25. August 2015

„An der Ehre des Buchenwaldschwurs gepackt“ – in Memoriam Klaus Trostorff (12.11.1920 - 7.8. 2015)

Klaus Trostorff bei der Gedenkfeier in Buchenwald am 11. April 2015. Umrahmt von Helmut Rooge von der Gedenkstätte (li.) und seinen Sohn Mathias (re.). Im Hintergrund Enkel Steffen und vorne Günther Pappenheim.

 



Vor 70 Jahren wurden Deutschland und die Welt vom Hitlerfaschismus und dem bestialischen Morden, den das so genannte Dritte Reich mit sich brachte, befreit. Zeitzeugen, die davon berichten können, gibt es leider immer weniger. Einer, der den heute lebenden gerne Rede und Antwort stand war Klaus Trostorff. Am 7. August verstarb der Antifaschist in Erfurt.



Aufgewachsen in Breslau war seine Jugend von linksgerichteten, zumeist sozialdemokratischen Einfluss geprägt. Seine Mutter, eine Jüdin, war 1910 bei der Kopenhagener Konferenz dabei, auf der die Einführung eines internationalen Frauentages beschlossen wurde. Als Kind saß er auf dem Schoss des SPD-Reichstagspräsidenten Paul Löbe. Die Nähe seiner Familie zur SPD hat ihn politisch schon früh geprägt. Kein Wunder, dass er zu den leider viel zu wenigen Deutschen gehörte, die die Katastrophe erkannten, auf die Deutschland unweigerlich zusteuerte. Gemeinsam mit Freunden, versuchte er etwas zu tun und überredete Soldaten auf Heimaturlaub zu desertieren. Wie viele andere Widerstandskämpfer wurde er denunziert und von der Gestapo verhaftet. Nach einem halben Jahr Gestapo-Haft, mit unzähligen Verhören und grausiger Folter, kam er ins Konzentrationslager Buchenwald. Ausgemergelt und ausgehungert nahmen ihn die in Buchwald inhaftierten Kommunisten unter ihre Fittiche. Er bekam einen Teller kalte Erbsensuppe mit Brot – seitdem sein Leibgericht – und dank der Solidarität der kommunistischen Mithäftlinge kam er wieder zu Kräften und konnte so die körperliche Schwerstarbeit überstehen. Zu den inhaftierten Sozialdemokraten gab es dagegen keinen Kontakt. Kein Wunder, dass Klaus Trostorff kurz nach Kriegsende 1945 der KPD beitrat. Die Selbstbefreiung hat es gegeben, natürlich wäre sie ohne das Heranrücken der Amerikaner nicht möglich gewesen, weiß auch Klaus Trostorff. Aber die Gefangen selbst waren es, die die Hakenkreuzfahne entfernten und  an deren Stelle eine weiße Fahne hissten. „Das war der schönste Moment in meinem Leben“, sagt Klaus Trostorff und man spürt, wie nahe ihm das auch nach 65 Jahren noch geht, wie sehr er mit den Emotionen zu kämpfen hat.  Schnell hat er sich wieder gefangen und erzählt, wie er in der DDR auch ohne Abitur studieren konnte. „Als Buchenwalder, wurde mir gesagt, bin ich viel wichtiger, denn als Abiturient und schnell wurden die Strippen für mich gezogen.“ Er studierte Jura und Gesellschaftswissenschaften in Jena.  „Als Jurist arbeiten wollte ich nie. Ich hätte nie jemanden einsperren können, der lieber in der Bundesrepublik leben wollte.“ Seine Frau Gisela fügt hinzu: „Jeder Mensch hat das Recht, zu leben wo er will“. Klaus Trostorff nickt zustimmend. Ebenso wenig wollte er eine Uniform anziehen. So wurde er zunächst Lehrer. Später persönlicher Referent des Erfurter Bürgermeisters, Gerhard Boock und schließlich selbst Bezirksbürgermeister in Erfurt. „Das war der richtige Beruf für mich. Ich hatte es gelernt und die tägliche Arbeit machte mir Spaß.“ Doch dann kam eine schicksalhafte Tagung im „Elefanten“ in Weimar. Natürlich ging er hin. „Dort waren etwa 50 frühere Buchenwalder und sie wollten mich als Nachfolger von Edwin Bergner als Gedenkstättenleiter in Buchenwald. Erst wollte ich nicht, aber sie haben auf mich eingeredet, mich an der Ehre des Buchenwaldschwurs gepackt, bis ich irgendwann gesagt habe, ich mache es.“  20 Jahre arbeitet er dort. Er traf Willy Brandt, Richard von Weizsäcker, Oskar Lafontaine und viele andere. Lafontaine schenkte ihm eine Schallplatte mit von ihm geliebter Klaviermusik, ausgerechnet eine, die er noch nicht hatte. In den USA hielt er Vorträge und nutzte die Chance, seinen Bruder in New York zu besuchen, natürlich ohne Wissen der Behörden. Auch in der Bundesrepublik schätzte man seine Expertise. Er wurde Berater für den Aufbau von Gedenkstätten in Westdeutschland, u. a. in Bergen-Belsen. 

Einige Jahre wohnte er mit seiner Frau, früher Schuldirektorin und ebenfalls politisch aktiv, ihm in Sachen Antifaschismus in nichts nachstehend, in Erfurt. Geistig noch bis zum seinem Tode voll auf der Höhe der Zeit, beobachtete er den zunehmenden Neo-Faschismus mit großer Sorge, genauso wie die Geschichtsklitterung. „Es stimmt nicht, wenn behauptet wird, dass die Sowjets einfach so weiter gemacht hätten wie die Nazis. Auch wenn Menschen ohne Gerichtsverfahren in die Lager gesperrt wurden, auch nach Buchenwald, so ist das nicht vergleichbar. Niemand wurde ermordet und im Krematorium verbrannt, wie es oft behauptet wird“. Klaus Trostorff muss es wissen, er hat es miterlebt.

Thomas Holzmann