4. Oktober 2016

Situation in der Breitenkultur schwer zu ertragen

Schon im Mai wurde Erfurt Kultur symbolisch zu Grabe getragen. Foto: th

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Ute Hinkeldein

Der jüngst verstorbene Egon Bahr beschrieb die Realpolitik so: „In der internationalen Politik geht es weder um Menschenrechte noch um Demokratie. Es geht einzig und allein um staatliche Interessen.“Auf die Kommunen herunter gerechnet hieße das, es geht einzig und allein um die Interessen der Städte und Gemeinden, deren Ziel es sein muss, Wirtschaftsbündnisse zu schaffen, um Konkurrenz auszuschließen. Dass dabei Organisationen und Vereine im Bereich Kultur, Bildung und Soziales austrocknen, spielt keine Rolle. Mit einer Ausnahme: Orte der „Aufarbeitung der DDR-Geschichte“. Die Gedenkstätten und die Landesstellen der Stasi-Archive sind finanziell, personell und inhaltlich gut ausgestattet.Es ist sicher richtig, dass sich Bürgerinnen und Bürger, vor allem Jugendliche, mit der DDR-Geschichte auseinandersetzen.Manches macht mich aber nachdenklich. Warum war es im ehemaligen Untersuchungshaft-Gefängnis in der Erfurter Andreasstraße nicht möglich, die gesamte Geschichte vom Beginn im 19. Jahrhundert bis zum Schluss darzustellen? Hier waren vermutlich Arbeiter- und Soldatenräte nach dem I. Weltkrieg inhaftiert.Eine kleine Sonderausstellung zeigt den Jugendwiderstand im 2. Weltkrieg, rund um Herrn Bock. Dieser Gruppe gehörte auch unser Pfarrer Karl Metzner an. Auch Vera Eberhardt wurde hier gemaßregelt.Aber auch der Mörder von Sondershausen saß hier ein. Ein elitärer Jugendlicher ermordete den Schüler Sandro, nur weil er zur „Schwarzen Gruppe“ gehören wollte, aber nach Meinung des Mörders „zu weit unten stand“. Pfarrer Hartmann, damals Leiter der Ev. Stadtmission,  hat sich intensiv damit beschäftigt. Warum bleibt diese spannende Geschichte des Hauses außen vor? Da gibt es auch einen Kubus auf dem Gelände der Andreas-Gedenkstätte. Solch einen Kubus gab es in Form eines Metallkäfigs im Mittelalter. Der „Strolchdieb“ wurde darin ausgestellt und dem Spott der Leute ausgesetzt.Was wollten die Gedenkstättenmacher damit ausdrücken? Denn einen direkten Bezug zur DDR-Vergangenheit gibt es nicht.Es gibt auch noch einen anderen Punkt. Seit zwei Jahren erhält der Aktionskreis für Frieden e.V. keinerlei Förderung von der Stadt mehr. Damit der Friedensverein erhalten bleibt, wenn auch ganz stark abgespeckt, spende ich jährlich 1000 Euro von meiner Rente. Aber da auch im Gesundheitsbereich von den Krankenkassen gespart wird, weiß ich nicht, wie lange mir das möglich ist. Ich sorge mich um den Bestand des Vereins. Aber Geld ist vorhanden; es müsste innerhalb der Stadtverwaltung nur richtig verteilt werden.Als nächstes soll das Volkskundemuseum gestrichen werden. Es hat zu wenig Besucher. Aber was es sonst noch leistet, wird nie erwähnt. Zwei Wissenschaftler arbeiten in der volkskundlichen Beratungsstelle. Sie sammeln Material und Informationen über Bräuche, Lieder, historische und aktuelle Lebensformen und geben Vereinen und Heimatstuben Hinweise für ihre Arbeit.Ich habe meine Familiengeschichte in Form von über 100 Jahre alten Fotos hingegeben und mich von Dr. Gudrun Braune bei meinen Erzählungen rund um „Frau Holle“ beraten lassen.So, wie es aussieht, wird es wohl nur noch DDR-Geschichte á la Karte geben. Die Situation im Bereich Breitenkultur ist aktuell schwer zu ertragen. Wo bleibt die ausgeglichene Förderung in diesem Bereich, wie auch im Bereich Bildung und Soziales?

 

 

 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/2/artikel/situation-in-der-breitenkultur-schwer-zu-ertragen/