12. August 2015

Es geschah vor 95 Jahren

Walther Victor (1895 – 1971) an seinem Arbeitsplatz in Weimar 1961.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Werner Voigt

 

„Weimarer Erinnerungen“ – so heißt eine Sonette-Sammlung Walther Victors. Ausgestattet mit hervorragenden Fotos von Stätten der klassischen deutschen Literatur in und um Weimar. Das Buch erschien erstmals 1964 im Volksverlag Weimar und erlebte,  was bei Lyrikbüchern wohl eher selten ist, sieben Auflagen. In der DDR.

Eines der Fotos präsentiert das Deutsche Nationaltheater mit dem Goethe-Schiller-Denkmal, dieses umkränzt zu Füßen von frischen Gebinden mit breiten Schleifen. Im Buch steht dazu Victors Sonett II, aus dem hier zitiert sei: 

 

„ ... Bunt war der Platz  von jungbewegten Mengen 

Im Jahre 20,  als wir hier verbrannten 

Ein Hakenkreuz, das Böse zu versengen.

Das wir nur ahnten,  aber noch nicht kannten ... !“

 

 

Hellwach und kritisch gegenüber ihren Parteioberen

 

Es war das Jahr zwei der so genannten „Weimarer Republik“, und es gab Ende August 1920 in Weimar einen Treff der sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands, einen Kongress und viele öffentliche Bekundungen. Auf den Tiefurter Parkwiesen tanzten Mädchen und Jungen im heiratsfähigen Alter (manche gerade noch dem „Heldentod“ im ersten Weltkrieg entronnen) fröhlich, verliebt und ausgelassen. Zudem hellwach und kritisch gegenüber ihren Parteioberen. Sie scherten sich recht wenig um die erhabenen Theaterreden der Politiker über Demokratie. Sie erkannten sehr früh die Gefahren, die von der 1919 gegründeten nationalsozialistischen Bewegung, ab 1920 NSDAP genannt, ausgingen. Im Frühjahr war deren Parteiprogramm veröffentlicht worden, eindeutig chauvinistisch und rassistisch. 

Darauf und auf den schnöden Diebstahl ihres tags zuvor niedergelegten Kranzes antworteten junge Sozialisten mit einer öffentlichen Verbrennung eines in Tiefurt gezimmerten und auf dem Theaterplatz angezündeten hölzernen Hakenkreuzes – als Protest. Es war ein Tag nach Goethes Geburtstag. Anschaulich schilderte Walther Victor, damals  Mitabgesandter der Hamburger Jugend, die Vorgänge dreißig Jahre später in seinem Tagebuch einer Sommerreise von 1951, Titel „Dir allein verleih ich die Stimme“ (Schwerin 1952).

 

Es scheint mir nötig, auf diese Fakten immer wieder hinzuweisen, zumal damit zu rechnen ist, dass zum 100. Jahrestag der Gründung der Weimarer Republik (2019) unablässig von der „Geburtsstunde  der  „deutschen Demokratie“ geredet und geschrieben wird. Die trug den Todeskeim schon in sich. Dass Jahre später die Hitlerpartei in Weimar die Stadt und ihre klassischen Stätten sowie Thüringen als „Schutz- und Trutzgau“ für sich erobern konnte und in schändlicher Weise für sich reklamierte – nördlich der Stadt errichteten sie das KZ Buchenwald – das ist eine der fürchterlichen Folgen von politischer Blindheit gegenüber der rein formalen Demokratie, die eine nationalistische Diktatur des Großkapitals war. 

Walther Victor musste nach dem Beginn eines deutschlandweiten Terrors, nach dem Reichstagsbrand von 1933, untertauchen und publizierte unter mehreren Pseudonymen. Eines hieß C. Redo (Ich glaube). Auf der Insel Reichenau (Bodensee) entstand die Streitschrift  „Zwei Deutsche“. Das Titelblatt zeigt als Fotomontage Goethe und Hitler (Eichenverlag Arbon, 1936). In einigen Kapiteln werden dokumentarisch  gegliedert nach Schlagworten, Grundaussagen über Nation, Volk, Freimaurertum, Literatur, Krieg und Frieden gegenübergestellt. Denn das Ausland machte sich noch Illusionen über das Deutschland Adolf Hitlers, auch die  „neutrale Schweiz“. Und vor den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin wollte Deutschland den Anschein eines „normalen“ friedliebenden Landes aussenden, eines weltoffenen freien Landes.

 

Zur weiteren Flucht verurteilt

 

Doch die Schweiz  „knickte „ bald ein, indem sie ab 1937/38 vielen Exilautoren und Flüchtlingen keine Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeits-erlaubnisse erteilte bzw. den gewährten keine Verlängerung gab. So wurden viele zur weiteren Flucht verurteilt. Im letzten Moment half der Bürgermeister der luxemburgischen Stadt Esch, Hubert Celement, der Victor eine Einreisegenehmigung verschaffte.

 

Jüngste Generation weiß kaum etwas über die Schrecken des 20. Jahrhunderts

 

Dieses 20. Jahrhundert birgt schreckliche Geschichten. Die jüngsten Generationen wissen darüber kaum etwas. Sie erfahren in den Schulen zu wenig. Ihr geschichtliches Wissen schrumpft auf Halb- und Viertelwissen. Öffentliche Bibliotheken, besonders im Osten Deutschlands, wurden in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten reduziert, viele sozialistische Autoren wurden „aussortiert“. Von Victor z.B. fand ich in einem elektronischen Bestandsspeicher seiner Titel nur noch drei, vier Anekdotensammlungen, „Kehre wieder über die Berge“, seine hochinteressante Autobiografie (1945: New York; 1982: Berlin und Weimar, als DDR-Ausgabe) ist laut Auskunft „nicht ausleihbar“.

Ist es ein Indiz? Ein Indiz dafür, dass die Worte Richard von Weizsäckers von 1985  („Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung vom Faschismus ...“), konstatiert aus Anlass des 40. Jahrestages, aus der Erinnerung der Deutschen verdrängt werden soll? Indem man jetzt oft aus den öffentlichen Medien sagen hört, der 8. Mai sei lediglich ein „Tag der Beendigung des Krieges?“