6. September 2016

Ein Schule für alle?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Dr. Steffen Kachel 

 

„Die Inklusion an unseren Schulen ist eine Großbaustelle.“ Dieser Satz in der Einladung der Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Konferenz „Eine Schule für alle“ war am letzten August-Montag an allen Stellen mit Händen zu greifen. Über einhundert Pädagoginnen und Pädagogen, Erzieherinnen, Verbandsvertreter und Interessierte diskutierten im Haus Dacheröden über die Ansprüche und Gelingensbedingungen einer gemeinsamen Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung.

 

Nicht schwer, zur Diskussion zu motivieren 


Nach dem von den Beteiligten sehr interessiert aufgenommenen Grundsatz-Statement der Landesregierung, das auch gleich einige Nachfragen provozierte, ging es in die Arbeitsgruppen. 
Und hier leistete die Tagung, was sie versprochen hatte: es wurde konkret, und die als Arbeitskreisleiter fungierenden Experten hatten es nicht schwer, zur Diskussion zu motivieren. Ein bunter Strauß an Erfahrungen, Perspektiven und Vorschlägen traf da aufeinander, Widerspruch und Zustimmung waren zu hören und am Ende wurden Ergebnisse festgehalten. Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule, die Folgen der finanziellen Lage der Kommunen für die Ausstattung der Schulen, die verschiedenen Anforderungen an die Inklusion bei den verschiedenen Formen von Beeinträchtigung, die richtige Kombination der Professionen und Unterstützungssysteme – Logopäden, Ergotherapeuten, Psychologen, Sonderpädagogen, sonderpädagogische Fachkräfte und weitere, die Rolle und Qualität der Gutachten, die Möglichkeiten, Erfahrungen und Systeme aus dem Kindergarten in die Schulzeit hinüberzunehmen, die besonderen Anforderungen von Inklusion im ländlichen Raum, Ansprüche an die Lehrerausbildung und das Ziel, eine Aufsplitterung des Einsatzes der Sonderpädagogen auf verschiedene Schulen zurückzudrängen – diese Punkte und noch viel mehr wurden debattiert.

 

Lösungen möglich, wenn es gelingt Ideen zusammen zu führen


Dies drückte sich auch im Fazit aus, das die Arbeitsgruppen ziehen konnten, und das durch die folgende Diskussion nochmals untermauert wurde. Die Tagung zeigte: Thüringen ist längst auf dem Weg. Es sind noch viele Fragen zu lösen, aber wenn es gelingt, die verschiedenen Sichten und Ideen zusammenzuführen, können Lösungen gefunden und die nächsten Schritte angegangen werden. Dafür war diese Tagung ein wichtiger Meilenstein. 

 

Thüringer Schulgesetz und Förderschulgesetz sollen zusammengeführt werden


Jetzt kommt es darauf an, mit den Ergebnissen der Tagung produktiv zu arbeiten. Nicht nur das Bildungsministerium, sondern auch die Fraktionen und die Gewerkschaften und Verbände sollten den Fundus nutzen, um in der Vorbereitung des inklusiven Schulgesetzes so viel wie möglich Anregungen aufzunehmen, Probleme zu lösen bzw. zu entschärfen. Dann könnte Thüringen ein sehr produktives und fortschrittliches Gesetz bekommen, das den Praxistest besteht. Quasi als gutes Fundament für die weitere Arbeit auf der Baustelle. Und das wäre vollkommen im Sinne all derer, die im Haus Dacheröden so engagiert gestritten haben.
Das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport legte zu Beginn 2016 Eckpunkte eines inklusiven Schulgesetzes für Thüringen vor. Das  Thüringer Schulgesetz und das Förderschulgesetz sollen zusammengeführt werden. Geplant ist, dass das Gesetz ab dem Schuljahr 2018/2019 für etwa 230.000 Schülerinnen und Schüler, deren 20.000 Lehrerinnen und Lehrer an über 1.000 Thüringer Schulen den Gemeinsamen Unterricht organisieren hilft.
Dieses Projekt gleicht einer Großbaustelle. Sein Erfolg hängt entscheidend von der Planung ab und von dem Fundament, auf dem es gebaut ist.

 

Externe Beratung? 


Es stellt sich die Frage, was alle Projektbeteiligten schon jetzt an Ressourcen einbringen können und welche Neuinvestitionen nötig sind. Wo ist die stabile Basis, von welcher die Eckpunkte des Gesetzes wie Stützpfeiler getragen werden? Und wird an eine externe „Bauberatung“ gedacht, wenn der Prozess sich schwierig gestaltet?
Wir bieten allen an Schule und Bildung Interessierten sowie ehren- und hauptamtlich Verantwortlichen an, sich über diese Fragen auszutauschen.
Mit der Gewissheit, dass schulische Inklusion ein von vielen Beteiligten zu tragender komplexer Auftrag ist, und der Bereitschaft, positive Impulse und Empfehlungen aus der Veranstaltung in das weitere Verfahren einfließen zu lassen, sollten die Teilnehmenden aus der Veranstaltung gehen können.

 

Der Inklusion "ohne Murren" stellen

 

Fast schon trotzig hatte Bildungs-Staatssekretärin Gabi Ohler (LINKE) zu Beginn der Veranstaltung noch einmal begründet, warum sich diese Regierung genau wie die vorhergehende ohne Murren und Grundsatzdebatte in die Aufgabe der Inklusion stellt: Viele Länder in Europa, viele Bundesländer auch in Deutschland, sind auf diesem Weg schon weiter vorangeschritten als Thüringen und zeigen täglich, dass Inklusion funktioniert. Allerdings realisiert sich dieses große Ziel nicht von selbst. Gabi Ohler stimmte zu, dass inklusive Schule hohe Anforderungen an alle Beteiligten stellt und mit all ihren Umweltbedingungen erst organisiert werden muss. Deshalb dürfe man nicht mit überspannten Erwartungen an das Ziel herangehen: „Nicht jede Schule wird bereits in ein, zwei Jahren eine inklusive Schule sein.“ Wichtig sei aber: „Wir machen uns alle gemeinsam auf den Weg.“