7. Juli 2014

Schüsse, die zum Weltbrand führten

Thronfolger Franz Ferdinand und Ehefrau Sophie beim Verlassen des Rathauses von Sarajevo – nur wenige Minuten vor ihrem blutigen Ende

„Sarajevo, elf Uhr zwanzig. Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit wurde erschossen.“ - so lautete der Überlieferung nach der Text des Telegramms, den Adjutant Graf Paar am 28. Juni 1914 Franz Joseph I., seines Zeichens Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn, zur Kenntnis gab. Auf ausdrückliche Nachfrage setzte der Adjutant hinzu: „Die Herzogin von Hohenberg wurde ebenfalls erschossen.“ Das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar war ausgelöscht – ein Umstand, den manche mit Aufatmen, Befriedigung, ja Freude aufnahmen, andere mit Trauer und alsbald schon viele Menschen mit größter Sorge: Mindestens seit der letzten Dekade des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatten die bedeutendsten Staaten Europas wie auch solche, die nach Bedeutung und Vormachtstellung strebten, zum Krieg gerüstet.

 

Das kaiserliche Deutschland, infolge jahrhundertelanger Kleinstaaterei und später Reichseinigung bei der Aufteilung der Welt zu kurz gekommen, strebte nach einer seinen Ansprüchen angemessen erscheinenden Neuordnung. Auch das unter der Führung Garibaldis recht spät geeinte Italien machte seine Interessen im Mittelmeerraum und auf dem Balkan geltend. Großbritannien und Frankreich wollten ihre Rolle als Weltmächte nicht nur bewahren, sondern weiter ausbauen, den riesigen Kolonialbesitz halten und nach Möglichkeit noch vergrößern. Die herrschenden Kreise des als Völkergefängnis berüchtigten zaristischen Russland sahen trotz schmachvoller Niederlage gegen Japan 1904 und Revolution von 1905 den einzigen Ausweg aus den immer drängender gewordenen sozialen und nationalen Problemen in einem erfolgreichen kriegerischen Abenteuer. Gleiches betraf die längst dahinsiechende und dieserhalb vor dem Zerfall stehende, ebenfalls als Völkergefängnis berüchtigte österreichisch-ungarische Monarchie. Sie sah sich nicht nur mit wachsenden nationalen und sozialen Spannungen im Innern konfrontiert – mit dem 1878 seine Unabhängigkeit von der Türkei erkämpft habenden, aus den beiden Balkankriegen von 1912/13 siegreich hervorgegangenen und unter dem Schutz des Zarenreiches stehenden Königreich Serbien war ihm eine ernsthafte Konkurrenz um die Vorherrschaft auf dem Balkan erwachsen. So drängten alle Seiten zum Krieg, rüsteten immer weiter, bescherten den Rüstungskonzernen märchenhafte Gewinne, die ein Weltbrand in noch märchenhafteren Ausmaßen vermehren sollte. Allein die Firma Krupp als bedeutendstes deutsches Rüstungsunternehmen erzielte zwischen 1910 und 1914 einen Gewinn von 207 Millionen Mark, aus dem dann im Kriege insgesamt 432,2 Millionen Mark werden sollten. Deutschland hatte 1914, nur im Landheer, 3.823.000 Mann unter Waffen, Österreich-Ungarn 2.500.000, Frankreich 3.580.000, Russland 5.338.000 und die Seemacht Großbritannien 350.000. Das Pulverfass war also längst mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllt, es fehlte nur noch der Anlass, der zum Anlegen der Lunte geeignet war.


