2. Juni 2015

Gewerkschaften sind das Rückgrat unserer Gesellschaft

Sandro Witt, stellvertretender Vorsitzender und Gabriele Kailing, Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen. Witt, geboren in Thüringen, Mitglied der LINKEN und Kailing, geboren in Hessen und Mitglied der SPD, stehen symbolisch für das Zusammenwachsen des DGB in Ost und West. Simone M. Neumann/DGB

Kämpfer damals wie heute: Hans-Hermann Hoffmann gehört zu den Wenigen, die sowohl beim FDGB als später auch beim DGB aktiv waren. Viele kennen ihn auch in anderen Funktion, wie als Präsidenten des Thüringer Arbeitslosenparlamentes.

„Das hätten wir uns vor 25 Jahren nicht träumen lassen“, resümierte Bodo Ramelow in seiner Rede bei der Festveranstaltung „25 Jahre DGB in Ostdeutschland“. Gemeint war natürlich die Tatsache, dass er, der vor 25 Jahren als HBV-Gewerkschafter nach Thüringen kam, diese Rede als erster LINKER Ministerpräsident hielt, aber auch „als Kollege“, wie der stellvertretende Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, Sandro Witt, betonte. Ramelow, der süffisant zugab ein Menschen zu sein, der auf alles eine Antwort haben will, musste damals zur Wendezeit genauso viel dazu lernen wie die Menschen im Osten auch. Keine Ahnung hatte Ramelow zu Anfang, was eine BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung) überhaupt ist. Generell hatten damals viele das Gefühl, nicht die gleiche Sprache zu sprechen. 

 

Einschüchterung nicht zu lassen – Antifaschismus eint Gewerkschafter

 

Eines aber vereint Ost und West gewiss: „Freie Gewerkschaften waren und sind das Rückgrat unserer Gesellschaft“ und völlig klar sei: „wer meint, die Freiheit der Gewerkschaften bedrohen zu können, bedroht die Freiheit der gesamten Gesellschaft. Dass mit verbrecherischen Aktionen wie dem Überfall am 1. Mai in Weimar versucht wird, Demokratinnen und Demokraten einzuschüchtern, werden wir nicht zu lassen“, unterstrich Bodo Ramelow zum Abschluss seines Grußwortes. Der Antifaschismus und der konsequente Kampf gegen den Rechtsextremismus ist ein Wert, auf den sich alle Gewerkschafter einigen können, auch wenn sonst die Meinungen, in einer pluralen, parteiübergreifenden Organisation durchaus divergieren. Bei Themen wie GdL-Streik, politisches Streikrecht und erst Recht bei der Bewertung der Rolle des FDGB gehen die Ansichten sehr schnell sehr weit auseinander.   Speziell die Positionen des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffman dürften bei vielen im Osten auf keine allzugroße Zustimmung stoßen. 

 

FDGB-Gewerkschafter fast völlig vergessen

 

Aus der ersten und zweiten Reihe des FDGB blieb nach 1990 praktisch niemand übrig. So verwundert es nicht, dass die zehn Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, die zu Recht beim Festakt im Kaisersaal mit der Hans-Böckler-Medaille ausgezeichnet wurden, praktisch durch die Bank erst 1990 in den Osten kamen. Viele Ost-Gewerkschafter, aber auch die Beschäftigten in den Betrieben, argumentierten damals, dass man für die neuen West-Chefs,  West-Gewerkschafter brauche, weil nur die sich mit der neue Welt aus Tarifautonomie und Streikrecht auskennen.  

Doch auf die blühenden Landschaften, die der selbsternannte Einheitskanzler Kohl damals versprochen hatte, warten die Menschen vielerorts vergeblich. „Über Ostdeutschland fegt ein ökonomischer gesellschaftlicher  Transformationsprozess, dessen negative Auswirkungen die ostdeutschen Ländern bis heute noch nicht gänzlich bewältigt haben. Sie sind Spitzenreiter bei prekären Beschäftigungsverhältnissen wie Befristung und Leiharbeit“, sagte Gabriele Kailing, Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen.   

