30. Juni 2015

Interkuturelle Gärten als Teil der Willkommenskultur

Die berüchtigte EU-Richtlinie, die den Verkauf zu krummer Gurken verbot, gibt es nicht mehr. Die Lebensmittelverschwendung schon. Beim Tag der Nachhaltigkeit im Hirschgarten vor der Staatskanzlei wurde deshalb aus Lebensmitteln, die sonst im Müll landen, eine Minestrone zubereitet und kostenlos verteilt. Foto: th

Von Thomas Holzmann

 

Leicht kommt Politikern aller Couleur das schön klingende Wort Nachhaltigkeit über die Lippen. Während Neoliberale und Konservative dabei selten über Wort-hülsen hinauskommen, zeigt sich in Thüringen, dass eine stetig wachsende Zahl von Akteuren das Thema Nachhaltigkeit schon vor Ort in die Tat umsetzt. Zum zweiten Mal kamen am 19. Juni  die vielen Aktiven, die sich in Erfurt dafür einsetzen, beim Tag der Nachhaltigkeit zusammen, um ihre Vereine, Initiativen und Vorhaben der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es gab Bekanntes, Fortschrittliches und viel Neues zu berichten. Wir stellen einige ganz unterschiedliche Beispiele vor.  

 

BUND

 

Der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland wurde in der Bundesrepublik 1975 gegründet und hat mehr als eine halbe Million Mitglieder. Neben klassischen Umweltschutzthemen wie Wald- und Bienensterben oder das Thema Energiewende und Ausstieg aus der Atomkraft, engagiert sich der Thüringer bzw. Erfurter BUND, der seit 1990 aktiv ist, auch besonders gegen die Freihandelsabkommen wie TTIP. Unermüdlich sammeln die BUND-Aktiven gemeinsam mit Bündnispartnern von mehr Demokratie e. V. oder auch der Linkspartei Unterschriften für die europäische Bürgerinitiative. Gerne unterstützen sie auch andere Projekt. Eines, das schon sei zehn Jahren eine Erfolgsgeschichte schreibt, ist der urbane Stadt-Natur-Garten Lagune.       Web: www.bund-thueringen.de   

 

Lagune

 

Unter schwierigen Bedingungen, auf dem Gelände einer früheren KfZ-Schlosserei, hat die Lagune als selbstorganisierte Arbeitsgruppe im BUND  Erfurt bereits eine kleine Oase geschaffen, die mit dem Paradiesgarten in der Metallstraße schon einen er- folgreichen Nachahmer hat. Weitere stehen in den Startlöchern. Neben thematischen Veranstaltungen hat sich die Lagune auch als Kooperationspartner für unterschiedliche Akteure der soziokulturellen Szene etabliert. Von Filmen über Live-Musik bis zu Netzwerk- und Diskussionstreffen, in der Lagune ist oft was los und die Aktiven sind auch sonst für Neues offen. Zum Schnuppern: immer Donnerstag Nachmittag lädt das Lagune-Café ein. Speziell für Familien mit Kindern und ohne eigenen Garten, eine herrliche Gelegenheit, Zeit im Grünen zu verbringen.

Web: www.lagune-erfurt.de

 

Vielfältig Grün

 

Ein noch sehr junges Projekt ist der Zusammenschluss bzw. die Initiative Vielfältig Grün, die Erfurts Stadtgrün vielfältig mitgestalten und erlebbar machen möchte. Trotz Projekten wie der Lagune und dem Paradiesgarten hinkt Erfurt internationalen Trends beim Thema interkulturellen, urbanen Gemeinschaftsgärten und sogar seinen eigenen Gartenbau-Traditionen kräftig hinterher. Die Aktiven von Vielfältig Grün wollen deshalb die wachsende Szene in Erfurt zu vernetzen helfen, Bürgerinnen und Bürger über die Potentiale aufklären und last but not least interkulturelle Gärten als Teil der Willkommenskultur in der Landeshauptstadt etablieren. Immer sonntags lädt die Gruppe zum Stadtgrün-Picknick in eine der vielen Erfurter Parkanlagen ein. 

Web: facebook.com/vielfaeltiggruen

 

Wohnprojekt Grolmannstraße

 

Wohnen muss jeder Mensch und in Zeiten in denen in Erfurt die Mieten stärker steigen als in Frankfurt oder Düsseldorf und das auch noch unabhängig davon, ob nachhaltige Gebäudesanierung oder Energieeffizienz-Maßnahmen stattfanden, ist ein ernste Thema. Diesen wahnwitzigen Mietwucher wollen die Aktiven im Wohnprojekt Grolmannstraße (wohnopia.wordpress.com) sowie die Menschen des ebenfalls selbst verwalteten Hausprojektes wohnopolis in der Lassallstraße (wohnopolis.de) nicht mitgehen. Auch in anderen deutschen Großstädten haben sich längst ähnliche Projekte im Verbund des Mietshäuser Syndikats organisiert und kämpfen für bezahlbaren, nachhaltigen Wohnraum. Neben den Aktiven ist vor allem die Stadtpolitik gefordert, solche Projekte gezielt zu fördern, denn ohne politische Unterstützung können sie sich allein nur schwer gegen die Konzerne und Miethaie durchsetzen. 