 

Zum gefährlichsten Unruheherd auf dem Balkan waren Bosnien und die Herzegowina geworden – nach der türkischen Niederlage in den Befreiungskämpfen der Völker dieser Region 1878 von Österreich-Ungarn militärisch besetzt, war es 1908 der Doppelmonarchie gegen den Widerstand breiter Kreise der Bewohner und natürlich Serbiens auch de jure einverleibt worden. An der sozialen Lage der weitgehend bäuerlichen Bevölkerung hatte sich in 30 Jahren österreichisch-ungarischer Herrschaft kaum etwas geändert. Die von feudalen Strukturen geprägte osmanische Agrarverfassung bestand nach wie vor, die Macht der moslemischen Großgrundbesitzer war nie angetastet, die Leibeigenschaft lediglich durch einen horrenden Pachtzins abgelöst worden. Noch immer konnten die Grundherren zwei Drittel der Ernte für sich beanspruchen, hatten Bauern von sechs Wochentagen vier für Fronarbeit zu opfern. Nicht einmal zwölf Prozent von ihnen konnten lesen und schreiben, für eine Bevölkerung von fast 2 Millionen Menschen mussten fünf höhere Schulen genügen, kaum 200 verfügten über einen Universitätsabschluss. Unter dem militärischen Landeschef General Oskar Potiorek wurde jede demokratische Regung, jeder soziale und nationale Protest mit brutaler Polizeigewalt unterdrückt. So war es kein Wunder, dass vor allem die Schul- und die studentische Jugend aufbegehrte und die Lösung aller sozialen und nationalen Probleme in einer raschen, auch gewaltsamen Beendigung der österreichisch-ungarischen Fremdherrschaft und der Bildung eines einheitlichen südslawischen Staates unter Serbiens Führung sah. Das Königreich förderte diese Bestrebungen durch Vergabe von Studienplätzen und Stipendien an Belgrader Gymnasien und Hochschulen, lagen sie doch im Interesse seiner machtpolitischen Ziele auf dem Balkan. Uneins waren sich die herrschenden Kreise freilich hinsichtlich des Weges, auf dem ein großserbisches Staatswesen zu erreichen sei. Ausdruck dessen war die Schaffung zweier einander feindlich gegenüberstehender Offiziersvereinigungen: Während die „Bijela Ruka“ („Weiße Hand“) unter Petar Živković dem Königshaus und dem Ministerpräsidenten Pašić nahestand, setzte die vom Chef des militärischen Geheimdienstes, Oberst Dragutin Dimitrijević, genannt Apis (altägyptisch „Stier“, lateinisch „Biene“) geführte „Ujedinjenje ili Smrt“ („Vereinigung oder Tod“, auch „Zrna Ruka“, „Schwarze Hand“, genannt), auf den russischen Generalstab und die Beseitigung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg-Este, auch unter Inkaufnahme eines Krieges. Er, der nach seiner Thronbesteigung die morsche Donaumonarchie vor allem durch eine weitere Verschärfung der nationalen Unterdrückung und die radikale Bekämpfung aller sozialdemokratischen und sozialistischen Bestrebungen zu stabilisieren gedachte, galt sowohl der jungbosnischen Bewegung als auch der „Schwarzen Hand“ als das Haupthindernis zur Erreichung ihrer Ziele. Von begreiflichem Hass, serbischem Patriotismus und vor allem Ungeduld erfüllte, mit anarchistischen Ideen von Kropotkin bis Bakunin vollgestopfte junge bosnische Intellektuelle, Studenten und Schüler trafen sich in ihren Zielen mit der „Schwarzen Hand“, die deren Idealismus eiskalt ausnutzte und sie letztlich gnadenlos für ihre Zwecke einspannte.
Die Gelegenheit zum Mordanschlag sollte sich schon bald ergeben: Der österreichisch-ungarische Generalstab unter Franz Graf Conrad von Hötzendorf plante für den Juni 1914 umfangreiche Manöver mit zwei Armeekorps in Bosnien-Herzegowina unter der Leitung von Erzherzog Franz Ferdinand als dem Generalinspekteur von Heer und Marine, gedacht als Machtdemonstration zur Einschüchterung Serbiens wie auch als Provokation. Als Abschluss und Höhepunkt war für den 28. Juni sein feierlicher Einzug in der Landeshauptstadt Sarajevo geplant, ein Ereignis, das jeder Serbe als Schlag ins Gesicht empfinden musste: An diesem Tage im Jahre 1389 hatte Serbien in der Schlacht auf dem Amselfeld seine Unabhängigkeit verloren und musste sich bis 1878 der türkischen Fremdherrschaft beugen. Nun sollte der Sankt-Veits-Tag aller Serben zum Beginn des Aufruhrs gegen die österreichisch-ungarische Herrschaft werden und mit den aus Bosnien stammenden Gymnasiasten Gavrilo Princip und Trifko Grabež sowie dem Typografen Nedjelko Čabrinović, die ihrerseits weitere jugendliche Verschwörer gewannen, fanden sich drei zu allem bereite Attentäter, die auf Befehl von Oberst Apis im Pistolenschießen und Handgranatenwerfen ausgebildet wurden.
Die Vorbereitung des Attentats freilich erfolgte derart dilettantisch, dass kaum eine Einzelheit davon geheim blieb. Über Zuträger, die offenbar für mehrere der beteiligten Seiten gegen gute Bezahlung Informationen aller Art lieferten, erfuhren die „Weiße Hand“ und der Ministerpräsident davon.

