13. Januar 2015

Menschen nach Indien mitnehmen und begeistern

Solaringenieurinnen: nach sechsmonatiger Ausbildung kehren die Frauen in ihre Dörfer zurück. Foto: Annette Rudolph

Ein Vorbild für das Miteinander 

 

 

Von Annette Rudolph 

 

 

Indien ist eine Welt voll himmelschreiender Gegensätze und unerklärlicher Widersprüche, wo sich furchtbarste Armut, Schmutz und Elend dicht neben vollendeter Anmut und traumhaftem Glanz finden.“ „Eine Reise nach Indien setzt die Fähigkeit voraus, sich vielfältigsten Einflüssen auszusetzen, ohne immer gleich eine befriedigende Antwort zu erwarten oder gleich alles verstehen zu wollen.“ „Indien ist ein Vorbild für das Miteinander des Unterschiedlichen und scheinbar Gegensätzlichen, durchaus konfliktreich, aber im Laufe der Geschichte ebenso befruchtend.“ „Wer weiß, wie man in hundert Jahren auf das 21. Jahrhundert zurückblicken wird. Vielleicht wird sich erwiesen haben, dass das arme, rückständige Indien mit einigen Herausforderungen der Epoche besser zurechtgekommen sein wird als die reichen, entwickelten Länder des Westens.“

Was ich in den Reiseführern über das mit 1,26 Milliarden Einwohnern nach China bevölkerungsreichste Land und die gemessen an der Bevölkerungszahl größte Demokratie der Welt fand, erhöhte nur die Spannung, die mich ergriffen hatte, seitdem ich vor einem Jahr durch einen glücklichen Zufall Winfried Wemmel kennenlernte. Der Göttinger Oberstudienrat a.D. und seine Frau waren in den 90er Jahren als Lehrer in Delhi tätig, und seither immer wieder mit Schülern, Kollegen, Freunden und Bekannten auf Reisen im Land und zu von ihnen unterstützten Projekten der angepasstem Entwicklung unterwegs. Die Gelegenheit, im letzten Herbst mit in den indischen Bundesstaat Rajasthan fahren zu können, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Eine Reise auch abseits der üblichen Touristenpfade, geführt von einem dem Land und seinen Menschen tief verbundenem Enthusiasten.

Mit unserem Bus - selbst auf vergleichsweise gut ausgebauten Straßen kaum schneller als mit 50 km/h unterwegs – ging es zunächst einige hundert Kilometer von Dehli nach Pushkar. Alljährlich findet hier zum Herbstvollmond die Pushkar mela statt, ein zweiwöchiges hinduistisches Pilgerfest verbunden mit dem größten Kamelmarkt des Landes, vor der Wüstenkulisse ein grandioses Schauspiel. Und eine Magie am heiligen See mitten in der Stadt, die uns für zwei Tage ihren Bann zog. Nach dem Hindu-Zentrum (etwa 85 Prozent der Inder sind Anhänger des Hinduismus) ging es weiter in das für Muslime (13 bis 14 Prozent der indischen Bevölkerung sind Moslems, überwiegend Sunniten) heilige Ajmer mit Besichtigung der auch hier menschenüberströmten Pilgerstätte Dargha.

Weiter über Kishangar nach Tilonia, ins Barefoot College, ein ländlicher Campus (Architekturpreis für einfache Bauweise), in dem nach dem Prinzip der Gleichheit gelernt, gelebt und gearbeitet wird. Alle erhalten den gleichen Lohn, 180 Rupien am Tag, was etwa 2,31 Euro entspricht, dem durchschnittlichen in Indien geltenden Mindestlohn.

Winfried Wemmel wird sehr herzlich empfangen, ein alter Freund, und wir mit ihm. Immer wieder sind Gäste und Lernende aus Nah und Fern hier, junge Leute auch aus Deutschland für ein paar Wochen oder Monate und vor allem Frauen nicht nur aus Dörfern in ganz Indien, sondern auch aus den Ländern Afrikas oder Lateinamerikas.

Tilonia wurde 1975 gegründet als ein Projekt der angepassten Entwicklung, der Verbindung von traditionellem Wissen und nachhaltigen Technologien. In dieser armen Region Rajasthans ging es zunächst vordringlich um die Versorgung mit sauberem Wasser über ein einfaches aber wirkungsvolles Speicher- und Pumpensystem, über die Ausbildung von Wassertechnikern.

Wir lernen die Bibliothek und die Werkstätten kennen, das medizinische Zentrum mit viel Naturheilkundlichem und Akkupunktur, in dem auch Barefoot-Ärzte (Hebammen, Pflegerinnen) ausgebildet werden. Wir nehmen Platz auf dem sauberen Boden im Speiseraum, essen, vegetarisch natürlich (wie meistens in Indien, wo die Tiere heilig sind, könnten sie doch die Inkarnation eines Verwandten sein). Und sehen das beeindruckende Solar-Frauen-Welt-Projekt, wo sie in einem mehrmonatigem Kurs lernen, Solarmodule, - lampen sogar -großkocher zu bauen. In ihre Dörfer zurückgekehrt, können sie sich, ihre Familien und Gemeinschaften unabhängig machen.

In Indien ist die Alphabetisierung ein wichtiges Thema, zwar gibt es die staatlichen Schulen und in der Verfassung steht, dass die Schulbildung von Kindern zwischen sechs und 14 Jahren ein fundamentales Recht ist. Aber die Realität sieht oft anders aus. In den unteren Kasten, bei den Unberührbaren, können weder die Kinder, noch die Eltern oder Großeltern lesen und schreiben, schon die Jüngsten müssen arbeiten, für den Unterhalt der Familie. Lernen können sie nur am Abend, wenn es dunkel wird, und sie tun es mit einem heiligen Ernst, wir haben es gesehen, waren bei einer Night-School und erlebten diesen jungen begnadeten Lehrer und den Eifer der kleinen und größeren Kinder beim Buchstabieren, Rechnen und Singen im Schein der Solar-Lampen. Über Tilonia und mit Unterstützung auch von Entwicklungshilfegeldern wurden im Land zahlreiche solcher Abendschulen eingerichtet.

Viel gäbe es noch zu berichten, ja, auch das Taj Mahal, das tatsächlich faszinierende Grabmal der Prinzessin Mahal, haben gesehen, nachdem wir am Vorabend bei der Übernachtung in Agra einen furchtbaren Smog erlebten und uns fragten, wie die Menschen hier solche Zeiten überleben. Und in Jaipur sahen wir nicht nur den berühmten Palast der Winde, am Rande der Stadt waren wir auch zu Besuch in einem Leprazentrum und sangen gemeinsam mit den Bewohnern des Ashrams (Lebensgemeinschaft), die mit ihren Instrumenten dazu spielten, ein unvergessliches Der- Mond –ist- aufgegangen. Und zurück in Delhi das ebenfalls Mut machen Slum-Projekt zu unserem abschließendem Besuchsprogramm.

Derweil ist Winfried Wemmel erneut mit einer Gruppe unterwegs, diesmal in Südindien. Und es bleibt nur, ihm viel Kraft und Gesundheit zu wünschen, immer wieder Menschen mitzunehmen und zu begeistern.