7. Oktober 2014

Das Gold geht, die Zerstörung bleibt

Seit 2012 entsteht auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki eine riesige Goldmine als gigantischer Tagebau. Die Firma Hellas Gold, eine Tochter des kanadischen Minenunternehmens El Dorado Gold, hat im Jahr 2011 für 11 Millionen Euro die Schürfrechte erworben. Die Bevölkerung vermutet hinter dem Deal zwischen Hellas Gold, dem griechischen Baumogul Georgios Bobolas, und dem ehemaligen Staatssekretär und heutigen Oberbürgermeister der Gemeinde Aristoteles Christos Pachtas einen erheblichen Korruptionshintergrund. Foto: Sylvia Hörner

Von Bernd Löffler 

 

Vom 3. bis 12. September weilten zwei AktivistInnen aus Griechenland zu einer politischen Rundreise in Deutschland. Organisiert von der Rosa Luxemburg Stiftung, besuchten Marina Karastergiou und Ioannis Deligiovas Leipzig, Jena, Wiesbaden, Köln, Hamburg und Berlin. Die beiden vertreten den Koordinierungskreis der Trägervereine in Ierissos bzw. das Kampfkomitee Megali Panagia auf der Halbinsel Chalkidiki, südöstlich der Stadt Thessaloniki.

 

Repession im Kriseneuropa

 

Unbemerkt von weiten Teilen der europäischen und speziell deutschen Öffentlichkeit, wird dort auf einer Fläche von 33.000 Hektar ein riesiger Goldtagebau vorbereitet, gegen den heftigen Widerstand von großen Teilen der Bevölkerung. Auch an diesem Ort wird deutlich, was im Krisen-Europa alles möglich ist: Politische, administrative und repressive Vorgehensweisen, wie sie im Allgemeinen nur im globalen Süden erwartet werden, nicht aber im ach so demokratischen Europa.

 

Abbauerlaubniss aus der Zeit der Militärdiktatur

 

Ein Blick in die Geschichte des Konflikts. Auf der Halbinsel Chalkidiki wird seit den Zeiten Alexander des Großen Bergbau betrieben. Doch was sich seit dem Jahr 1992 dort abspielt, wird – wenn es umgesetzt werden sollte – gravierende Auswirkungen auf Umwelt und Menschen im Abbaugebiet haben. Seit diesem Jahr versuchen mehrere sich ablösende Firmen und Wirtschaftsgeflechte in der Gegend um die Ortschaft Megali Panagia im großen Maßstab Gold abzubauen. Die Erlaubnis hierfür erteilte ihnen die griechische Regierung unter Berufung auf ein Gesetz aus der Zeit der griechischen Militärdiktatur (1967-1974). Dieses wurde in einen Verfassungsrang gehoben und besagt u.a., dass Bergbauprojekte vorrangig zu behandeln und umzusetzen sind. Widerstand dagegen, gleich welcher Art, sei rechtswidrig und müsse strafrechtlich verfolgt werden. Ein Einfallstor für Konzerne jeglicher Couleur und Korruption auf allen Ebenen. Es führt an dieser Stelle zu weit, all die korrupten Verflechtungen und Netzwerke in Griechenland zu beschreiben, die am Ende zum jetzigen, seit 2006 gültigen Investitionsplan geführt haben. Wenn sich erst seit dem erwähnten Jahr ernsthaft an das Vorantreiben des Projektes gewagt wurde, so hatte dies mehr mit dem Mangel an Kapital zu tun, als mit sozialer oder ökologischer Einsicht.

Doch die zu erwartenden Profite auf Grund der Hausse auf dem Goldmarkt stellen alle ökologischen Einwände in den Hintergrund. So kam nach mehreren Firmenübernahmen im Februar 2012 der kanadische Konzern El Dorado Gold in den Besitz der Abbaulizenzen. Dies war nicht ganz überraschend, spielen doch in den letzten Jahren kanadische Konzerne überall auf der Welt, vor allem aber im globalen Süden, beim Ressourcenabbau eine besonders üble Rolle. Durch die äußerst liberalen kanadischen Gesetze können international agierende Konzerne leicht kanadische Tochterfirmen gründen, welche die hier und da noch etwas restriktiveren Umweltauflagen anderer Staaten unterlaufen können.  

 

0,18 Gramm Gold pro Tonne Gestein

 

Der Investitionsplan von El Dorado Gold sieht unter anderem vor, den großen Wald von Skouries in weiten Teilen abzuholzen, um auf diesen Flächen Gold abzubauen, das Grundwasser zur Goldreinigung zu nutzen, zwei große Auffangbecken für die zyanidhaltigen Abwässer zu bauen usw. Über 330.000 Tonnen Gestein sollen täglich bewegt werden, um am Ende aus einer Tonne Gestein 0,18 g Gold zu gewinnen. Ein unter normalen Bedingungen aberwitziges Vorhaben. Doch die Reichen dieser Welt und der wirtschaftliche „Fortschritt“ erwarten den Goldnachschub. Die soziale Zerstörung der griechischen Gesellschaft macht es möglich.

