10. Januar 2017

Jesus wäre heute Mitglied der LINKEN

Probst Diethard Kamm diskutierte, moderiert von Stefanie Gerressen, mit Greogor Gysi über „Luthers ungeliebte Brüder“. Foto: Dirk Anhalt

Von Sigird Hupach

 

Für den 15.12  hatten meine Fraktion und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen nach Mühlhausen eingeladen, um zu Beginn des Reformationsjubiläums – welches jedoch eher als Lutherjubiläum wahrgenommen wird – den Blick auf andere Reformatoren in Thüringen zu lenken. Im übervollen 3K-Theater gab der Direktor der Mühlhäuser Museen, Thomas T. Müller, der übrigens vor wenigen Wochen seine gleichnamige Ausstellung im Bauernkriegsmuseum eröffnete, einen Einstieg in die Thematik.

In seinem Vortrag zog er keinesfalls in Zweifel, „dass Martin Luther Großes geleistet und enormen persönlichen Mut bewiesen hat. Gleichwohl ist die Reformation niemals das Werk eines Einzelnen gewesen. Doch während Luthers engsten theologischen Mitstreitern, wie Philipp Melanchthon, Johann Agricola oder Georg Spalatin in der 2008 ausgerufenen „Lutherdekade“ noch ein Platz im Halbschatten des Reformators zugestanden wird, erhalten jene Theologen, die von der reinen lutherischen Lehre abweichende oder gar eigene reformatorische Ideen verfolgten, in der Regel noch nicht einmal einen Platz auf der Ersatzbank des Jubiläumsteams.


Und so berichtete Müller von Männern wie Andreas Bodenstein (Karlstadt), Jakob Strauß, Thomas Müntzer, Heinrich Pfeiffer oder Matthäus Hisolidus, die in der Frühphase der Reformation mit eigenen Reformationsideen an die Öffentlichkeit traten und der jungen Bewegung viele neue Impulse gaben. Luther und sein Umfeld seien jedoch massiv gegen diese „Schwärmer“ vorgegangen und Thomas Müntzer gälte sogar als erstes Opfer konzertierter Propaganda gegen einen Abweichler von der reinen Lehre im streng lutherischen Sinne.
Anschließend diskutierten Gregor Gysi und Propst Diethard Kamm, Regionalbischof Gera-Weimar und Stellvertreter der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, über das Thema – moderiert von der Journalistin Stefanie Gerressen.

Mein Fraktionskollege machte gleich zu Beginn deutlich, dass Luther Tolles geleistet hätte und er es nachvollziehen könne, dass die Reformation so mit ihm verbunden wird – jede große Bewegung wäre schließlich an eine zentrale Person geknüpft, was immer ein bisschen ungerecht wäre. Es sei nur falsch, wenn die anderen keine Erwähnung fänden. Mit Thomas Müntzer hätte Gysi viel Sympathie, weil er zu den Schwächsten ging und etwas verändern wollte. „Ob das nun aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen geschah, ist mir eigentlich egal.“, so Gysi. Propst Kamm ging auf die Marke Luther und den damit verbundenen Marketingeffekt ein und sprach zugleich die Schwierigkeit an, die damit verbunden sei, wenn jemand auf einen Sockel gehoben würde. Das hätte Müntzer in der DDR auch geschadet. Dieser spiele aber natürlich auch in seiner Kirche eine Rolle – Fragen, wie man mit Obrigkeiten umgehen oder ein gottgefälliges Leben führen kann, würden bleiben.


Einigkeit herrschte auf dem Podium darüber, dass man diese Reformatoren nicht außerhalb ihrer Zeit betrachten – aber selbstverständlich Lehren aus ihrem Wirken ziehen kann. Und auch heute bräuchte es in dieser Welt wieder Reformatorinnen und Reformatoren, machte der Propst am Ende deutlich und endete mit dem Appell „Fürchtet euch nicht“. Großen Applaus erntete Gregor Gysi für seinen Satz: „Jesus Christus wäre heute Mitglied der Linken“ – ein gutes Schlusswort einer spannenden Diskussion.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/zur_sache/detail/browse/2/artikel/jesus-waere-heute-mitglied-der-linken/