16. Dezember 2014

Hilfe zur Selbsthilfe

Elisabeth Seidel mit ihrem Fahrrad. So kennen sie viele in Erfurt. Im Umfeld der LINKE gilt sie als, Expertin für alles, was mit den Gartenbautraditionen der Blumenstadt“ zu tun hat. Noch mehr hat sie aber für unsere älteren Mitmenschen getan. Für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement erhielt sie im November das Bundesverdienstkreuz. Foto: th

Gerne und oft schwadronieren die Politiker neoliberaler Parteien vom demographischen Wandel und den Herausforderungen, die sich für die Gesellschaft ergeben, deren Alterungsprozess gravierende  Wandlungen erfährt. 

Doch, das einzige was Merkel, Schröder oder Kohl dazu meist eingefallen ist, war: kürzen, kürzen, kürzen. Ob es das leidige Thema Rentengerechtigkeit Ost, die gravierenden Mängel beim Thema Pflege oder einfach ein würdevolles Leben bis zum Ende ist, Senioren machen einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft aus, aber eine Lobby haben sie nicht. „In den öffentlichen Haushalten bleiben die Finanzierungen der offenen Altenhilfe sogar freiwillige Aufgaben. Bei den Arbeitsämtern wurden sogar die einbezahlten Versicherungsgelder für die öffentlich bezahlte Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen rapide reduziert“, kritisiert Elisabeth Seidel. Ohne ehrenamtliches Engagement, wie beim Schutzbund der Senioren und Vorruheständler Thüringen e.V, würden viele ältere Menschen ganz ohne jede Unterstützung dastehen. Mit Elisabeth Seidel, die vielen Linken in Erfurt seit Jahren nicht nur als Expertin von Blumenkohl bis ega für alles was mit der Blumenstadt und ihrer in Vergessenheit geratenen Gartenbautradition in Verbindung steht, bekannt ist, erhielt jetzt ein Mensch das Bundesverdienstkreuz, der es mehr als verdient hat. 

 

Strukturen aus dem Nichts aufgebaut 

 

Seniorenpolitik war in der DDR zweifelsfrei ein Thema mit viel Licht und Schatten. Nach der Wende wurden sämtliche Wirtschafts- Sozial- und Rechtsstrukturen in die westdeutschen zwangsintegriert. Elisabeth Seidel wurde, wie so viele trotz bester fachlicher Qualifikation als Diplomgärtnerin, von den neuen Herren der Marktwirtschaft aufs Abstellgleis geschoben. Aber nur verbittert zu Hause hocken und nichts tun? Das passte nicht zur damals 52-jährigen, die am Erfurter Johannesplatz wohnt. 1991 begann die in Breitungen an der Werra Aufgewachsene, gemeinsam mit weiteren Mitstreitern damit, die Strukturen des Seniorenschutzbundes aus dem Nichts neu aufzubauen. 

Damals war schon das Suchen von Räumlichkeiten ein Riesenproblem und den wenigen Aktiven im neu gegründeten Seniorenschutzbund fehlte es natürlich an Geld. Die erste Weihnachtsfeier wurde dank Spenden der Erfurter Großbäckerei Elmi, dem Engagement von Lehrlingen der AOK und weiteren Unterstützern ermöglicht. Einmal musste Seidel die Druckosten für Mitgliedsausweise des Schutzbundes aus ihrem Arbeitslosengeld vorschießen. Ständig organisierte sie Veranstaltungen mit Experten aus Ost und West zu Rente, Pflege, Gesundheit und all den Dingen, die nach der Wende für praktisch alle fremd waren. Außerdem war es auch wichtig, die Rolle von Vereinen als basisdemokratische Mitbestimmungsmöglichkeit zu vermitteln. Wer weiß, was aus manchen Menschen ohne „die Hilfe zur Selbsthilfe“, wie Elisabeth Seidel ihr Motto umschreibt, geworden wäre?  „Nach einem Beschluss des Erfurter Stadtrates 1995 habe ich zunächst das Seniorenbüro für Erfurt übernommen. Das waren miserable Bedingungen“, erinnert sich Seidel an die Anfangszeit. 

