30. Januar 2018

Arbeit auf Abruf

Digitale Tagelöhner bekommen eine Nachricht aufs Handy, wenn es Arbeit gibt. Solche atypischen Arbeitsplätze nehmen in der EU immer mehr zu.

Von Thilo Janssen

 

Stefanie aus Erfurt hat endlich einen Job gefunden. Ihre neue Chefin sagt, sie arbeite „erstmal ein halbes Jahr auf Probe“. Seit drei Wochen packt Stefanie täglich in der Firma mit an. Noch hat sie kein Blatt Papier erhalten, auf dem steht, wieviel Lohn sie bekommt und was ihre Arbeitszeiten sind. 

Bogdan aus Bukarest ist Koch bei einer Restaurant-Kette. Er hat einen Vertrag, in dem keine Arbeitszeit festgelegt ist. Es ist ein Null-Stunden-Vertrag. Bogdan weiß nie, wann er arbeiten muss und wieviel Lohn er am Ende des Monats hat. 


Christine aus Paris ist eine Plattform-Arbeiterin. Sie bekommt eine Nachricht auf ihr Smartphone, wenn es Arbeit gibt. Sie ist eine digitale Tagelöhnerin. Viele Menschen arbeiten für Plattformen wie Uber, Deliveroo oder Amazon Mechanical Turk. 
Mehr als die Hälfte der in den letzten 10 Jahren entstandenen Arbeitsplätze in der EU ist „atypisch“. Als 2016 das EU-Parlament die Europäische Säule sozialer Rechte debattierte, stand der Kampf gegen schlechte Arbeitsbedingungen deshalb an erster Stelle. „Wir brauchen gute Arbeit für alle Menschen in der EU“, forderte Gabi Zimmer. Das EU-Parlament forderte eine neue Richtlinie mit EU-Standards für gute Arbeitsbedingungen. Zum Beispiel sollten Null-Stunden-Verträge verboten werden. 
Drei Tage vor Weihnachten 2017 legte die EU-Kommission einen Vorschlag auf den Tisch: Eine „Richtlinie über transparente und verlässliche Arbeitsbedingungen“. Das klingt erstmal gut. Doch wird sich für Stefanie, Bogdan und Christine etwas ändern? 
In dem Entwurf stehen ein paar gute Sachen. In Zukunft würde zum Beispiel Christine aus Paris endlich als Arbeitnehmerin gelten. Bisher galt sie als selbstständig, obwohl sie abhängig vom Arbeitgeber und nach dessen Weisung arbeitet. Viele Arbeitnehmerrechte galten für sie nicht. Dies würde sich mit der Richtlinie ändern.


Auch die Situation der Erfurterin Stefanie würde sich verbessern. Arbeitgeber sollen zukünftig gleich am ersten Tag schriftlich mitteilen, unter welchen Bedingungen ein Beschäftigter arbeiten soll. Das schließt ein: Arbeitszeit, Lohn und Arbeitsort. Nach bisherigem Recht in Deutschland hätte Stefanie erst nach einem Monat eine schriftliche Information von der Firma bekommen müssen. 


Die Kommission will, dass eine Probezeit zukünftig nicht länger als sechs Monate dauern darf. In Deutschland gilt diese Obergrenze bereits – für Stefanie aus Erfurt ändert sich hier nichts. Doch die Kommission hat ein gefährliches Schlupfloch eingebaut: Die Probezeit soll länger dauern dürfen, wenn es „im Interesse“ der Beschäftigten ist. So könnte eine Firma eine Beschäftigte wie Stefanie leicht unter Druck setzen: Entweder sie unterschreibt, dass eine längere Probezeit „in ihrem Interesse“ sei – oder sie verliert den Arbeitsplatz. Aus der Probezeit würde ein unsicherer Job auf Abruf. 


Die wichtigste Forderung des EU-Parlaments hat die Kommission nicht aufgegriffen: Null-Stunden-Verträge will sie nicht verbieten. Bogdan würde lediglich „Referenzstunden“ genannt bekommen, wie viel er voraussichtlich arbeiten wird. Das bringt ihm gar nichts, wenn der Arbeitgeber einfach davon abweicht. So würden viele Menschen weiter mit Null-Stunden-Verträgen und Plattform-Arbeit ausgebeutet. 


Jetzt ist das EU-Parlament gefragt. Wenn die Abgeordneten die Richtlinie mit den Mitgliedsstaaten verhandelt, müssen die sie sich mit harter Hand für die Beschäftigten einsetzen. Voll bezahlte Vollzeitarbeit – das muss wieder Standard werden in der EU.