24. März 2015

Rheinische Frohnatur mit Bildungsauftrag

Jürgen Becker nimmt in seinem Programm „Der Künstler ist anwesend“ 2000 Jahre Kunst- und Religions-Geschichte aufs Korn. Beim Auftritt im Erfurter „DasDie“ stand er Rede und Antwort. Foto: Simin Kianmehr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Thomas Holzmann

 

Für links denkende Menschen ist das politische Kabarett meist ein Wohlfühlort. Die erste Garde des deutschen Kabaretts, Namen wie Georg Schramm, Urban Priol, Erwin Pelzig oder Volker Pispers nehmen die Mächtigen aufs Korn und sorgen für Heiterkeit, weil so mancher Lacher quer im Halse stecken bleibt, aber auch für Nachdenklichkeit. Bei gutem Kabarett verwischen immer wieder die Grenzen zwischen Unterhaltung und Bildung, zwischen Abschalten und Nachdenken. Einer, der das ganz bewusst tut und der unzweifelhaft in einem Atemzug mit den ganz Großen genannt werden muss, ist der Kölner Jürgen Becker. Viele kennen ihn aus der WDR-Sendung „Mitternachtspitzen“, die er mit Wilfried Schmickler und weiteren Gästen seit vielen Jahren gestaltet – länger sogar als die neue und alte „Anstalt“ im ZDF. Seine größte Stärke als ganz großer Kleinkünstler ist Religionen und Kirchen mit fundiertem Wissen, viel Witze und Farbe genüsslich durch den Kakao zu ziehen.

 

Keine Angst vor Fanatikern

 

Allerspätestens seit dem Charlie-Hebdo-Massaker von Paris ist es nicht gerade leicht, sich über die Auswüchse, von egal welcher Religion oder Kirchen lustig zu machen. Wird die Meinungsfreiheit jetzt wegen der vermeindlichen Verletzung „religiöser Gefühle“ eingeschränkt? Das Grundgesetz gibt das jedenfalls nicht her. Für Jürgen Becker hat sich seit Paris ohnehin nichts verändert. „Das Problem wurde mir schon richtig bewusst, bei den Mohammed-Karikaturen von Kurt Westergaard.  Wenn die religiösen Fanatikern unter die Nase gehalten werden,  fangen die gleich an, die dänische Flagge zu verbrennen.  Das lag nicht daran, dass Westergaard Mohammed eine Bombe in den Turban gemalt hat. Im Gegenteil, der Islamist sagt sich, eine Bombe ab und zu hat noch keinem geschadet. Das Problem ist, dass Mohammed überhaupt abgebildet wird.  Nicht in allen, aber in vielen Strömungen des Islams gibt es ein Bilderverbot. Wenn jemand ein Bild malt,  äfft er damit die Schöpfung Allahs nach. Deswegen gibt es in Moscheen auch Arabesken und Verzierungen, aber keine Bilder. Die vermisst  keiner, weil im Zentrum des Islam die Übertragung des gesprochenen Wortes steht. Deswegen sind die meisten türkischen Länden ja Handy-Läden.“ 

Becker ist sozusagen, ein Kämpfer für Meinungsfreiheit, aber er kennt offensichtlich auch die Grenze, welche die menschliche Vernunft bietet: „Ich finde, den Islam kritisieren, das geht sehr gut, aber ich halte mich an das Bilderverbot. Ich habe da noch nie Drohungen bekommen. Es gab mal Klagen, u.a. von einem türkischen Kulturverein wegen Beleidigung, aber die Gerichte wissen damit umzugehen.“

Becker tun die Mehrzahl der Muslime sogar leid, weil sie alle unter Verdacht geraten, Terroristen zu sein. „Als die  Motorrad-Bande Satudarah MC in Nordrhein-Westfalen von Innenmister Jäger verboten wurde, ist doch auch keiner auf die Idee gekommen zu sagen: Mit den Motorradfahrern stimmt was nicht.“  

Berührungsängste scheint eines der wenigen Worte zu sein, das in Beckers Wortschatz nicht existiert. Er trat mit seinem Progamm sogar schon in einer  Moschee auf. „In Duisburg hieß das Kabarett im Minarett. Das ist immerhin die größte Moschee in Deutschland, jedenfalls bis die in Köln fertig ist. Aber das dauert ja noch 600 Jahre.“  Solche satirischen Vergleiche zwischen den Religionen sind typisch für die rehinische Frohnatur.  „Wir haben hier Religionsfreiheit und da gehört es dazu, dass man andere Religionen erträgt. Wenn man etwas glaubt, dann muss man in einer multireligösen Gesellschaft genauso aushalten, dass andere das, was ich glaube, für lächerlich halten und sich lustig machen.“

 

Wissen mit Kabarett vermitteln

 

Als Kabarettist ist Jürgen Becker etwas ganz besonderses. Nicht nur, weil er sich ohne Furcht mit  heiklen Themen auseinandersetzt, sondern auch, weil er in seinem Kabarett einen klaren Auftrag sieht. Es geht um Bildung und  Aufklärung: „Ich finde es immer gut, wenn die Leute Hintergründe kennen. Es macht mir Spaß, Wissen mit Kabarett vermitteln. Ich finde es großartig, wie Volker Pispers, das bei politischen Themen schafft, die Leute aufzuklären. Ich mache aber lieber das Kulturhistorische. Das braucht man auch, wenn man politische Zusammenhänge verstehen will.“ 

