11. Dezember 2012

Die Gebrüder Grimm– ein Leben zwischen märchenhafter Literatur und großer Politik

Das Jahr 2012 wurde zum Grimm-Jahr ausgerufen, denn vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die Erstausgabe, der inzwischen weltberühmten deutschen Kinder- und Hausmärchen aus der Sammlung der Brüder Grimm. 

Heute sind die Märchen in über 170 Sprachen übersetzt und das meist-übersetzte, am weitesten verbreitete Buch deutscher Sprache. Zum Vergleich: das wohl wichtigste Dokument der internationalen Arbeiterbewegung, das „Kommunistische Manifest“ von 1848, brachte es auf 120 übersetzte Sprachen. Spätestens 1815, nach der verbesserten 2. Ausgabe und erst recht heutzutage, kennt jedes Kind den Froschkönig, Hans im Glück, Rotkäppchen oder Schneewittchen. Märchen gehören seitdem zur Kindheit in deutschen Landen und offensichtlich kennt jeder die Brüder Grimm. Aber wer genau dahinter steckt, liegt für die meisten im Dunkeln. 

Jacob und Wilhelm waren zwei ausgesprochen individuelle Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Wesenszügen und Talenten. Die Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm, erwarben sich nicht nur als Märchensammler einen Namen. Sie waren auch Rechtsgelehrte, Sprachforscher, Literaturwissenschaftler, Volkskundler, Professoren an mehreren Universitäten und politisch aktive Bürger im Zeitalter der Kleinstaaterei.

Wer sich auf die Spuren der Grimms begeben will, muss sich nach Hessen aufmachen. In Hanau sind beide geboren. Hier beginnt deshalb auch die Deutsche Märchenstraße. Und hier, auf dem Hanauer Marktplatz, erinnert ein imposantes Nationaldenkmal an die beiden berühmtesten Söhne der Stadt. Nebenbei bemerkt, in Deutschland kann man drei Doppelstandbilder bewundern: in Hanau die Brüder Grimm, in Weimar Goethe und Schiller, in Chemnitz bzw. Berlin, Marx und Engels.

Umrahmt von einer familiären Welt der Sicherheit, im Hintergrund einen verbeamteten Vater mit glänzender Karriere, ergab ein bürgerliches Idyll. Mit Beförderung des Vaters zum Amtmann, zog die Familie nach Steinau. Hier verbrachten Jacob und Wilhelm mit ihren vier Brüdern und einer Schwester eine glückliche Kindheit. Ab dem Herbst 1798 besuchten Jacob und Wilhelm das Gymnasium in Kassel. Während Jacob und Wilhelm zeitlebens eine ungewöhnliche Bruderliebe verband, blieb ihr Verhältnis zu den übrigen Geschwistern eher distanziert. Eine Ausnahme bildete Ludwig Emil, später ein talentierter Zeichner und Kupferstecher. Wahrscheinlich, weil er als brüderlicher Künstler die Illustrationen für ihre Werke machen sollte. Schon auf dem Gymnasium zeigte sich ihre überragende Intelligenz und Begabung. Sie konnten Stufen überspringen und brauchten nur die Hälfte der Zeit für den Schulabschluss. 

Nun folgte 1802 ein Jurastudium an der Marburger Universität. Mit Fleiß verfolgten die Brüder die juristischen Studien, wenngleich die – meistens auf lateinisch gehaltenen – Vorlesungen sie oft langweilten. Ein Glücksfall für die Brüder, sollte die Bekanntschaft und lebenslange Freundschaft mit ihrem Lehrer, Professor Friedrich Karl Savigny werden. Der Einfluss Savignys ist kaum zu unterschätzen. Sie verdankten ihm nicht nur die wissenschaftliche Vermittlung der historisch-philologischen Betrachtungsweise, die auf die Erforschung der Quellen zielte, sondern lenkte ihr Interesse auf die altdeutsche Literatur. Kein Wunder, dass Jacob, ohne Abschlussexamen, dem verehrten Professor nach Paris folgte, um in der Nationalbibliothek zu forschen. 

Wilhelm wollte ebenfalls keine juristische Karriere einschlagen, hat aber sein Examen absolviert und wendete sich danach der mittelalterlichen deutschen Literatur zu. Ein weiterer günstiger Umstand, war 1804 die Bekanntschaft der Brüder mit zwei berühmten Schriftstellern der Romantik, nämlich Achim von Arnim und Clemens Brentano. Diese beiden hatten 1805 ihre Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ veröffentlicht und planten eine Fortsetzung, wo sie neben Liedern auch alte, überlieferte Sagen und Märchen publizieren wollten. Dazu brauchten sie Mitarbeiter und die wurden Jacob und Wilhelm Grimm. Durch Savigny in historisch-kritischem Denken methodisch angeleitet, von Achim von Arnim und Clemens Brentano in die Praxis des Sammelns, Bearbeitens und Editierens volkstümlicher Texte eingeführt, begannen die Brüder Grimm nun selbständig damit, die überlieferten Texte der „Dichtung des Volkes“ zusammen zutragen. Wir schreiben das Jahr 1806, in welchem die Brüder ihre Märchensammlung beginnen. Es ist das gleiche Jahr, in dem sie die Niederlage Preußens durch Napoleon bei Jena und Auerstedt erleben müssen. 

