3. November 2015

Was Mut macht

Viele, vor allem junge Menschen gehen in Erfurt regelmäßig für Willkommenskultur und gegen rassistische Panikmache auf die Straße. Foto: A. Rudolph

Von Regina Pelz 

 

Der 21. Oktober in Erfurt hatte es wirklich in sich. AFD-Höcke und Thügida hatten am Abend ihre Anhänger auf den Domplatz eingeladen. Und mehr als 4.000 „besorgte Bürger“ kamen. Was die Flüchtlingspolitik betrifft, gibt es wirklich Grund genug, sich Sorgen zu machen. Ich mache mir auch welche. Gerade deshalb war ich an diesem Tag auf dem Willy-Brandt-Platz zur Unterstützung der Gegendemonstranten. Am Ende wurden hier weniger gezählt als auf dem Domplatz. Immerhin kamen auch hier Tausende, die dicht gedrängt auf dem Platz vor dem Bahnhof für die Willkommenskultur in Erfurt – der Stadt des Friedens – Flagge zeigten. Das macht Mut. 
Offen gestanden – ich war froh hier zu sein. Ausgesprochen viele junge Leute waren gekommen, einige mit Kindern, viele mit Fahrrädern – alle friedlich und entspannt. Seifenblasen wurden fröhlich gen Himmel geschickt und bunte Luftballons auch. Diese Friedfertigkeit in den Gesichtern hat mich berührt – so mittendrin.
Ich spreche niemanden seine Sorgen ab, wenn es um Flüchtlinge geht. Es gibt zu viele ungelöste Probleme: Menschenwürdige Unterbringung der in großen Zahlen nach Europa drängenden Kriegsflüchtlinge in winterfes-ten Quartieren; die Essenversorgung, fehlende Sprachkurse für Kinder und Erwachsene als Basis der Verständigung, die Eingliederung Schulpflichtiger, die Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge, die schnelle medizinische Erstversorgung, die zügige Bearbeitung der Anträge derjenigen, die nicht bleiben können . . . 
Ja, das sind riesige Probleme, die vor allem den Kommungen eine Menge abverlangen und manche gar resignieren lassen. Ohne die unzähligen ehrenamtlichen Helfer und die große Spendenbereitschaft der Bevölkerung wäre die praktizierte Willkommenskultur ohnehin nicht denkbar. Aber wie wird es weitergehen, wenn es nicht gelingt, die Kriege in Afrika und Nahost durch kluge Diplomatie zu stoppen?
Die offenen Fragen bleiben, und es werden immer mehr. Bisher hat wohl niemand die allseitig anerkannte Lösung in der Jackentasche. Deshalb braucht es überall im Land ein Zusammenrücken der Bürger und die gemeinsame Suche nach machbaren Wegen. Jeder, so wie er kann. Das Leid derjenigen, die zu uns kommen, weil sie auf Hilfe hoffen, kann uns doch nicht egal sein. Wir sind Menschen. Menschen wie diejenigen, die vor Kriegen fliehen. 
Dazu kommt: Auch die Benachteiligten hierzulande erwarten ein deutliches Signal, dass sie bei alledem nicht vergessen werden. Zu Recht, denn auch sie haben Ängste.
Als Beitrag zur Finanzierung der riesigen Anforderungen hat der Thüringer Ministerpräsident die Einführung einer Reichensteuer  vorgeschlagen. 
Was mich aber innerlich besonders erschüttert, ist die Wut, der Hass und die Aggressivität, die bei den NPD-und AfD-Aufmärschen überall in Deutschland zu Tage treten. Hasstiraden sind einfach widerlich und schwer ertragbar. Und ich finde es absurd, wenn diejenigen skandieren „Wir sind das Volk!“ Wir, die sich an diesem Tag vor dem Erfurter Bahnhof versammelten, gehören auch zum Volk und fühlen uns denen verbunden, die helfen, das Leid der Flüchtlinge zu lindern. Wer gibt jenen Leuten das Recht, in unserem Namen zu sprechen? Wer sich echt Sorgen macht, muss doch für Lösungen offen sein, Ideen entwickeln, die helfen, die riesigen Herausforderungen zu meistern. Hass und Gewalt waren da schon immer ein schlechter Ratgeber. Geschichtslehrer Höcke sollte das wissen. 
Natürlich hat die Bundesregierung in Sachen Flüchtlingspolitik in den vergangenen Jahren einiges verschlafen. Das ist zum Heulen, rechtfertigt aber noch lange nicht die Bedrohung derjenigen – Ehrenamtliche, Bürgermeister, Politiker – die Menschlichkeit zeigen und sich selbst nicht schonen, um Notleidenden zu helfen.
 Ja, ich bin für Meinungsfreiheit, für Menschenwürde und Menschlichkeit wie sie im Grundgesetz unseres Landes festgeschrieben sind. Aber Morddrohungen, Hass und Gewalt, brennende Flüchtlingsunterkünfte und Wohnungen, die Verweigerung eines friedlichen Dialogs haben damit nichts zu tun. Sie lösen keine Probleme, sondern schaffen neue. Deshalb ist es wichtig, das deutlich zu artikulieren. 
Zu viele üben sich noch in Zurückhaltung, wenn es um einen klaren öffentlichen Standpunkt geht. Aus Gesprächen ist mir bekannt, dass es bei vielen Gutwilligen Ängste gibt, zwischen die Fronten zu geraten. 
Der Abend auf dem Willi-Brandt-Platz und die anschließende Demo zum Domplatz jedenfalls haben Zeichen gesetzt: Erfurt ist friedlich, Erfurt ist menschlich! Das macht hoffentlich auch denen Mut, die jetzt noch zögern, vor Ort zu sein.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/4/artikel/was-mut-macht/