19. Mai 2015

Pflegefall Pflege

Pflege am Boden: Immer wieder gibt es Aktionstage zum Pflegenotstand, zuletzt am 12. Mai. Infos :www.pflege-am-boden.de. Foto: DIE LINKE. Hessen

Von Kersten Steinke

 

 

Immer mehr Leben im Alter allein

 

Seit mehreren Jahrzehnten wissen wir, dass die Lebenserwartung steigt und die Zahl der Kinder pro Familie abnimmt bzw. stagniert. Hinzu kommen noch gesellschaftliche Entwicklungen wie die Singularisierung. Das heißt: Immer mehr Menschen leben im Alter allein. Dies trifft bundesweit auf etwa 40 Prozent der Bevölkerung ab 65 Jahre zu.

Dazu kommt die  Veränderung der Familienstrukturen: Großfamilien über mehrere Generationen sind kaum noch eine gelebte Familienform. Patch-workfamilien, wachsende Scheidungskindergenerationen und zunehmende Single-Haushalte übernehmen immer weniger die Verantwortung für die Eltern-, Großeltern- und/oder Urgroßelterngeneration.

 

Zwei-Klassen-Plfegeversicherung

 

Die Politik hat viel zu spät nach Lösungen gesucht. Erst 1995 wurde die Soziale Pflegeversicherung als Pflichtversicherung eingeführt. Ein jeder mit Sozialversicherungsnummer zahlt in die Pflegekasse ein – jedoch nicht für sich selbst, sondern ähnlich der Rente für die Betroffenen der Gegenwart. In der Praxis zeigte sich sehr schnell, dass dies nicht ausreicht; erst recht nicht für den eigenen Pflegefall im Alter. Deshalb wurde eine Zwei-Klassen-Pflege etabliert, denn die Pflegepflichtversicherung ist keine Vollversicherung. Eine private Pflege-Zusatzversicherung ist nötig – für die, die es sich leis-ten können.

2002 wurde das Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz eingeführt, damit Angehörige Pflegebedürftige zu Hause pflegen können. 2006 folgte der armselige Versuch zur Förderung von Mehrgenerationenhäusern. Doch die Litanei geht weiter: Es haperte an Pflegeplätzen, Pflegegeld, Pflegepersonal und Pflegequalität. Was passiert, wenn die Decke zu kurz und zu dünn ist? Es wird an allen Ecken gezerrt. So ist es nicht verwunderlich, dass handfeste Pflegeskandale die Runde machten. Zeitweise häuften sich Medienberichte über Skandale in Pflegeheimen oder bei der ambulanten Versorgung. Der Begriff „Pflegeskandal“ schaffte es sogar als Wikipedia-Eintrag und gehört wohl mit zu den längsten Einträgen. Strukturelle Defizite, Einsparungen beim Personal, Akkordisierung und Systematisierung von Arbeitseinheiten am Menschen, kriminelle Betrugsmaschen und rigorose Abzocke bei ambulanten Pflegediensten (bekannt geworden durch Undercover-Reporter Günter Wallraff als pflegebedürftiger Rentner), des Weiteren zum Teil zulässige Gewaltanwendungen (z.B. Fixierungen, Ruhigstellung durch Medikamente), permanente Überforderung und Unterbezahlung der Pflegekräfte – die Liste ist sehr lang.

Auch die Antennen des Bundestages glühten heiß: An die 4.000 Petitionen mit mehreren Hunderttausend Unterschriften gingen bisher ein – allein 84 öffentliche Petitionen wurden genehmigt. Vier Beispiele der letzten zwei Jahre:

• Forderung des VdK Sozialverband Deutschland e.V. mit 176.523 Unterschriften, nach einem neuen ganzheitlichen Pflegebedürftigkeitsbegriffs, der beim Hilfebedarf eines Menschen auch die seelischen, geistigen und körperlichen Einschränkungen einbezieht.

• Forderung nach Überprüfung der Personalvorgaben mit 108.000 Unterschriften.

• Forderung nach einer angemessenen Vergütung der Pflegekräfte mit 61.520 Unterschriften. 

•  Forderungen nach wesentlichen Erleichterungen bei der Dokumentationspflicht der Pflegearbeit mit mehr als 20.000 Unterschriften. 

Zwei öffentliche Beratungen des Petitionsausschusses fanden statt. Zwei Petitionen wurden 2015 bereits an die Bundesregierung überwiesen, Ausgang offen.

Was macht man, wenn man nicht mehr weiter weiß? Man gründet einen Arbeitskreis, genauer gesagt einen Expertenbeirat. Dank seiner Arbeit folgten weitere politische Verschlimmbesserungen: 2012 das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz und seit 2015 das Erste Pflegestärkungsgesetz. Es wurden aber nur kleine Trippelschritte z.B. bei der Anhebung der Beitragssätze, in der ambulanten Pflege und bei der Betreuung von Demenzkranken gemacht. Auch die jetzige Koalition betreibt Flickschusterei, denn die Praxis zeigt, dass es nach wie vor Missstände gibt. 

DIE LINKE fordert in parlamentarischen Initiativen eine umfassende Pflegereform, um z.B. die Deckungslücken in der Pflegeversicherung zu schließen und eine vorausschauende Bedarfsermittlung durchzuführen. Gute Pflege setzt auch eine gute Arbeit professioneller Fach-Pflegekräfte voraus. Was der Mensch gerade im Alter braucht, ist Zeit für menschliche Zuwendung.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/6/artikel/pflegefall-pflege/