12. August 2014

1914: Der Krieg zerreißt eine Partei

USPD-Parteitag im Dezember 1919. Die Wurzeln der Spaltung der Arbeiterbewegung und ihrer Partei, der SPD, begann 1914 mit der Zustimmung der Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten. Weil immer mehr SPD-Politiker sich gegen den Krieg stellten, wurde 1917 die USPD gegründet. 1919 war sie kurzeitig Regierungspartei, doch bald kehrten Parteirechte zurück zur SPD. Mit der Entwicklung der KPD zur Massenpartei spielte USPD in den Zwanzigern keine Rolle mehr.

von Dr. Steffen Kachel

 

 

Der Sturz in den Krieg

 

Obwohl im Juli 1914 in Jena, Gotha und ande­ren Städten noch große Antikriegs­versammlungen stattgefunden hatten, ließen sich So­zialdemokratie und gewerkschaftliche Organisationen nach dem Kriegsausbruch am 1. August auch in Thüringen zunächst in einen nationa­len Pakt zur Führung eines so genannten „Ver­teidi­gungs­krieges“ einbinden. Der Kriegseintritt und das kaiserliche Integrationsangebot sahen den Funktionärskörper der Bewegung zerrissen, die Arbeiterschaft aufgewühlt und nach Orientierung suchend. Der rechte Flügel handelte, indem er unter Posaunenklängen in den Krieg zog. Die übrigen Teile blieben passiv: enttäuscht, ohnmächtig und sichtlich unfähig, das Geschehen aufzuhalten. 

 

„Vaterlandslose Gesellen“ erfüllen „Pflicht“

 

Am Tag des Kriegsbeginns zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, am 28. Juli 1914, brachte die sozial­­demokratische „Tribüne“ in Erfurt auf Seite 1 den Aufruf des Partei­vorstandes gegen den Krieg. Er vermied den von Rosa Luxemburg und anderen verlangten Aufruf zur Bereitschaft für den großen Streik, appellierte aber, „sofort in Massen­versammlungen den unerschütterlichen Friedenswillen des klassenbewussten Proletariats zum Ausdruck zu bringen“. Unter der Ankündigung „Krieg dem Kriege. Reichs­tags­abgeordneter Heinrich Schulz rechnet mit den Kriegshetzern ab“ lud die „Tribüne“ für den 30. Juli zu einer Massenkundgebung ins „Tivoli“ ein. Der Aufruf für die Versammlung endete mit den Worten: „Auf darum, in die Protest-Versammlung! Nieder mit dem völkermordenden Krieg! Hoch der Friede und die Verbrüderung der Völker!“ Am 1. August vermeldete die Zeitung: „Kaum jemals, auch nicht in den Zeiten der heftigsten Wahlkämpfe [...] hat Erfurt eine solche imposante Versammlung gesehen. In drangvoller Enge stand im Saale Kopf an Kopf und weit bis in den großen Garten hinein lauschte die wohl an 3.000 Personen zählende Menge an den offenen Fenstern fast lautlos den Worten des Redners.“ 

Was Schulz freilich zu sagen hatte, hatte mit der Losung „Krieg dem Kriege“ wenig zu tun. Zwar bekundete er die Friedensliebe der deutschen Sozialdemokratie, erklärte aber schließlich, kein Sozialdemokrat denke daran, „das Vaterland von Kosakenherden zerstampfen zu lassen“. Mehr noch: Jeder Sozialdemokrat werde im bevorstehenden Krieg seine Pflicht tun müssen! Als die Erfurter Arbeiterschaft nach Hause ging, war sie um einige Illusionen ärmer. Nach der ersten Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion am 4. August 1914 vollzog auch die „Tribüne“ den Schwenk und erläuterte den Lesern, dass sich „die Aufgaben des klassenbewussten Proletariats mit Beginn des weltgeschichtlichen Ringens geändert“ hätten. „Die vaterlandslosen Gesellen“, so deklamierte sie, „werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den ‚Patrioten’ in keiner Weise übertreffen lassen.“ Immerhin dauerte es noch bis zum 12. November, bis sich auch der unter dem Einfluss von Paul Reißhaus stehende sozial­demokra­tische Verein Erfurt per Beschluss zum „Burgfrieden“ bekannte und schwerfällig in das Schlepptau der neuen Politik begab. Im Februar 1915 bezeichnete die „Tribüne“ den Krieg bereits unumwunden als „Verteidigungskrieg“ und erhob „die Stärkung des Reiches nach innen und außen“ jedem Sozial­demokraten zur Pflicht. Die Gewerkschaften übernahmen es, unter den Kriegsbedingungen soziale Interessen zu vertreten: Sie engagierten sich für die Beseitigung von Mängeln in der Lebensmittelversorgung, für die Vermittlung der durch die Schließung kriegsunwichtiger Betriebe Erwerbslosen, für die Aufnahme öffentlicher Arbeiten und die Abdeckung von Wohlfahrtslücken.

