2. Juli 2014

Vor 80 Jahren – Verbrechensorgie unter Verbrechern

Verbrecher unter sich: Ernst Röhm mit seinem Duzfreund und späteren Mörder.

Obwohl es ihn nie gegeben hat, benutzt bundesdeutsche Geschichtsschreibung nach wie vor und ganz offiziell den Begriff „Röhm-Putsch“ für jene Verbrechensorgie vom 30. Juni und 1. Juli 1934, in der sich die am 30. Januar 1933 an die Macht geschobenen Verbrecher gegenseitig an die Gurgel gingen. Was damals geschah, wird mit jenem Begriff sowohl verharmlost als auch gerechtfertigt, denn Putschisten sind gewöhnlich Abenteurer, von denen außer Mord und Totschlag nichts zu erwarten ist, auf jeden Fall nichts Gutes.

Dieser 30. Juni 1934 war Höhepunkt und Abschluss der ersten großen Krise des deutschen Faschismus: Hatte die mittlerweile an die vier Millionen Mitglieder zählende SA als bewaffnete Bürgerkriegstruppe der Nazi-Partei mit bislang ungekannter Brutalität gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, bürgerlich-humanistische und christliche Gegner des Faschismus sowie jüdische Mitbürger die Straßen freigeprügelt und ihr dadurch mit zur Macht verholfen, wurde sie nun nicht nur lästig, sondern gefährlich. Der Fackelzug durch das Brandenburger Tor am 30. Januar 1933 war nicht lediglich eine Huldigung an Hitler gewesen, sondern der Auftakt zu einer langen Orgie brutalster Gewalt. Nach den Fackeln brannte der Reichstag, fünf Jahre später die Synagogen und sechs Jahre danach die ganze Welt. Hunderte von der SA unterstehenden „wilden Konzentrationslagern“ sowie ihre Sturmlokale waren zu Stätten grausamsten Terrors geworden. Erinnert sei nur an die „Köpenicker Blutwoche“ mit 91 Toten und vielen Verletzten, die „Großbreitenbacher Bluttage“ oder die Konzentrationslager Sachsenburg bei Mittweida und Stettin-Bredow. Gegen die Wahrheit halfen auch keine Propagandafilme, die diese KZ zu mehr oder minder harmlosen „Umerziehungslagern“ verfälschten. Ansehen und Stellung der Nazi-Partei waren bei breiten Kreisen der Bevölkerung auf einen gefährlichen Tiefpunkt gesunken.

Es brodelte auch innerhalb der Mitgliedschaft der SA und in der Führung: Viele waren ihr einst beigetreten, weil ihnen die Nazi-Partei versprochen hatte, so rasch wieder aus der Arbeitslosigkeit oder dem trostlosen Dasein des verarmten Kleinbürgers herauszukommen. Doch die Rezepte dafür waren weder neu noch tauglich – körperlich schwere und schlecht bezahlte sowie minderqualifizierte Erdarbeiten beim gerade erst angelaufenen Autobahnbau oder bei Landgewinnungs- und Entwässerungsvorhaben waren erst einmal alles. Eine ebenso versprochene Übernahme in die Reichswehr blieb ebenfalls aus. Weder erfolgten Maßnahmen zur „Brechung der Zinsknechtschaft“ noch gegen die Übermacht der großen Warenhauskonzerne, die sich so mancher Handwerker und Gewerbetreibender erhofft hatte. So wuchs die Unzufriedenheit innerhalb der SA, die den Lohn für ihre Dienste wollte. Die Parole von einer „zweiten Revolution“ ging um, wo doch Hitler gerade erst die „nationale Revolution“ für „ beendet“ erklärt hatte.