Damals gab es in Deutschland noch fast keine Märchenbücher. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts verdammte das Volksmärchen als minderwertig, albern und überholten Aberglauben, weil es im einfachen, ungebildeten Volk – schlicht „Pöbel“ genannt – kursierte und von Müttern, Großmüttern und Hebammen den Kindern erzählt wurde (daher auch der Ausdruck „Ammenmärchen“). Schriftsteller, in der Regel aus vornehmen Kreisen stammend, hielten Geschichten des „Pöbels“ nicht für Literatur, die des Drückens wert gewesen wäre (so Christoph Martin Wieland). Allerdings gab es auch Ausnahmen, wie Johann August Musäus, der bereits 1787 die „Volksmärchen der Deutschen“ herausgebracht hatte. Die Brüder Grimm waren also keine echten Pioniere auf dem Gebiet des Märchensammelns, aber und dies betrifft nur Wilhelm Grimm: er schuf zweifellos den einheitlichen Stil der „Kinder- und Hausmärchen“, ohne ihren Ursprung zu verleugnen. Damit ist ihm ein Kunstwerk von hohem ästhetischem Wert gelungen – eben das Märchen der Gattung Grimm. 

Bevor wir uns weiter den Märchen nähern, muss kurz auf die Lebensleistung der Brüder verwiesen werden. Unter dem Dach der neuen Wissenschaft, der Germanistik, deren „Erfinder“ und Namensgeber sie waren, forschten sie auf den Gebieten Literatur und Sprachwissenschaft, Volkskunde, Recht und Geschichte der germanischen Völker. So sind unter dem Namen Jacobs 21 Titel selbständig erschienen, während Wilhelm für 14 Bücher verantwortlich zeichnete. In brüderlicher Zusammenarbeit entstanden nochmals acht Werke von beträchtlichem Umfang. Darüber hinaus unterhielten beide Brüder einen umfangreichen Briefwechsel mit Fachkollegen und Freunden im In- und Ausland. Über ihr eigenes Forschungsgebiet hinaus waren Jacob und Wilhelm auch vertraut mit allen wichtigen Autoren und Philosophen der Antike, der spanischen, französischen, italienischen und englischen Literatur sowie der deutschen Moderne, so mit Goethe, Schiller, Jean Paul, Kleist, Tieck, den Brüdern Schlegel, Brentano und von Arnim. 

In den 1820er Jahren publizierten Jacob und Wilhelm unermüdlich neue Werke, sodass ihr Ruf weit über Hessen hinaus drang. Berühmte Philosophen wie Hegel suchten ebenso ihre Bekanntschaft wie der Dichter Heinrich Heine. Die Universitäten von Berlin und Breslau verliehen Jacob den Ehrendoktor. Wie unschwer zu erkennen ist, stellen die „Kinder- und Hausmärchen“, wie Wilhelm Grimm einmal feststellte, nur eine „angenehme Nebenarbeit“ dar, einen wichtigen, aber relativ kleinen Teil des Gesamtwerkes.

Zurück zum Märchen. Wann genau bei Jacob und Wilhelm der Plan reifte, die Märchen selbst zu veröffentlichen, liegt im Dunkeln. Der erste schriftliche Nachweis findet sich 1811. In diesem Jahr kam ihre Laufbahn als Schriftsteller in Schwung. Dabei trat die grundverschiedene Einstellung der Brüder mit aller Deutlichkeit zutage, die sich später auch auf die Märchen auswirken sollten. Jacob war der strenge Wissenschaftler, der alles so originalgetreu und unverfälscht wie möglich wiedergeben wollte. Wilhelm dagegen hielt nicht nur eine Übersetzung für notwendig, sondern auch gewisse Ausschmückungen. Zeitlebens konnten sich die Brüder in diesem Punkt nicht einigen. Deshalb veröffentlichten sie später die altnordische „Edda“ in zwei Fassungen, einer wissenschaftlichen von Jacob und einer ausgeschmückten von Wilhelm. Der erste Band der Märchensammlung war auch nicht für Kinder gedacht, sondern für ein erwachsenes, akademisch gebildetes Publikum. 