 

Ohne Gewerkschaften kein Schutz vor Exzessen des Kapitalismus 

 

Angesichts dieser wenig erfreulichen Umstände, die sich noch um viele weitere Probleme erweitern ließe und der – wie immer  – nicht gerade einfachen Debatte über die Bewertung der Geschichte und des schwierigen Transformationsprozesses, der auch die Gewerkschaften manchmal spaltete, dürfte so manchen der ein oder andere Bissen beim Stehbüffet etwas quer im Halse gesteckt haben.

Aber eines gilt trotz alledem: Ohne starke Gewerkschaften haben die Beschäftigten keine kraftvolle Interessenvertretung und wären den Exzessen des entfesselten Kapitalismus schutzlos ausgeliefert. 

 

 

Starke Gewerkschaften sind das einzige Mittel für Arbeitnehmer

 

Seit 25 Jahren gibt es den DGB in Ostdeutschland. Lauscht man Gewerkschaftern, welche die Wendezeit und die DDR nur aus den Geschichtsbüchern kennen, besteht der Eindruck: Erinnerungen an den FDGB und die damals aktiven Gewerkschafter werden nur auf die so genannte Zwangsmitgliedschaft reduziert. Das stößt vielen, die im FDGB gearbeitet oder sich ehrenamtlich engagiert haben, unangenehm auf. 

So auch bei Hans-Hermann Hoffmann, der im FDGB vor der Wende und danach, als einer der ganz Wenigen ebenfalls beim Deutschen Gewerkschaftsbund gearbeitet hat.

Auch er weiß, die Rolle des FDGB war eine ganz andere, als die des DGB in der Bundesrepublik. Tarifautonomie, Mitbestimmung und Streikrecht, das gab es im Osten nicht in der Form wie im Westen. „Der FDGB war Teil des gesellschaftlichen Systems in der DDR und hatte deshalb andere Ziele als der DGB in der BRD. Sie bestanden aber nicht allein nur in der Wahrnehmung der Sozialversicherung und des Feriendienstes für die Berufstätigen.  Der FDGB hat im Wesentlichen seine Rolle in den Betrieben und Verwaltungen ausgeübt. Die Betriebsgewerkschaftsleitungen (BGL) haben die Interessen  der Beschäftigten gewahrt und die sozialen Sicherungssysteme, die Unterstützung in vielen Lebenslagen  und vor allem  bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und der Entlohnung in den Betrieben mitgewirkt. Die Betreuung der Senioren war ebenfalls fester Bestandteil der betrieblichen Gewerkschafts-Arbeit“, fasste Hoffmann zusammen. 

„Nach der Wende haben uns helfende Gewerkschafter aus Hessen bestätigt, dass eine betriebliche Gewerkschaftsleitungen die effektivste Interessenvertretung sein kann.“ 

Wer weit zurück schaut, kann auch weit nach vorn blicken. Da allerdings hegt Hoffmann derzeit eher Skepsis: „Im Moment deutet die politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands eher die Tendenz, dass die Arbeitnehmer die Gewerkschaften als ihre Interessenvertretung durch verstärkte Eintritte stärken und die Kraft für politikbeeinflussende Aktionen fehlt. Außerdem zeigt die Entwicklung seit der Agenda 2010, dass der Staat immer stärker in Arbeitnehmerrechte eingreift und gewerkschaftliches Handeln regulierend beeinflusst wie das jüngst verabschiedete Tarifeinheitsgesetz deutlich erkennen lässt. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Menschen sich vor allem um die materielle Absicherung kümmern. Deswegen haben auch viele eine Abneigung gegen jede organisatorische Bindung.  Trotzdem ist es das einzige Mittel für die Arbeitnehmer, eine starke Gewerkschaft als Interessenvertretung zu haben. Denn, Arbeitnehmerrechte wurden immer nur durch Arbeitskampf, auf der Straße, mit den Gewerkschaften durchgesetzt. Leider sieht es im Moment nicht danach aus.“  

Doch auch das kann sich sehr schnell ändern, vor allem so lange es solche Kämpfer wie Hans-Herrmann Hoffmann gibt, der stellvertretend für viele andere in Ost und West steht.         

th

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/5/artikel/-bf369e4e17/