21. Oktober 2014

Opposition statt Parteiaustritt

Entsetzen bei Rosa Luxemburg (Barbara Philipp) und Karl Liebknecht (Uwe Poppe) über die Ereignisse im Sommer 1914. Im BR-Fernsehfilm „Europas letzter Sommer“ von Bernd Fischerauer wird der Weg in den 1. Weltkrieg ausführlich beleuchtet. Der Film kann als DVD bestellt oder auf der Internetseite des Bayrischen Rundfunks (www.br.de/mediathek) gestreamt werden.

Von Mario Hesselbarth

 

Im Ergebnis jener Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten am 3. August 1914, in der die Zustimmung zu den Kriegskrediten festgelegt worden war, konstatierte Karl Liebknecht den „Zusammenbruch des sogenannten radikalen Flügels der Fraktion.“ Lediglich 14 Abgeordnete stimmten fraktionsintern gegen die Kriegskredite, im Reichstagsplenum votierten sie hingegen einen Tag später geschlossen mit JA. Noch am Abend dieses 4. August 1914 trafen sich in der Wohnung Rosa Luxemburgs Hermann Duncker, Hugo Eberlein, Julian Marchslewski, Franz Mehring, Ernst Mayer und Wilhelm Pieck, um über die entstandene Situation zu beraten. Der Vorschlag, demonstrativ aus der Partei auszutreten wurde verworfen. Stattdessen verständigten sich die Anwesenden darauf, die Opposition reichsweit zu organisieren und gegen die Kriegspolitik der Parteiführung zu protestieren. Hierzu wurden mehr als 300 Telegramme an bekannte sozialdemokratische Funktionäre abgesandt, dies jedoch ohne jede Reaktion. Auch Karl Liebknecht schloss sich der Gruppe um Rosa Luxemburg zunächst nicht an, weil er deren Vorgehen für halbherzig hielt. Wenn schon Protest, dann hätte man aus der Partei austreten müssen. Da er aber schwere Verfolgungen seitens der Behörden gegenüber der SPD befürchtete, wollte er in einer solchen Situation seiner Partei nicht in den Rücken fallen. Clara Zetkin telegraphierte aus Stuttgart, eine Protestaktion „würde unseren eigenen Flügel vollständig sprengen“, weil sie eine vollständige Isolierung von den Massen bedeuteten würde, so zunächst ihre Befürchtung.

An diesen wenigen Beispielen zeigt sich, wie sehr der Ausbruch des Krieges die führenden Linken innerhalb der deutschen Sozialdemokratie überrascht hatte und wie unvorbereitet sie in dieser Situation waren. Im Spätsommer und Herbst 1914 zeichnete sich jedoch bereits ab, dass die innerparteiliche Opposition gegen den Weltkrieg eine breite Basis hatte, obwohl sie zunächst unkoordiniert und dezentral agierte. An vielen Orten signalisierten Mitglieder und Funktionäre der SPD entweder still oder auch demonstrativ ihren Protest gegenüber der Politik ihrer Parteiführung. Intern kritisierte die Mehrheit der Redaktion des Berliner Vorwärts, damals einflussreichste sozialdemokratische Tageszeitung, die Zustimmung zu den Kriegskrediten. Die Minderheit der SPD-Fraktion im preußischen Landtag verließ am 22. Oktober 1914 vor der Schlussrede des Präsidenten demonstrativ den Plenarsaal. An vielen Orten begannen sich oppositionelle SPD-Mitglieder zu organisieren, sie stellten schriftliches Material zu den tatsächlichen Ursachen des Krieges zusammen und verbreiteten dieses. In Jena hatte sich eine kleine Gruppe von Kriegsgegnern um Emil Höllein bereits am Abend des 1. August 1914 getroffen und verabredet, weiterhin regelmäßig zusammenzukommen, um Informationen und Gedanken auszutauschen. Auf demonstrative Aktionen verzichteten sie zunächst, wohl aber begannen sie, in ihrem unmittelbaren Umfeld, gegen den Krieg zu argumentieren. Dies war aufgrund der aufgeheizten Atmosphäre nicht leicht, wie sich Curt Böhme noch ein halbes Jahrhundert später erinnerte. Karl Liebknecht musste sich in Stuttgart, einem der Zentren der Opposition, während einer Parteiversammlung am 21. September 1914 wegen seiner Zustimmung zu den Kriegskrediten harte Kritik gefallen lassen. Bis zu ihrem Verbot oder Unterdrückung durch die Zensur argumentierten noch einige sozialdemokratische Tageszeitungen, so u.a. das Gothaer Volksblatt, gegen den Krieg.

Der erste überregionale Protest gegen den Krieg kam aus der Arbeiterjugend. Ausgelöst wurde er im September 1914 durch einen im Stile der Vaterlandsverteidigung gehaltenen Nachruf für den an der Front gefallenen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und Mitbegründers der Arbeiterjugendbewegung Ludwig Frank in der Zeitung „Arbeiter-Jugend“. Eine ganze Reihe lokaler Jugendgruppen sandte die betreffende Ausgabe zurück, in Berlin wurde ein Boykott der „Arbeiter-Jugend“ beschlossen.

Diese wenigen und unvollständigen Beispiele zeigen, dass das NEIN Karl Liebknechts nicht nur ein erster öffentlicher Protest gegen den mörderischen Ersten Weltkrieg war, sondern in dieser Aktion die bereits vorhandene Opposition aus der Arbeiterbewegung zum Ausdruck kam.

 

Filmtipp: Europas letzter Sommer

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/7/artikel/opposition-statt-parteiaustritt/