3. Juli 2018

Seerettung in Not

Von Anna Schröder 

 

Täglich flüchten Menschen über das Mittelmeer. Für viele endet die Flucht tödlich. Die Freiwilligen der Seenotrettung wollten dem Sterben und der Untätigkeit der Europäischen Union nicht länger zuschauen. Sie gründeten Organisationen wie Mission Lifeline, Sea Eye, Proactiva Open Arms oder Sea-Watch. Mit ihren Schiffen retten sie Tausende vor dem Ertrinken. Doch ihnen werden die Hände immer enger gebunden. Weniger Spendengelder und juristische Streitereien mit Rechtsextremen zerren an den Kräften der Freiwilligen. Sogar das öffentliche Interesse hat stark abgenommen. Jeden Tag kommen Menschen bei ihrem Fluchtversuch ums Leben. Doch in den Medien ist es stiller geworden. 

Die Schiffe Aquarius und Lifeline sorgen wieder für Schlagzeilen. Italien und Malta verweigerten den Seenotrettern die Einfahrt in ihre Häfen. Die Aquarius gehört den Hilfsorganisationen SOS Mediterranée und Ärzte ohne Grenzen. Sie ist das größte Boot der Seenotretter. Mit rund 630 Flüchtlingen an Bord harrte es tagelang auf dem Mittelmeer aus. Endlich nahm Spanien die erschöpften Menschen auf. Die Lifeline gehört dem Dresdner Verein Mission Lifeline. Das umgebaute Forschungsschiff hat mehr als 230 Menschen an Bord. Der linke portugiesische EU-Abgeordnete João Pimenta besuchte Lifeline. Frauen, Männer und Kinder warten auf engstem Raum wenige Kilometer vor den Küsten Italiens und Malta. Viele sind krank und müssen medizinisch versorgt werden. Die Freiwilligen arbeiten unermüdlich. Oft sind sie überlastet.

Währenddessen streiten die Regierungschefs, wer zuständig ist. Eigentlich koordiniert Rom die Seenotrettung. Die neue italienische Regierung hat dies beendet. Sie will mit den Flüchtlingen nichts zu tun haben. Bei der Parlamentswahl im März gab es einen Rechtsruck. Der aktuelle Innenminister Matteo Salvini der rechtsradikalen Lega hatte im Wahlkampf versprochen, Flüchtlinge zu stoppen. Auf sein Drängen verweigerte die italienische Regierung zum ersten Mal einem Rettungsboot, in den Hafen einzulaufen. Salvini und der Chef der mitregierenden Fünf-Sterne-Bewegung, Luigi Di Maio, drohten die Besatzung der Lifeline festzunehmen, sollte sie anlegen. Auch Malta wies die Boote ab. Menschen in Not werden zum Spielball eines Machtkampfes zwischen Regierungschefs. Ein Armutszeugnis für die EU-Länder.


Dabei stechen nur noch wenige Hilfsorganisationen in See. Sie stehen vor einem Berg kaum zu bewältigender Probleme. In Brüssel sprachen Freiwillige darüber mit der Linksfraktion im Europaparlament. Die GUE/NGL hat Mission Sealife, Sea-Watch und andere Vereine eingeladen. Alle brauchen Spendengelder. Die wurden in den letzten Monaten weniger. Sich juris-tisch abzusichern kostet Geld und Nerven. Die Vereine brauchen Öffent- lichkeit für ihre Aktionen. Als die Aquarius in Valencia und die Lifeline in Senglea einliefen, wurden sie von der Presse schier überrannt. Klar ist, dass die Seenotrettung gebraucht wird. Menschen sterben im Mittelmeer. Je weniger Schiffe dort sind, desto höher ist die Zahl der Toten. Die Freiwilligen stemmen, was eigentlich die Regierungen tun müssten. Die EU gründet sich auf der Achtung der Menschenwürde und Wahrung der Menschenrechte? Diese Werte werden mit Füßen getreten. Millionen werden in eine Festung Europa gesteckt. Wir brauchen keinen Machtkampf auf dem Rücken von Menschen, die aus Angst um ihr Leben aus ihren Heimatländern fliehen. Wir brauchen legale und sichere Wege nach Europa. Die Fälle der Aquarius und Lifeline zeigen, wie weit sich Europa von menschlichen Werten entfernt.