 

Seniorenpolitik im Wandel

 

Obwohl die Gesellschaft immer älter wird, sind weite Teile des Lebens für die Bedürfnisse von Senioren kaum angepasst. Da hat die Politik auf allen Ebenen seit Jahrzehnten viel versäumt. „Wenn ich auf die neunziger Jahre zurückblicke, muss ich sagen, dass wir damals auf der Bundes- und der Landesebene eine viel bessere fachliche Konstellation hatten.“ Doch im Laufe der Zeit sei das immer schlechter geworden und für Seidel hat keine Landesregierung seit 1994 mehr „auch nur ein brauchbares Seniorengesetz auf den Weg gebracht“. Damals hatte sie immer wieder auf Abgeordnete aller Fraktionen eingeredet, um doch endlich auf die Bedürfnisse der Senioren adäquat zu reagieren, doch stieß sie dabei mit Ausnahme der PDS meist auf taube Ohren. „Politik fällt es generell schwer, die Lebensfragen der Senioren und die sich verändernde Bevölkerungszusammensetzung aufzunehmen und umzusetzen. Das hat mich immer dazu verführt,  in einer gewissen Spannung zur Stadtverwaltung zu stehen. Auch, wenn da ja seit einiger Zeit Rot-Rot-Grün eine Mehrheit hat, bin ich mit meinen Vorschlägen oft erfolglos gewesen“, sagt Seidel kampfesfreudig  Auch mit Vorschlägen anderer Senioren, wie für ein Senioren-Trainerteam  oder ein gut erreichbares Senioren-Zentrum, kam man keinen Schritt weiter. „Wieviele Möglichkeiten der Teilhabe von 50.000 Älteren allein in Erfurt, bei der Gestaltung einer gesunden, kulturvollen und sozialen Stadt, lassen wir uns entgehen?!“, fragt sich sicher nicht nur Elisabeth Seidel.

Doch, auch wenn die gesellschaftliche Arbeit gelegentlich mal Frust und Ärger mit sich brachte, auf- oder klein beigeben, nur weil es mal schwierig wird, ist Mitnichten die Sache von Elisabeth Seidel. Stets war die 76-Jährige Ansprechpartnerin für alle Fragen, die Senioren umtreiben, angefangen von der Rente, die vor allem in den ersten Jahren nach der Wende extrem häufig gestellt wurden, bis hin zur Pflegeproblematik, die Gründung vor Selbsthilfegruppen oder Weiter- und Fortbildungen verschiedenster Art. Erst seit die Gesundheit hier und da begann Probleme zu machen, hat sie sich etwas zurückgezogen, ist aber auch weiter eine gefragte Ansprechpartnerin.  Wenn es um das Nachdenken über gesellschaftliche und politische Zustände geht, ist sie sowieso fitter als manche 20-Jährige und spätestens, wenn der Frühling kommt, wird man sie sicher wieder mit dem Fahrrad über die in Erfurt immer noch kaum vorhandenen Radwege flitzen sehen.    

Als Elisabeth Seidel am 19. November das Bundesverdienstkreuz erhielt, zögerte sie, die „seit 51 Jahren Teil der sozialistischen Bewegung ist“, zunächst ob sie die Ehrung annehmen kann. Immerhin ist das Verdienstkreuz die höchste Auszeichnung die der Staat zu vergeben hat. „Wenn wir uns heute noch immer mit den Auswirkungen des Unrechts in der DDR beschäftigen,  tun wir das, um gegenwärtiges und zukünftiges Unrecht nicht zuzulassen und um die grundgesetzlich verankerte Menschenwürde zu leben und zu erkämpfen. Auch Gerichte im Rechtsstaat BRD sind nicht vor Fehlern gefeit. Gesetze allein verhindern Kinder- und Altersarmut nicht“. Letztlich hat Elisabeth Seidel den Preis gerne entgegen genommen, weil sie die Auffassung vertritt, dass das Engagement hunderter  Senioren und selbstlos tätiger Mitglieder im Schutzbund für das Wohl tausender Senioren unwahrscheinlich viel wert ist.                         

 

Thomas Holzman

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/7/artikel/hilfe-zur-selbsthilfe/