8. April 2014

1914: „schlafwandelnd“ in den Krieg?

Im August 1914 zogen deutsche Soldaten mit Begeisterung an die Front, doch mit der Realität des blutigen Mordens auf den Schlachtfeldern schwand sie bald.

Nahezu 100 Jahre sind seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges vergangen, dessen Folgen das gesamte 20. Jahrhundert prägten und der bis in unsere Gegenwart hinein wirkt. An ihm beteiligten sich bis zu seinem Ende 40 Staaten. Rund 70 Millionen Menschen standen unter Waffen, und 17 Millionen überlebten ihn nicht. Ihm folgten Nachkriegs-Katastrophen und weitere Kriege, darunter vor allem der Zweite Weltkrieg. Von ihm aus zieht sich eine friedensfeindliche Kontinuitätslinie durch die Geschichte. Auch die großen gesellschaftlichen Umbrüche und selbst der Kalte Krieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen mit ihm im Zusammenhang. Dass heute so intensiv über die Ursachen des 1914 entfachten Krieges debattiert wird, ist keineswegs nur einer faszinierenden Jahreszahl geschuldet.

Mit Recht wird an unmenschliches Handeln und sinnlose Opfer erinnert. Bedeutsam bleibt aber auch das Wissen, wie mit dem Krieg zugleich die Enttäuschungen und der Widerwillen wuchsen, wie Proteststürme und Friedenssehnsucht anschwollen, wie sich selbst kriegswillige Politiker gezwungen sahen, in internationalen Verträgen Kriege zu ächten. Jene Kriegsbegeisterung, die 1914 unter großen Teilen der Deutschen vorherrschte, war rasch verflogen. Sie ließ sich auch 1939 nicht entfachen. Erst recht nicht nach 1945. Und den Zahlen ist durchaus zu trauen, die besagen, dass heute mindestens 70 Prozent der Deutschen keine Kriege und ähnliche militärische Abenteuer wünschen. Kriege gelten nicht mehr wie früher als ein legitimes Mittel der Politik. Alte, den  Rechtfertigungsversuchen dienende Darstellungen landeten in der Versenkung.

Zumindest schien dies bislang so zu sein. Das durfte auch als ein Ergebnis der Debatten über das 1961 erschienene Buch von Fritz Fischer „Griff nach der Weltmacht“ gelten. Der His-toriker hatte präzise belegt, dass es in Deutschland schon vor 1914 konkrete Kriegsplanungen, ausformulierte Kriegsziele und die Bereitschaft zum Krieg gab. Der deutschen Regierung wies er keine alleinige, aber eine Hauptschuld  zu. Das rief den empörten Widerspruch konservativer Geschichtsschreiber hervor, der jedoch angesichts der eindeutigen Faktenlage ergebnislos blieb.  

Ein halbes Jahrhundert danach soll nun offensichtlich zu den seit der sogenannten Fischer-Debatte als überholt geltenden Thesen zurückgekehrt werden. Den Auftakt dazu bot das im vorigen Jahr erschienene Buch des australischen Historikers Christopher Clark „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Sein Verfasser behauptet, allen am Krieg Beteiligten sei gleichermaßen Schuld am Krieg zuzusprechen. Diese habe überall darin bestanden, dass die Agierenden im hektischen Hin und Her diplomatischer Schachzüge nervös handelten und das Grauen des neuen Krieges nicht hätten vorhersehen können. Er will erklären, wie es zum Krieg kam, das Warum interessiert ihn kaum. In seiner Geschichtsbetrachtung kommen Wirtschaftseliten und deren Interessen nicht vor. Und wie nützlich: Trifft alle der Schuldspruch, muss nicht mehr nach der deutschen Hauptverantwortung von 1914 gefragt werden. Verständlich, dass damit zugleich neuerliche Vorherrschaftsambitionen in mildes Licht getaucht werden sollen. Nimmt man den Somnambulismus (Mondsucht) als Krankheit, dann bedarf es allenfalls eines Arztes, aber keiner Debatte mehr über die aus gesellschaftlichen Verhältnissen, aus kapitalistischer Konkurrenz und imperialistischer Geostrategie resultierenden Kriegsursachen.

Auch wenn in den gegenwärtigen Debatten um den Ersten Weltkrieg das Buch von Clark im Vordergrund steht, sollten andere Argumentationsstränge nicht übersehen werden. So wird zum Beispiel behauptet, der Erste Weltkrieg sei zwar als „Urkatastrophe“ zu bewerten, aber zugleich müsse er als die „Geburtsstunde moderner Demokratien“ gesehen werden. Nach 1918 hätte sich das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt und seien „demokratische Wohlfahrtsstaaten“ entstanden. Allen Ernstes vertritt der britische Historiker Ian Morris sogar die These, Kriege seien nicht sinnlos, sondern hätten es der Menschheit überhaupt erst ermöglicht, „friedliche Gesellschaftsordnungen“ zu errichten. 

Da tritt zu moralischer Verworfenheit gegenüber der Geschichte eine verlogene Beschönigung heutiger Verhältnisse und neuer kriegerischer Politik hinzu. Da scheinen im historischen Spiegel erneut alte Profitinteressen, Großmachtbestrebungen und geopolitische Strategien in brennender Aktualität auf.  

 

Prof. Manfred Weißbecker

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/8/artikel/1914-schlafwandelnd-in-den-krieg/