 

Objektiv bot der Tod einer so hochgestellten Persönlichkeit die beste Gelegenheit,  einen Krieg zu rechtfertigen. 

 

An einem Krieg, der zu diesem Zeitpunkt nicht ins Konzept der serbischen Regierung passte, vorerst desinteressiert, ließ sie die österreichisch-ungarische Regierung auf geheimdienstlichen und diplomatischen Wegen recht allgemein von Attentatsplänen in Kenntnis setzen, die Vorbereitungen allerdings nicht unterbinden. In Wien wiederum wurde nichts ernsthaftes unternommen, um die Reise des Thronfolgers sicherheitshalber zu verhindern. Objektiv bot der Tod einer so hochgestellten Persönlichkeit die beste Gelegenheit, die Stimmung im Lande propagandistisch anzuheizen und einen Krieg zu rechtfertigen. Subjektiv gesehen lag darin für die Hofkamarilla um Franz Joseph I. der Schlüssel zum Sieg über den ungeliebten und in ständiger Fehde mit dem Kaiserhaus liegenden Thronfolger und dessen Anhänger. Und in der Tat war Franz Ferdinand sowohl bei großen Teilen des Hochadels als auch bei breiten Kreisen der Bevölkerung, insbesondere Ungarns und der slawischen Gebiete, verhasst. Thronfolger war der misstrauische, ehrgeizige, ungeduldige und menschenscheue Neffe des Kaisers erst notgedrungen nach dem Selbstmord des Kronprinzen Rudolf und dem Tode seines Vaters Erzherzog Karl Ludwig im Jahre 1896 geworden. Nicht nur durch seine die als heilig und unverrückbar geltenden Habsburgischen Hausgesetze missachtende Eheschließung mit der nicht als ebenbürtig anerkannten Gräfin Sophie Chotek hatte er sich auf ewig den Zorn des Kaisers und der ihn umgebenden Hofkamarilla zugezogen, seine Pläne für einen völligen Umbau des morschen Staatswesens stießen in diesen Kreisen auf verbissenen Widerstand. Als größter Grundbesitzer in Österreich und Besitzer enormer Rüstungswerte ließ er unnachsichtig jeden bestrafen, der in seinen Waldungen beim Sammeln von Holz, Beeren und Pilzen ohne Erlaubnisschein erwischt wurde. Er hasste die Sozialdemokratie, er hasste alle nichtdeutschen Bevölkerungsteile der Doppelmonarchie, insbesondere Ungarn und Juden. Derart unbeliebt, ja verhasst, opferte ihn die Hofkamarilla gern und ließ ihn in sein Unglück rennen. Sechs Geheimpolizisten stellte der Wiener Hof zur Verfügung, mehr nicht. Truppenspalier war untersagt. Ein solches stand einer morganatischen Gemahlin nicht zu, und der Thronfolger musste allen Attentatsgerüchten zum Trotz fahren, wollte er nicht als feige gelten. So etwas ließen Adelskodex und vermeintliche Offiziersehre nicht zu. Überdies ging es um die Anerkennung der vom Kaiser mittlerweile gnädig zur Herzogin emporgestuften und äußerst ehrgeizigen Erzherzogsgattin, die allen Hindernissen zum Trotz eines Tages Kaiserin werden und die ihre Kinder als Thronerben sehen wollte.
