5. Mai 2015

Klare Worte: Es war Völkermord an den Armeniern

Foto eines anonymen Reisenden: Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Kharpert in ein Gefangenenlager in Mezireh geführt.

Von Annette Rudolph 

 

Endlich wurde es auch im Deutschen Bundestag klar und deutlich ausgesprochen. Es war Völkermord, dem vor 100 Jahren (1915 bis 1922) fast 1,5 Millionen Menschen, zwei Drittel der westarmenischen Bevölkerung, zum Opfer fielen. Auch zur deutschen Mitverantwortung bekannte sich Bundestagspräsident Norbert Lammert. Das Deutsche Kaiserreich war im Ersten Weltkrieg enger Verbündeter des Osmanischen Reichs. Damit ging Lammert deutlich über den Antrag von Union und SPD hinaus, in dem die Verbrechen an den Armeniern zwar im Zusammenhang mit dem Begriff Völkermord genannt wurden, aber eine ausdrückliche Benennung – vermutlich aus Rücksicht auf den NATO-Partner Türkei – nicht erfolgte. 

Völkermord hat Hitler ermutigt

 

Vor diesem Hintergrund sei die auf armenische Literatur spezialisierte Leipziger Slawistin Adelheid Latchinian zitiert, die im „Neuen Deutschland“ (24.4.) daran erinnerte, dass der Völkermord Hitler ermutigt hatte. „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ stimmte er im August 1939 seine Generäle auf den Vollzug seiner menschenverachtenden, aggressiven Rassenpolitik im Zweiten Weltkrieg ein. Und sie schreibt weiter: „Die Regierung der auf ethnisch gesäubertem Gebiet 1923 gegründeten Republik Türkei hat nach der Vertreibung und Vernichtung der Armenier sowie weiterer 600.000 Christen aramäischer, chaldäischer, assyrischer und griechischer Abstammung veranlasst, die Spuren dieser hier über Jahrhunderte beheimateten Völker weitgehend zu tilgen, und zwar sowohl materiell als auch ideell. Etwa 5.000 armenische Schulen, Kirchen, Klöster, aber auch unzählige architektonisch ebenfalls wertvolle armenische Wohn- und Geschäftshäuser wurden besonders in Ostanatolien zerstört, umgewidmet oder dem Verfall überlassen, ca. 3.600 armenische Ortsbezeichnungen gegen türkische Namen ausgetauscht. Generationen türkischer Schüler wuchsen mit einer Geschichtsverfälschung auf. In den letzten Jahren wird jedoch verstärkt aus dem Ausland wie auch von mutigen türkischen Intellektuellen wie Orhan Pamuk gegen die Leugnung des Völkermords Widerspruch angemeldet. Bis unlängst konnte dies als ‚Verunglimpfung des Türkentums‘ gemäß dem Paragrafen 301 mit mehrjährigem Freiheitsentzug geahndet werden. Im vergangenen Jahr sandte Recep Erdogan eine halbherzige Beileidsbekundung an die Adresse der Armenier. Es fehlen aber bislang der Mut und die Bereitschaft der türkischen Regierung zum ehrlichen Eingeständnis historischer Verantwortung für die armenische Tragödie und zu einer echten Entschuldigung.“

 

Im Zusammenhang mit den von ihr 2005 und 2010 herausgegebenen „Armenischen Erzählungen“ (UNZ berichtete), hatte Adelheid Latchinian betont: „Armenier haben mich überzeugt, ja fasziniert, ob nun in ihrer transkaukasischen Heimat oder in der Diaspora, als Persönlichkeiten, beseelt von ihren Ideen und Vorhaben, schöpferisch und kämpferisch, lebensfroh und weltoffen“ – allen voran ihr 2012 verstorbener Ehemann Sarkis Latchinian, dessen Großvater in Konstantinopel von türkischen Truppen verschleppt und umgebracht wurde. In Beirut geboren, lehrte der Wirtschaftswissenschaftler bis 1990 an der Karl-Marx-Universität Leipzig und galt als einer der führenden Experten für den Nahen und Mittleren Osten. Sohn Sewan Latchinian ist ein erfolgreicher und unerschrockener deutscher Theatermann, der sich vehement gegen Kulturabbau stemmt und jetzt mit vorgeschobenem Grund vom Rostocker Oberbürgermeister als Intendant des Volkstheaters entlassen wurde. Für seine Wiedereinstellung kämpfen nicht nur in der Hansestadt zahlreiche engagierte Kultur-Bürger.