So hat Becker auch einen revolutionären Griechenland-Rettungsplan entwickelt: „Früher haben die Christen die Götterstandbilder der Griechen zerstört.  So wie das die Salafisten heute gerne machen. Die Griechen haben da nie Schadensersatz gefordert.   Das würde ich Frau Merkel gerne mal sagen, denn dann wäre der Vatikan pleite, Griechenland saniert und Europa hätte zwei Probleme weniger!“

 

Hassprediger sind überall 

 

Wer glaubt, Becker würde einseitig nur den Islam verunglimpfen, der irrt. Den Bau der großen Moschee in Köln hält er für richtig: „Die Katholiken haben ihren Dom, klar das die Moslems auch ein schickes Gebäude zum Repräsentieren wollen. Die können doch nicht alle katholisch werden. Von einem Hassprediger zum anderen zu wechseln, das bringt doch nichts!“ Mit Hassprediger ist selbstredend und explizit nicht Kölns früherer Erzbischof Kardinal Meisner, in Köln auch als „Kanal-Meister“ bekannt, gemeint. Denn laut einer einstweiligen Verfügung darf Becker, unter Androhung von bis zu 200.000 Euro, den Kardinal nicht mehr so nennen. „Kurz nachdem ich die Verfügung unterschrieben hatte, sagte mein Kollege Pispers in den Mitternachtspitzen: 'Ich finde wir sollten zusammen legen.' Das macht mir  Spaß, solche Verbote zu umgehen.“ 

 

Fehlentwicklung Monotheismus

 

Eigentlich wäre das mit dem Glauben kein ernstes Problem, wenn sich die Menschen wegen der Glaubens-Unterschiede nicht ständig die Köpfe einschlagen würden. Becker hat die Ursachen dafür in den großen Religionen en „aus der Wüste“ ausgemacht: „Vor der Erfindung des Monotheismus gab es keine Religionskriege.  Seit dem  gab es über 16.000 Kriege und die meisten davon waren Religionskriege. Der alte Vielgötterglaube findet sich dennoch überall. So auch in Thüringen. Der alte Name Thoringi bedeutet die Söhne des Gottes Thor. Manche glauben ja heute noch an den Fußballgott Tor-Tor-Tor. Aber im Ernst, früher war Religion eher ein Mittel der Verständigung. Das konnte man leicht übersetzen: z. B. Zeus ist so wie Juptier usw. Die Religionen waren da nicht verfeindet. Das ist mit dem Monotheismus verloren gegangen. Ich finde, das war eine riesige Fehlentwicklung der Menschheit.  Hätten wir das nicht, wäre vieles einfacher.“  

 

Auf der Suche nach dem Sinn

 

Bei aller Kritik, bei aller Satire, die Existenz von Religion hat immer etwas mit dem Streben von Menschen zu tun, Fragen zu stellen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Was ist der Sinn des Lebens. Was ist Unendlichkeit? Fragen, die sich jeder immer mal stellen sollte. Die meisten tun das, glauben aber keine Antworten zu finden, außer in Tora, Bibel oder Koran. „Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf der Erde, das sich etwas vorstellen kann, was nicht da ist. Wir können für eine gerechte Welt kämpfen, weil wir sie uns vorstellen können. So entsteht auch die Religion: Menschen können sich vorstellen, dass es ein Wesen gibt, das alles regelt. Das tröstet die Menschen und darin besteht ein Sinn der Religion. Es ist eine schöne Vorstellung im Himmel die Toten wieder zu sehen, die man so schrecklich vermisst. Ich glaube das nicht, aber wenn es den Leuten hilft, dann sollen  sie es so machen. Ich finde das in Ordnung, man muss nur aufpassen, wo man landet. In Köln gibt es dazu einen passenden Spruch: Mit der Religion ist es wie mit der moderne Kunst, beide haben eine offene Flanke zu Spinnerei.“ 

Nicht jeder Kabarettist gibt so bereitwillig ein Interview. Volker Pispers gibt grundsätzlich keine. Wie die meisten Kabarettisten lässt sicher Becker nicht unbedingt für Parteipolitik einspannen, sehr wohl ist er aber bereit, sich bei politischen Themen zu engagieren. Außerdem setzt er sich in Köln für Schüler ein, die sonst keine Chance haben.  Kein Wunder, denn der gelernte grafische Zeichner  hat auf dem zweiten Bildungsweg ein Fachhochschulstudium der Sozialarbeit absolviert. 

Und wie sieht man „da drüben“ im tiefen Westen, die rot-rot-grüne  Landesregierung, mit einem Ministerpräsident, der bekennender Christ ist und aus Hessen kommt? „Jaja, dieser Udo, Uwe … nein, Bodo Ramelow. Der war ja auch schon mal Teil des Systems, das durch falsche Warenwirtschaft pleite gegangen ist. Ich meine natürlich Karstadt. Der hat im Leben viel mitgemacht. Aber im Ernst, ich mag Bodo Ramelow sehr. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber bei dem, was ich von ihm bisher mitgbekommen habe, denke ich: Er wird ein guter Ministerpräsident für Thüringen sein.“