Die Attentäter wiederum hatten in der Zwischenzeit unter unsäglichen Mühen ihre Waffen über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina geschmuggelt. Es fanden sich jugendliche Idealisten, die ihnen behilflich waren. Wer ihnen nicht freiwillig helfen wollte, durch Gewährung von Unterkunft, Aufbewahrung der Waffen oder Transport mit Pferd und Wagen zum nächsten Bahnhof, wurde durch Drohung mit der furchtbaren Rache der „Schwarzen Hand“ gefügig gemacht. Am 28. Juni nahmen die Attentäter gemäß dem in der Presse veröffentlichten Besuchsprogramm zwischen 8.00 und 9.00 Uhr ihre vorgesehenen Plätze am Appelkai, einer der Hauptstraßen Sarajevos, die von der Wagenkolonne des Thronfolgers benutzt werden sollte, ein. Ohne auch nur bei einem der wartenden Polizisten Verdacht zu erregen, konnten sie, verstärkt durch aus französischem und schweizerischem Exil gekommene weitere serbische Anarchisten, auf einer Länge von gut einem Kilometer eine Art Schützenkette bilden. Den Anfang machte Mehmed Mehmedbašić nahe der Österreichischen Bank, ihm folgten Vaso Čubrilović an der Gymnasiumsbrücke, Nedjelko Čabrinović am Ufer des Flusses Miljacka, Cvetko Popović und Danilo Ilić an der Čumurija-Brücke und Gavrilo Princip als Führer der Attentätergruppe an der Lateinerbrücke. Trifko Grabež schließlich stand am Rathaus, das der Thronfolger laut Programm besuchen sollte. Währenddessen war der aus Ilidža, wo Franz Ferdinand und seine Frau Quartier bezogen hatten, gekommene Hofsonderzug auf dem Bahnhof von Sarajevo eingetroffen. Als die Autokolonne den Appelkai entlangfuhr, donnerten 24 Salutschüsse von den Bastionen der Hauptstadt. Während die ersten beiden Attentäter in der Menge von Schaulustigen die Gelegenheit zum Schuss verpassten, gelang es Nedjelko Čabrinović vor den entsetzten Augen eines Geheimpolizisten, eine Handgranate zu entsichern und gegen den Wagen des Erzherzogs zu schleudern. Sie rollte jedoch über das zurückgeschlagene Faltdach und explodierte erst unter dem nächsten Wagen, wobei der Adjutant des Thronfolgers, Oberstleutnant Erich von Merizzi, sowie weitere Insassen und einige Zuschauer erheblich verletzt wurden. Nedjelko Čabrinović sprang nach diesem fehlgeschlagenen Versuch in das fünf Meter tiefer gelegene Flussbett und nahm das ihm mitgegebene Zyankali, um sich umzubringen. Doch da hatte sich der serbische Geheimdienst die nächste Panne geleistet - wegen Überlagerung blieb das Gift wirkungslos. Der Attentäter wurde sofort verhaftet, von Polizei und Zuschauern brutal misshandelt und abgeführt. Nach der Ankunft des Thronfolgers im Rathaus wurde erregt über weitere Sicherheitsmaßnahmen debattiert, schließlich die Fahrtstrecke geändert, doch in der allgemeinen Aufregung die Fahrer nicht informiert. So bei der Rückfahrt von General Potiorek zum Wenden an der Lateinerbrücke veranlasst, musste der am Steuer sitzende Leopold Lojka den Wagen kurz zum Stehen bringen. Gavrilo Princip erkannte die Gelegenheit und gab blitzschnell zwei Schüsse ab, mit denen er Franz Ferdinand und den nicht minder verhassten Landeschef töten wollte. Doch er traf nicht ihn, sondern die Frau des Thronfolgers. In rasender Fahrt fuhren die Wagen zum Konak, dem Sitz des Landeschefs. Die Ärzte konnten allerdings nur noch den Tod Franz Ferdinands und Sophie Herzogin von Hohenbergs feststellen. Der von Polizei und Zuschauern ebenfalls schwer misshandelte