12. Januar 2016

Wahrheiten über den NSU als Krimi

Von Paul Wellsow 

 

Wolfgang Schorlau hat einen neuen Roman geschrieben, einen Krimi über den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU). Sein fiktiver Privatermittler Georg Dengler, ein ehemaliger Zielfahnder des Bundeskriminalamtes aus Stuttgart mit Interesse an gutem Wein, erhält anonym den Auftrag, den Tod der beiden Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu klären – denn an die offizielle Version eines Selbstmordes glaubt der Auftraggeber nicht. Und so macht sich Dengler in seinem mittlerweile achten Fall auf die Suche nach der Wahrheit und stößt auf zahlreiche Ungereimtheiten.

Für seinen Roman hat sich Schorlau intensiv mit dem NSU befasst. Er hat sich mit Polizisten, Geheimdienstlern und einem Opfer des NSU-Anschlages in der Kölner Keupstraße getroffen, er hat Ermittlungsakten gelesen, mit Experten und Politikern wie Bodo Ramelow gesprochen, Literatur und Zeitungen ausgewertet. Schorlau treibt eine grundlegende, urdemokratische Skepsis gegenüber den Geheimdiensten um, die schon in seinem Roman „Das München-Komplott“ über die rechten Hintergründe des Attentats auf das Münchener Oktoberfest 1980 Antrieb war. Gleich zu Beginn seines neuen Krimis lässt Schorlau den Vize-Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz wenige Tage nach dem Auffliegen des NSU sagen: „Wir werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Am Ende dieser sogenannten Krise wird das Amt besser dastehen als zuvor, es wird mehr Kompetenzen, mehr Personal haben und mehr Geld, viel mehr Geld.“ Figur und Zitat des Geheimdienstlers sind natürlich frei erfunden – aber treffend. Aus der NSU-Affäre gingen die Spitzel-Behörden gestärkt hervor.

Wie gewohnt hat Schorlau mit seinem neuen Krimi politische Literatur vorgelegt. Wie auch in seinen vorherigen Büchern mit dem Ermittler Dengler hält er sich dabei an Fakten als Grundgerüst des Romans und strickt um sie eine erfundene Geschichte, die nur zu wahr sein könnte. Zitate aus den original NSU-Ermittlungsakten und Fotos aus dem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach sind im Buch abgedruckt. „Alles Fiktion, alles wahr“, so brachte die „Frankfurter Rundschau“ Schorlaus Arbeit auf einen Nenner. Schorlau wirft nicht nur einen kritischen Blick auf die Neonazi-Szene und Geheimdienste, sondern auf die Gesellschaft. Er beschreibt zum Beispiel, wie die Opfer des Kölner NSU-Anschlages und ihre Angehörigen sowie die AnwohnerInnen der Keupstraße völlig zu Unrecht ins Visier der Ermittler gerieten, während Hinweise auf einen rassistischen Hintergrund vernachlässigt wurden. Er zitiert ausführlich aus Zeitungen, zum Beispiel aus „Bild“ und „Der Spiegel“, die in den frühen 1990er Jahren – dem Zeitraum des Entstehens des NSU – die Stimmung gegen Flüchtlinge anheizten, und er beschreibt die Serie rassistischer Anschläge im ersten Halbsjahr 2015. Und er benennt als Beispiel dafür, „wie der Staat vor rechter Gewalt zurück wich“, den jüngsten Vorschlag des Thüringer SPD-Vorsitzenden und Erfurter Oberbürgermeisters Andreas Bausewein, die Schulpflicht für Flüchtlingskinder auszusetzen.

Schorlau schreibt mit dem Roman „Die schützende Hand“ die Geschichte einer großen Verschwörung skrupelloser Geheimdienstler. Neonazis sind darin letztlich nur Statisten und Spielfiguren. Das lenkt ab vom vitalen Eigenleben der Neonazi-Szene, von Ideologie, von Rassismus und virulentem rechten Denken. Doch Schorlau hat einen Krimi geschrieben, kein Sachbuch. Und die unzähligen Ungereimtheiten im Fall des NSU, an denen sich Schorlau abarbeitet, sind genau jene offenen Baustellen, an denen sich auch Untersuchungsausschüsse und Journalisten seit Jahren die Zähne ausbeißen. Ein spannender Roman, ein durch und durch politischer Krimi.

Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand. Denglers achter Fall, Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 14,99 Euro.