unter dem Hashtag #MeToo werden sexuelle Übergriffe gegen Frauen diskutiert. Frauen fühlen sich ermutigt, ihr Schweigen zu brechen. 


Sexuelle Übergriffe auch im Europäischen Parlament


Diese Debatte hat mit voller Wucht das Europäische Parlament erreicht. Auch im Zentrum der europäischen Demokratie gab es sexuelle Übergriffe auf Mitarbeiter*innen. Die gesellschaftliche Wirklichkeit bildet sich auch hier ab. Aber verwundert das wirklich? 
Unser neoliberales Wirtschaftssystem beruht auf Hierarchie und Macht, auf befristeten Arbeitsverträgen, die Arbeitnehmer*innen in eine Abhängigkeit drängen. Dieser Raum der Abhängigkeit bildet die Grundlage für sexuelle Übergriffe und Belästigungen von Chefs und Kollegen gegen Mitarbeiter*innen. Sexuelle Gefälligkeiten werden von ihnen als Preis fürs Dabeibleiben in der Hierarchie eingefordert. Gerade in Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, in denen Machtgefälle und soziale Asymmetrien existieren, kommt es zu sexuellen Übergriffen. Das Europäische Parlament ist ebenso ein Ort, in dem es um Macht, Einfluss und Status geht. Die symbolische Gewalt fungiert als Platzanweiserin. Sie verteilt Positionen und strukturiert soziale Räume.

 

Was ist seitdem geschehen?


Im Europäischen Parlament gibt es einen Ausschuss, an den sich betroffene Frauen wenden können. Doch seit 2014 wurden nur zehn Fälle gemeldet. Dass es weitaus mehr gibt, zeigt der Aufruf des Online-Magazins Politico: Betroffene sollten ihre Erfahrung schildern. Auf diesen Aufruf haben sich inzwischen mehr als 80 Personen gemeldet.
Mit einer großen Mehrheit (580 Stimmen dafür) wurde im Oktober in Straßburg eine Resolution verabschiedet. Zusammen mit den Sozialdemokraten und Grünen hat es die Linksfraktion GUE/NGL geschafft, einen Aktionsplan zur Null-Toleranz-Politik in der Resolution zu verabschieden – inklusive unabhängiger Aufklärung der Fälle, die gewährleistet werden soll durch eine externe Beschwerdestelle.

 

EU muss mehr tun


Doch die EU muss noch mehr tun: sie muss sich klar zur Gleichstellung von Frauen bekennen und Maßnahmen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen ergreifen. Ende letzten Jahres wurde seitens der EU endlich die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen unterzeichnet. Jetzt muss es eine zügige Umsetzung und eine europaweite Richtlinie gegen Gewalt gegen Frauen geben, damit in allen Mitgliedsstaaten konsequent gegen Übergriffe und Belästigungen vorgegangen wird.


Die internationale Diskussion, die geführt wird, war wichtig, noch wichtiger ist aber Sexismus als strukturelles Problem der Gesellschaft langfristig zu bekämpfen. Gesellschaftliche Veränderungen sind bekanntlich langwierige Prozesse, die nicht über Nacht geschehen. Es bleibt noch viel zu tun.

 

Kein neues Phänomen

 

Das Problem der sexuellen Belästigung ist kein neues Phänomen. Begrifflich fassbar gemacht wurde sexuelle Belästigung durch die Arbeit von feministischen und gewerkschaftlichen Gruppierungen in den 1970er Jahren in den USA. Bereits Arbeiter*innen in den Fabriken waren sexueller Belästigung ausgesetzt. Es ist ein Problem mit langer Vergangenheit aber kurzer Geschichte. In einer männerbezogenen Welt erfahren Frauen ihre Körper und sich selbst als defizitär. Sie sind traditionellerweise Objekte des Zurschaustellens und ihnen werden andere Aufgaben und Positionen zugeschrieben als Männern. Frauen werden dadurch mit ihren Körpern zu Objekten der Sicht und nicht Subjekte des Sprechens. Darunter liegt die sozial verfes-tigte Asymmetrie, dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt als bei Männern.