Gavrilo Princip wurde festgenommen, er musste zu seiner großen Enttäuschung erleben, dass die tödlichen Schüsse nicht als Fanal für die Befreiung von der österreichisch-ungarischen Fremdherrschaft aufgenommen worden waren. Von den übrigen Attentätern gelang es nur Mehmed Mehmedbašić, auf abenteuerlichen Wegen nach Montenegro zu entkommen. Die übrigen wurden in den folgenden Tagen verhaftet. Der bekannte französische Sozialist Jean Jaurés schrieb dazu: „Ich las die Einzelheiten über das Attentat. Das Schicksal des Erzherzogs ließ mich völlig gleichgültig, aber der Umstand, dass die Zeitungen bereits darüber berichteten, wer nun der nächste Anwärter auf die österreichisch-ungarischen Krone sei, machte mir klar, dass durch die Beseitigung eines Erzherzogs kein Problem gelöst war.“
In Sarajevo tobte sich derweil mit wohlwollender Duldung der Behörden ein antiserbischer Mob bei einem furchtbaren Pogrom aus, dann erst verhängte General Potiorek das Standrecht. Die zum Krieg drängenden Kräfte in den wichtigsten Staaten Europas sahen die lange herbeigesehnte günstige Gelegenheit endlich gekommen. Mit Rückendeckung des deutschen Kaisers Wilhelm II. steuerte Österreich-Ungarn immer offener auf eine militärische Auseinandersetzung mit Serbien zu, obwohl es für eine Beteiligung oder gar Urheberschaft seitens der Regierung des Königreichs keinerlei Beweise gab. Nahezu vier Wochen verhandelten Monarchen, Staatsmänner und Diplomaten, tauschten Noten, schickten Depeschen und Schriftstücke. Serbien wurde ein im Grunde unannehmbares Ultimatum gestellt, sein dennoch erfolgtes Entgegenkommen jedoch brüsk zurückgewiesen. Der Krieg war beschlossene Sache und er musste am Ende zum Weltbrand führen, denn hinter Serbien stand Russland, das wiederum mit Frankreich und Großbritannien verbündet war. Hinter Österreich-Ungarn stand das deutsche Kaiserreich und so wurde der vierundachtzigjährige Franz Joseph I. so lange gedrängt, bis er die Kriegserklärung schließlich unterschrieb. Am 28. Juli fielen die ersten Schüsse im Krieg gegen Serbien, am 1. August machten die übrigen beteiligten Staaten mobil. Die Rüstungsindustriellen konnten aufatmen – Gewinne in noch nie dagewesener Höhe waren ihnen sicher. Die sozialdemokratischen Parteien mit Ausnahme der russischen Bolschewiki warfen die Beschlüsse des Baseler Kongresses von 1912 über Bord, ihre Führer wurden über Nacht zu Hurrapatrioten, die mit den Herrschenden Burgfrieden schlossen und die Kriegskredite bewilligten. Das große Völkermorden, das den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie, den Sturz des deutschen Kaisers und des russischen Zaren sowie die Geburt neuer Staaten in Europa mit sich bringen würde, hatte begonnen.
Der tote Franz Ferdinand hatte seine Schuldigkeit getan. Ein Hofbegräbnis dritter Klasse für ihn und seine morganatische Gemahlin, mehr hatte das Kaiserhaus nicht zugestanden. Die Beisetzung in der Kapuzinergruft der Habsburger blieb ihm versagt, das Paar fand seine letzte Ruhe unter sehr dramatischen Umständen auf Schloss Artstetten bei Pöchlarn an der Donau.