Die SA-Führung unter Stabchef Ernst Röhm machte sich diese Unzufriedenheit natürlich zunutze, sah sie doch, dass ihre Schlägertruppen schlichtweg nicht mehr gebraucht wurden und so ihre Machtpositionen im Schwinden begriffen waren. Innerhalb der Nazi-Partei wuchs die Konkurrenz der ihr zwar formal noch unterstellten, aber mehr und mehr nach Selbständigkeit strebenden elitären SS Himmlers und gegen die versprochenen Übernahmen in die Reichswehr opponierte deren aristokratisch-elitär geprägtes Offizierskorps. Gerade dort wollte man die zugesagte Machtstellung als „alleiniger Waffenträger der Nation“ nicht mit nach oben gespülten plebejischen Emporkömmlingen teilen. Die Herren des großen Industrie-, Bank- und Agrarkapitals wurden unruhig, sahen sie doch ihre Pläne gefährdet, desgleichen die Generalität der Reichswehr. Und Hitler wusste ganz genau, wer ihn und seine Partei dafür bezahlt hatte, dass er die Herrschaft des Großkapitals stabilisieren half. Er wusste auch ganz genau, dass dessen Weltherrschaftspläne nur mit einer modernen und schlagkräftigen Armee zu verwirklichen waren. Er war seinen Auftraggebern verpflichtet und in deren Interesse lag es, die SA als Machtfaktor zu beseitigen. Also schlug er mit Hilfe von Himmlers SS sowie mit Unterstützung der Reichswehr zu: Unter dem Vorwand, auf einer Führertagung alle Probleme zu klären, wurde die gesamte SA-Führung am 28. Juni 1934 ins bayerische Bad Wiessee befohlen. Am 30. Juni wurden die noch schlaftrunkenen und nichtsahnenden SA-Führer durch SS-Kommandos in der Pension Hanselbauer verhaftet, in das Gefängnis Stadelheim gebracht und von einem SS-Kommando unter dem Befehl von Sepp Dietrich, Kommandeur von Hitlers Leibstandarte, erschossen. Stabchef Ernst Röhm, einer der ganz wenigen Duzfreunde Hitlers, wurde zunächst nahegelegt, Selbstmord zu begehen. Als er sich weigerte, erschoss ihn Theodor Eicke, als einer der brutalsten und skrupellosesten SS-Führer erster Kommandant des KZ Dachau und im Kriege Befehlshaber der wegen ihrer Grausamkeit berüchtigten und gefürchteten SS-Division Totenkopf, auf persönlichen Befehl Hitlers. Doch diese Mordorgie traf nicht nur den Führungsstab der SA – auch wegen ihrer Terrormethoden und ihres persönlichen Lebenswandels sowie Mitwisserschaft bzw. Beteiligung an Verbrechen wie dem Reichstagsbrand übel beleumdete und daher nun lästige SA-Führer wie Edmund Heines, Polizeipräsident von Breslau, Karl Ernst, SA-Führer von Berlin-Brandenburg und einer der Reichstags-Brandstifter, sowie Peter von Heydebreck, SA-Führer von Pommern, wurden an jenem Tage ermordet. Ihnen folgten Personen, die sich vor 1933 mit Hitler überworfen hatten, so der ehemalige Organisationsleiter der NSDAP, Gregor Strasser, und Gustav Ritter von Kahr, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident, der dem Putsch vom 9. November 1923 nach anfänglichen Zusagen seine Unterstützung verweigert hatte. Hier wurden gewissermaßen „alte Rechnungen“ beglichen. Auch der Reichswehrführung ließ der Diktator mit der Ermordung des ehemaligen Reichskanzlers, General Kurt von Schleicher, und des Generals Ferdinand von Bredow zeigen, wo ihre Grenzen lagen.

Daneben fielen der Mordorgie auch an den Machtkämpfen innerhalb der Nazi-Führung gänzlich unbeteiligte Personen zum Opfer, manche zwar aus bloßem Zufall, viele aber aus voller Absicht: Erich Klausener, Leiter der „Katholischen Aktion“ und Gegner des Faschismus, Alexander Zweig, jüdischer Arzt aus Hirschberg im Riesengebirge, Erich Gans, Mitglied der KPD und im KZ Dachau inhaftiert, Walter Häbich, Mitglied der KPD und Redakteur der Münchener „Neuen Zeitung“, ebenfalls in Dachau inhaftiert, und viele andere. Die Nazi-Führung entledigte sich sowohl ihrer Konkurrenten als auch zahlreicher ihrer politischen Gegner. Nach vorsichtigen Schätzungen fielen dieser Mordaktion mindestens 200 Personen zum Opfer, die genauen Zahlen wurden geheimgehalten. Nur eine kleine Zahl potentieller Opfer entging der Mordaktion oder wurde ob ihrer Prominenz auf Weisung Görings in den Listen gestrichen. Hitler ließ die Morde am 3. Juli per Gesetz als „Staatsnotwehr“ legalisieren – der Faschismus war über eine mit Verbrechen gepflasterte Straße an die Macht gebracht worden, er hielt sich mit Verbrechen an der Macht und er endete so, wie er begonnen hatte – als verbrecherisches System.

 

Hans-Joachim Weise