Doch wäre Griechenland nicht Griechenland, würde ein solches Vorhaben nicht Widerstand hervorrufen. Nach dem Verkünden des Investitionsplans trat auch dieser in eine neue Phase. Im Wald von Skouries hatten EinwohnerInnen und ÖkologInnen vor längerer Zeit eine Schutzhütte errichtet. Im März 2012 stürmten über 400 von der Konzernleitung aufgehetzt Bergarbeiter die Schutzhütte und vertrieben die dort ausharrenden 40 Personen.  Als Antwort darauf besetzen BürgerInnen des kleinen Ortes Ierissos das dortige Rathaus. Zu diesem Zeitpunkt regierte der PASOK-Bürgermeister Pachtas den Ort und den ihn umgebenden Kreis Aristotelou. Pachtas war bekannt für seine außerordentlich guten Beziehungen zu El Dorado Gold (inzwischen ist er abgewählt). Die Antwort der „Ordnungskräfte“ auf die friedliche Besetzung war eine bis dahin beispiellose Orgie der Repression: Häuser wurden gestürmt, Massenverhaftungen vorgenommen, gegen insgesamt 500 Personen Anklagen wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung erhoben, von denen bis heute 140 aufrecht erhalten werden. Diese 140 Personen befinden sich seither in einer rechtlich unklaren Situation, die aus Sicht der beiden griechischen ReferentInnen bewusst aufrecht erhalten werde, um die Menschen von weiteren Protesten abzuhalten.

Trotzdem fand im Oktober 2012 eine riesige Demo auf dem Berg über Megali Panagia statt. Dabei kam es erneut zu Massenverhaftungen. Im Februar 2013 wurden mehrere Baufahrzeuge auf dem Gelände der Firma abgefackelt, was den Repressionsdruck weiter erhöhte. Insgesamt 4 Personen kamen unter zeitweiliger Verweigerung von Rechtsbeiständen in Untersuchungshaft. Sie wurden erst nach und nach und unter restriktiven Auflagen wieder freigelassen. Telefonüberwachung wurde angeordnet, eine DNA-Bank angelegt und erneut wurden 50 Menschen unter dem Vorwand, Mitglieder einer kriminellen Vereinigung zu sein, angeklagt. Auch diese Anklagen sind noch nicht gerichtlich abgehandelt.

Die Repression des Jahres 2013 schwächte den Widerstand. Doch fanden gleichzeitig viele Solidaritätsveranstaltungen statt. So im Oktober 2013 in Thessaloniki: Über 35.000 Menschen nahmen an einem Solidaritätskonzert teil. Zur jährlichen Messe in Thessaloniki strömen seit Jahren zahlreiche Menschen zu Protestdemonstrationen in die Stadt. So auch in diesem Jahr. An jenem Tag, an welchem die ReferentInnen über die Situation auf der Halbinsel informierten, nahmen 15.000 Menschen, darunter 3.000 aus Chalkidiki, an den Protesten teil. 

 

An den Stränden baden Touristen, durch die Stadt ziehen Tränengaswolken

 

Der Widerstand gegen die Mine und den Konzern hat die Menschen und die Gesellschaft auf Chalkidiki verändert. Eine einst eher konservative Gesellschaft hat sich politisch radikalisiert. Sie ist zum Teil gespalten, in eine Mehrheit, welche das Projekt ablehnt und eine Minderheit von Bergarbeitern, die auf einen Arbeitsplatz und ein, wenn auch lächerlich kleines, Einkommen hoffen. Und während im Frühjahr 2013 an den Stränden von Ierissos die TouristInnen badeten, zogen die Tränengaswolken durch den Ort. Der griechische Ministerpräsident Samaras wird nicht müde zu erklären, die Investition werde um jeden Preis umgesetzt. Doch im August dieses Jahres gelang es den AktivistInnen erstmals seit über einem Jahr wieder in „ihren“ Wald von Skouries einzudringen und ein zehntägiges Widerstandscamp für mehrere hundert Menschen zu organisieren.

Hinter dem Widerstand steht ein gewisser Mut der Verzweiflung. Wissen die Menschen der Gemeinden doch um die zu erwartenden Folgen des Tagebaus: Lärmbelästigung durch Sprengungen und Transport Tag und Nacht, verseuchtes Grundwasser, Rückgang des Tourismus, der Verlust von Häusern und Böden, die Zerstörung der Gemeinden und ihrer Strukturen … Alles für den Luxus von Reichen und das Funktionieren des kapitalistischen Rohstoffmarktes. Es gibt viele Orte auf unserem Planeten, wo Widerstand und Solidarität notwendig sind. Dieser ist einer von ihnen.

Mehr Informationen (in englischer Sprache): http://soschalkidiki.gr

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/7/artikel/das-gold-geht-die-zerstoerung-bleibt/