 

Politische Motive der Attentäter interessierten nicht 

 

Auch nach den Attentätern krähte zu diesem Zeitpunkt kein Hahn mehr, den am 12. Oktober vor dem Kreisgericht von Sarajevo begonnenen Prozess übertönten das Donnern der Kanonen und das Heulen der Granaten auf den Kriegsschauplätzen. Sechs ausgesuchte Journalisten berichteten von den Verhandlungen, was sie berichten durften. Von den Offizialverteidigern redete so mancher in begreiflicher Existenzangst schlimmer über seine Mandanten als der Staatsanwalt. Hartes und rücksichtsloses Vorgehen war diesem wie auch den Richtern zur Pflicht gemacht worden. Die politischen Motive der Angeklagten interessierten nicht. Da die Hauptattentäter allerdings noch nicht 20 Jahre alt waren, konnten sie nach österreichischem Recht nicht zum Tode verurteilt werden. Doch die Zuchthausstrafen, die sie am 28. Oktober erhielten, kamen angesichts der elenden Haftbedingungen Todesurteilen gleich: Der in Ketten gehaltene, zu 20 Jahren schweren Kerkers verurteilte Gavrilo Princip starb am 29. April 1918 an Hunger, Auszehrung und Tuberkulose im Festungsgefängnis Theresienstadt, Nedjelko Čabrinović und Trifko Grabež, die beide die gleichen Strafen erhalten hatten, bereits 1916 ebenfalls in Theresienstadt bzw. im Festungsgefängnis Möllersdorf. Drei der übrigen Verurteilten endeten am Galgen: Im Hof des Gerichtsgefängnisses von Sarajevo legte der kaiserliche Henker Alois Seyfried den Lehrern Veljko Čubrilović und Danilo Ilić sowie dem wohlhabenden Kinobesitzer Miško Jovanović die Schlinge um den Hals. Mit letzterem sollte vor allem die Organisation „Narodna Odbrana“ („Nationale Verteidigung“), die für einen einheitlichen südslawischen Staat eintrat, getroffen werden. Am 3. Februar 1915 erhielt der für Bosnien-Herzegowina zuständige Finanzminister Leo Ritter von Biliński das Telegramm mit der Vollzugsmeldung. Auch die übrigen Attentäter endeten fast alle in den dunklen und feuchten Kerkern von Theresienstadt. Nur Vaso Čubrilović und Cvetko Popović überstanden die Haft und erlebten so das Ende Österreich-Ungarns und die Entstehung des südslawischen Staates.
Oberst Apis als dem geistigen Urheber des Attentats und damit Wegbereiter für das schließlich durch die serbische Dynastie Karadjordjević 1918 errichtete „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, aus dem 1929 Jugoslawien hervorging, blieb kein Dank: Seit er dieser Adelsfamilie am 11. Juni 1903 durch einen blutigen Putsch gegen den unfähigen König Alexander I. aus dem Hause Obrenović zur Macht verholfen hatte, war sie misstrauisch, sah sie doch keinerlei Garantien dafür, dass er nicht eines Tages auch gegen sie putschen würde. Seine führende Rolle beim Attentat von Sarajevo schien dem Königshaus so kompromittierend wie gefährlich: Am 26. Juni 1917, zwei Tage vor dem dritten Jahrestag des Attentats von Sarajevo, fiel Oberst Dragutin Dimitrijević, genannt Apis, zusammen mit weiteren seiner Offiziere unter den Kugeln eines Erschießungskommandos im griechischen Saloniki.

 

Hans-Joachim Weise