Die Entscheidung für die Unterstützung der nationalen Kriegsführung war ohne Zweifel der programmatische Bankrott der bisherigen Sozialdemokratie und ihrer Führung, aber er war nicht völlig abgekoppelt von der Stimmung auch unter den Arbeitern, wo die Kampfbereitschaft schon vor der Kapitulation der Partei lückenhaft war. Der Kriegsausbruch erschütterte bei vielen Partei­mitgliedern und Sympathisanten den nahezu religiösen Glauben in die Organisation und die Weisheit der Parteiführer. Denn, dass auch sie in den Krieg hineingeschlittert waren, ohne ihn in der Mehrheit richtig zu wollen, dass sie heute so handelten, während sie gestern noch ganz anders geredet hatten, das war kaum zu verdecken. Es war in dieser Situation günstig für die SPD-Parteiführung, dass sie – parallel zum verkündeten „Burgfrieden“ mit dem Kaiser – für die nächsten Jahre der Diskussion und dem Votum der Parteibasis aus dem Weg gehen konnte. Schon im September 1914 hatte der Parteiausschuss beschlossen, Diskussionen in den Mitgliederversamm­lungen über die Entscheidung am 4. August 1914 dürften nicht stattfinden. Gleichzeitig hatten bis zum Ende des Krieges alle Wahlen zu unterbleiben, sowohl für Gemeinde- und Landesparlamente, als auch innerhalb der Parteien. Doch dies konnte die prinzipielle Auseinander­setzung über Sinn und Ziele der deutschen Sozialdemokratie allenfalls aufschieben. 

 

Eine starke Linke in Thüringen

 

Schrecken und Entbehrungen des Krieges ließen die Parteimitglieder die Mitschuld und Ohnmacht der früher so stolzen Organisation recht bald deutlich empfinden. Defätismus machte sich breit. Daneben gewann ab 1915 die Anti­kriegs­stimmung an Boden, begann es an der Basis zu gären. Überregionale Wirkungen gingen von wenigen Zentren aus, in Thüringen von Gotha und Jena. Das seit 1910 von Otto Geithner ausgesprochen „links“ redigierte „Gothaer Volksblatt“ war in der immer noch von Wilhelm Bock geführten Gothaer Organisation die einzige Thüringer Zeitung, die auch nach dem 4. August eine scharfe Antikriegspropaganda fortsetzte. Es wurde am 7. Februar 1915 endgültig verboten. In Jena war es der Bezirkskassierer der SPD Emil Höllein, der innerhalb der Partei gegen den Krieg agitierte. Liebknechts Entschluss, bei der zweiten Abstimmung über die Kriegskredite im Dezember 1914 die Fraktionsdisziplin „der Pflicht zur Vertretung des Partei­programms“ unterzuordnen und als einziger auch im Reichstag mit Nein zu stimmen, gab der Opposition ihren Kristallisationspunkt. Am 9. Juni 1915 forderten auf seine Initiative hin etwa 1.000 Funktionäre der SPD aus ganz Deutschland in einem Schreiben an den Parteivorstand und die Reichstagsfraktion die Kündigung des Burgfriedens und den Kampf für den Frieden. Diesen als Flugblatt verteilten offenen Brief unterschrieben 54 Thüringer Funktionäre der SPD und der Gewerkschaften, an der Spitze die Gothaer Partei- und Gewerkschafts­leitungen, denen sich die komplette Land­tags­fraktion anschloss. Erfurt, Sömmerda, Jena, Nordhausen und Gera waren weitere Schwerpunkte der Unterzeichner. Mehr als in anderen Regionen wurde in Thüringen die Verankerung kriegsgegnerischer Stellungnahmen in den Parteiorganisationen deutlich. 

 

USPD 1917 in Gotha gegründet 

 

Als Wilhelm Bock und 17 weitere Abgeordnete am 21. Dezember 1915 im Plenum des Reichstages gemeinsam mit den bereits aus der Fraktion heraus gedrängten Karl Liebknecht und Otto Rühle gegen Fraktions­disziplin und Bewilli­gung stimmten, wurde es für die Macht Eberts und Scheidemanns in der Partei gefährlich. Nach Abstimmung mit dem Partei­vorstand ging jetzt die Fraktionsmehrheit zu organisatorischen Maßnahmen über. Mit 58 gegen 33 Stimmen erkannte sie am 24. März 1916 den oppositionellen Abgeordneten ihren Status als Fraktionsmitglied ab. An diesem Tag der Entscheidung standen von den zehn Thüringer Abgeordneten der SPD fünf ganz oder teilweise auf der Seite der Opposition, zu den Ausgeschlossenen gehörten Bock, Gotha; Emanuel Wurm, Gera und Oskar Cohn, Nordhausen. Die Ausgeschlossenen konstituierten sich als „sozialdemokratische Arbeitsgemein­schaft“, verstanden sich aber weiter als Teil der SPD. Erst der Beschluss der Parteiführung, alle Teilnehmer und Unterstützer des Reichstreffens der Opposition am 7. Januar 1917 aus der Partei auszuschließen, machte die Gründung einer eigenen Partei unumgänglich.

In Erfurt, Gotha, Gera und anderen Städten Thüringens sorgte das gegen die Einheit der Partei gerichtete Vorgehen des Partei­vorstandes für große Empörung. Die „Tribüne“ verschob ihren Standpunkt und ging als größte regionale Zeitung auf die Seite der Opposition über. Schließlich traten von den 13 SPD-Kreisorganisa­tionen fünf geschlossen (Gotha, Reuß ältere und Reuß jüngere Linie, Sonders­hausen und Heiligenstadt) und drei weitere mehrheitlich (Er­furt, Nordhausen und Mühl­hausen) auf die Seite der am 6. - 8. April 1917 in Gotha gegründeten USPD über. Der SPD treu blieb die über­wiegende Mitgliedschaft in den Kreisen Weimar-Eisenach (ohne Eisenach), Meiningen, Alten­burg, Schwarz­burg-Rudolstadt und Coburg.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/7/artikel/1914-der-krieg-zerreisst-eine-partei/