14. Januar 2014

Diskussionsanstoß über die Entwicklung der Landeshauptstadt

2017 wird der Erfurter Hauptbahnhof zu einem zentralen ICE-Drehkreuz. Das bietet zahlreiche Chancen für die Stadt in der Mitte Europas. Foto: th

Erfurt hat mit seiner historischen Altstadt, dem Dom oder der ega einiges zu bieten, nicht nur für Touristen. Doch geht es um Lebensqualität oder Hochkultur, dann denken viele eher an Jena oder Weimar, während Erfurt des öfteren ein Provinzcharakter bescheinigt wird. Dabei war und ist Erfurt eine Stadt im Herzen Europas, die über tausend Jahre ein Knotenpunkt im europäischen Handel war. Verkehrswege prägten immer die Entwicklung der Stadt. 

 

Ein Bahnhof in der Mitte Europas

 

Das ist auch der Beginn der Überlegungen, die der Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, in die Diskussion wirft. Zentraler Ansatzpunkt ist die Tatsache, dass der Erfurter Hautbahnhof sich zu einem wichtigen Umsteigekreuz entwickeln wird. „2017 und [in] den Folgejahren – wird es zum modernsten Umsteigedrehkreuz der Bundesrepublik und im ICE-Vertaktungsnetz, auch vergleichbar mit der Kreuzungswirkung der alten Handelsstraßen. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass diesmal der Kreuzungspunkt nicht in Leipzig liegt, sondern in Erfurt.  

2017 und in den darauffolgenden Jahren wird entscheidend sein, ob wir Personenströme, die Erfurt in rasender Geschwindigkeit durcheilen, umlenken, etwas verzögern oder möglicherweise auch anhalten lassen können. 

Waren es vor tausend Jahren die Händler, die eingeladen wurden, in der Stadt zu bleiben, um ihre Ware feil zu bieten und im Gegenzug den notwendigen Schutz zu erhalten, so werden es in Zukunft z.B. Großorganisationen sein, die deutschlandweit die idealsten Plätze suchen, um große Kongresse, Tagungen und Konferenzen durchzuführen“, heißt es in dem Papier „Erfurt 2050“.  

Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage Multifunktionsarena neu, zumal so weit größere Nutzungspotentiale entstehen könnten als ein vielleicht erfolgreicher Zweitligist FC Rot-Weiß Erfurt erbringen könnte. 

 

Metropolregion ohne städtebauliche Hülle

 

Zwar bekennt sich Bodo Ramelow zur seiner eher ablehnenden Haltung mit Blick auf die durch Thüringen verlaufende ICE-Verbindung Berlin-Nürnberg – ein Ausbau der Mitte-Deutschland-Verbindung wäre aus Sicht der LNKEN die bessere Wahl gewesen – doch Ramelow weiß auch: Gerade das ICE-Kreuz ist eine viel größere Chance für Erfurt, als es der Flughafen je war. Ein mitteldeutsches Verkehrskonzept im Sinne von: in Erfurt in den Zug steigen und in Leipzig fliegen, sind alle Landesregierungen bisher schuldig gelieben, kritisiert der Thüringer Oppositionsführer zu Recht. Zumal durch den Abschluss des Ausbaus der Thüringer Autobahnen in diesem Jahr der Drehkreuzcharakter Erfurts sich noch verstärkt und während andere Städte versuchen, sich künstlich zu einer Metropolregion zusammenzuschließen, passiert dies in Erfurt fast automatisch, aber ohne „städtebauliche Hülle“, wie an Rhein, Ruhr oder dem Frankfurter Raum.

 

Was sich ändern muss

 

Eine zentrale Überlegung, ist die Einbettung des ICE-Kreuzes in ein attraktives Thüringer S-Bahn-Netz. Besonders wichtig ist dies mit Blick auf Städte wie Saalfeld, die zukünftig vom ICE nicht mehr bedient werden. Ein gut funktionierendes, vom Land implementiertes S-Bahn-System, würde die Chance bieten, völlig neuen Verkehrsinfrastrukturverbindungen auf bestehenden Netzen aufzubauen. 

Günstig für solche Reformen sind die, wie auch in anderen thüringer Städten, gut ausgebauten Straßenbahnsysteme. Hier sei aber noch eine bessere Vertaktung und mehr noch, ein einheitlicher, landesweiter Verkehrsverbund auf den Weg zu bringen, heißt es in dem Diskussionspapier. Dazu müssen auch Ideen und Konzepte wie Park and Ride oder Elektromobilität zusammen mit wichtigen Erfurter Großereignissen, wie Domstufenfestspielen oder Krämerbrückenfest gedacht werden.  

 

Via Regia im 21. Jahrhundert

 

Vernetzung heißt das Zauberwort des 21. Jahrhunderts und so auch in Ramelows Papier: „Warum soll die alte ungenutzte Zahnklinik nicht endlich zu einem Zentrum für barrierefreies Wohnen sowie gemeinsames Leben von Studenten im Rahmen eines Mehrgenerationenhauses entwickelt werden? Warum sollte die KOWO nicht eingebunden werden, um die Zahnklinik zu übernehmen und etwas völlig neues mitten in der Stadt zu initiieren? Vernetzt muss man sich die Stadt betrachten, aber man muss einen Abstand zur Stadt gewinnen, um ihre Entwicklungspotenziale besser sehen zu können. Da hilft ein Perspektiv-wechsel in zeitlicher oder räumlicher Hinsicht. Blicke auf Via Regia und Via Imperii helfen dabei und vielleicht eine Wanderung rund um die Stadt, um von weitem deren Potenziale zu sehen. Das pumpende Herz dieser virtuellen Metropole in der Mitte  Europas wird der ICE-Bahnhof sein.

Die Frage ist, ob wir die städtischen Blutkreisläufe zusammenschließen und ob wir den Mut dazu haben, jetzt die Weichen im großen Maßstab zu stellen für 2050. Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen und Weichen stellen. Jetzt!“                                 

Thomas Holzmann 

 

Das ganze Papier finden Sie unter:   

http://www.bodo-ramelow.de/nc/tagebuch/post/2013/12/24/erfurt-2050-ein-diskussionsangebot/