 

Bürger Energie Thüringen

 

Nicht nur Wohnen muss jeder Mensch, auch ohne Strom ist das Leben im 21. Jahrhundert undenkbar. Doch der sollte nicht aus Kohle- oder Atomkraft stammen. Aber wie? Seit Jahren werden in Thüringen Energiegenossenschaften gegründete. In Erfurt ist es die e3g. Beim Tag der Nachhaltigkeit stellte sich Bürger Energie Thüringen vor. Der eingetragene Verein ist der Dachverband der Thüringer Energiegenossenschaften und dient der Vernetzung aller in Thüringen aktiven Energiegenossenschaften unter einem Dach. Derzeit sind bereits 11 Energiegenossenschaften aus ganz Thüringen Mitglied. Der Verein, wie auch die einzelnen Mitglieder, leisten eine unverzichtbaren Beitrag für die Umsetzung der Energiewende vor Ort und bieten darüber hinaus eine sinnvolle, faire und nachhaltige Geldanlage in der Region.   

Web: buergerenergie-thueringen.de

 

Repair Café

 

Kennen Sie das auch? Sie kaufen ein Gerät und wie von Zauberhand geht es spätestens kurz nach Ablauf der Garantie planmäßig kaputt. Entgegen dieser geplanten Obsoleszenz wurden schon zu  Edisons Zeiten Glühbirnen mit enormer Brenndauer entwickelt. Dank der Firma Osram kamen die aber nie auf den Markt. Heute ist das Phänomen überall, ob in Kaffeemaschinen, Fernsehern oder Autos wieder zu finden. Seit Juli 2014 gibt es in Erfurt in der [L50] ein Repair Café. An jedem zweitem Samstag im Monat können dort kaputte Gegenstände gemeinsam mit ehrenamtlich Engagierten repariert werden. Die Bandbreite reicht von Kleidung über Möbel, elektrische Geräte und Spielzeug bis hin zu Fahrrädern. Werkzeug und Material ist vorhanden nur Ersatzteile sollten selbst mitgebracht werden. Das offene Projekt in der Lassallestraße 50 beherbergt auch das Food Project, dass die kostenlose oder kostengünstige Versorgung mit Lebensmitteln für alle und die gemeinsame Organisation von Essenskultur zum Ziel hat. Dazu werden  Lebensmittel eingesammelt, die sonst im Müll landen würden. 

Web: l50.wohnopolis.de

 

Car Sharing  

 

Wohnen, Essen, Strom – da fehlt noch die Mobilität. Traditionell ist das eine Branche, die sich rasant, aber nicht immer in eine sinnvolle Richtung entwickelt. Wo unnötig-dekadente SUV-Dreckschleudern die Städte verstopfen und verpesten, scheint das Car Sharing (Teil-Auto) ein zukunftsweisendes Modell zu sein. Gerade in größeren Städten wächst die Zahl der Stationen, wo sich die Kunden jederzeit ein Auto organisieren können. Via Internet ist das kinderleicht. So muss nur das bezahlt werden, was auch tatsächlich gefahren wird. Anschaffung, Steuern, Versicherung, Reparaturen, all das fällt weg. Das lohnt sich vor allem für Wenigfahrer und der Natur tut es gut. Besser wäre nur noch, das Rad oder Bus und Bahn zu benutzen. Der fahrscheinfreie ÖPNV, wie ihn DIE LINKE fordert, lässt aber noch auf sich warten. 

Web: www.teilauto.net

 

Crictical Mass

 

Wer in Erfurt zu Gunsten des Fahrrads auf das Auto verzichtet, muss sich oft über fehlende oder mangelhafte Radwege und aggressive Autofahrer ärgern. Deswegen radeln immer am ersten Donnerstag im Monat (18:30 Uhr, Bahnhofsvorplatz) gut 200 Aktive der Critical Mass (kritische Masse) mit ihren Rädern durch Erfurt und fordern gleichberechtigte Teilnahme am Straßenverkehr und zeitgemäße Radverkehrsanlagen. 

Web: criticalmasserfurt.blogsport.eu 

 

Haus der Nachhaltigkeit

 

Just am Abend des Tags der Nachhaltig wurde das Haus der Nachhaltigkeit und der Menschenrechte am Domplatz eröffnet. Das Haus in der Webergasse 25 möchte Gruppen, die sich für mehr Bewusstsein über Menschenrechte, Ökologie sowie Fairen Handel stark machen und eine nachhaltige Zukunft gestalten wollen,  einen Raum für Bildungsarbeit, Kooperation und Vernetzung geben. Es soll zur zentralen Anlaufstelle für alle Interessierten werden, innen zusammenhalten und nach außen strahlen. Vorbei schauen lohnt sich. Zumal sich beim Thema Nachhaltigkeit ständig neues tut, auch wenn hier nur ein Bruchteil der vielen interessanten Projekte vorstellt werden kann.                   Web: welttraeumer.de