Nun muss mit einem bis heute bestehenden Klischee aufgeräumt werden, die Grimms seien unermüdlich landauf, landab gereist und hätten wie rasende Reporter, Märchen sammelnd, unzählige alte Dorffrauen befragt. Dieses Klischee setzten die Grimms selbst in die Welt, indem sie eine „Märchentante“ (Zeichnung ihres Bruders Ludwig Emil) in die zweite Auflage druckten. Noch stärker trug das bekannte Gemälde des Kasseler Malers Louis Katzenstein zur Legendenbildung (siehe Abbild) bei. Es diente zur Idealisierung und Stilisierung der Märchenerzählerin Dorothea Viehmann. Sachlich ist das Bild auch falsch: die Brüder Grimm haben Frau Viehmann nie in deren Dorfwohnung zwischen Kindern und gackernden Hühnern besucht. Vielmehr erschien dieselbige oftmals in der Kasseler Wohnung der Grimms, um Märchen zu erzählen. Auch waren Jacob und Wilhelm zum Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft mit Frau Viehmann noch keine 30 Jahre alt. Der Maler Katzenstein zeichnete aber ein Altersporträt der Brüder Grimm.

 

Märchenhaft in mancher Hinsicht, erscheint ebenso ihr ganzes Märchenunternehmen. So schreibt der Biograph der Grimms, Steffen Martus: „An Mystifikation und Verschleierung ist die Grimmsche Sammlung reich. Dies gilt für die Gestaltung und Verarbeitung des Materials und das gilt für die Quellen“. Wenn Wilhelm beteuert, er habe die Märchen „fast sämtlich in mündlicher Überlieferung“ gesammelt, so  verdreht er die Tatsachen deutlich. Richtig wäre, die Brüder Grimm haben altdeutsche literarische Quellen in Bibliotheken durchforstet, auf Besuch und Post gewartet. Also nicht vom gemeinen Volk die „Volkspoesie“ abgelauscht. Wurden Erzählerinnen genutzt, dann waren es gebildete und literarisch belesene junge Frauen aus dem Bürgertum. Eine von ihnen, Henriette, Dorothea Wild, heiratete Wilhelm später und führte eine glückliche Ehe. Jacob blieb als Einzelgänger unverheiratet. Die Tatsache, dass junge Frauen die wichtigsten Quellen waren, erklärt übrigens auch, warum in so vielen Märchen junge Mädchen als Heldinnen zu finden sind. Von Aschenputtel über Dornröschen, Rapunzel und Rotkäppchen bis hin zu Schneewittchen, Schneeweischen und Rosenrot. Diese Geschichten gefielen den Erzählerinnen offensichtlich am besten, so dass sie diese am liebsten wiedergaben.

Die jungen Frauen taugten aber für die Grimmsche Theorie der „Volksdichtung“ nicht. Daher vermieden die Brüder Grimm Namen bei der Herkunft der Märchen. Da sich jedoch Personen, damals wie heute, besser vermarkten lassen, manipulierten die Grimms die Tatsachen. Die junge Marie Hasselflug verwandelte sich in die „Alte Marie“ und als Prototyp der Märchenfrau entwarfen die Grimms das Bild der „Viehmännin“, einer 50- jährigen Bäuerin aus dem Dorfe Zwehren bei Kassel. In Wirklichkeit war die „Viehmännin“ die Tochter eines Gastwirtes in Knallhütte. Als Nachkomme einer Hugenottenfamilie, besuchte sie regelmäßig die Brüder Grimm und erwies sich als unschätzbare Fundgrube, da sie den Brüdern „die meisten und schönsten Märchen erzählte“. Jacob und Wilhelm konnten ihre „Feldforschung“ somit vom Schreibtisch aus erledigen. Hier liegt auch die Vermutung nahe, dass diese Dorothea, alias „Viehmännin"“ viel Erzählgut von den Fuhrleuten erfahren hat, die bei ihrem Vater im Gasthof logierten.

Inzwischen dachten die Grimms an eine eigene Veröffentlichung, da ihre Märchensammlung stattlich angewachsen war. Die entscheidende Initiative für die Drucklegung des ersten Bandes der Kinder- und Hausmärchen, kam von Achim von Arnim, welcher ihnen riet, nicht länger zu warten. Gleichzeitig vermittelte er ihnen den Berliner Verleger Reimer, der bereit war, 900 Exemplare zu drucken. So erschien die Erstausgabe der Brüder Grimm im Dezember 1812 als Weihnachtsausgabe. 86 Märchen enthielt dieser erste Band und kostete 1 Taler, 18 Groschen. Ein relativ günstiger Preis, der trotzdem zum Misserfolg führte. Zum einen hatten die Menschen in den Kriegswirren der Napoleonischen Kriege andere Sorgen, zum anderen sind den Brüder Grimm eklatante Verkaufsfehler unterlaufen. Sie verstanden ihre Märchensammlung als wissenschaftlichen Beitrag zur Literaturgeschichte und dachten zugleich an ein pädagogisches „Erziehungsbuch“. Denn, die Großfamilie war am zerbrechen, Großmütter, die Märchen auswendig kannten, wohnten nicht mehr unter einem Dach. Folglich brauchten Mütter nun Märchenbücher zum Vorlesen für ihre Kinder. Die Brüder Grimm entdeckten, dass man Märchen hervorragend zur Belehrung einsetzen kann, denn Märchen zeigten mit ihrem Gut-Böse-Gegensatz sehr deutlich, was richtig und was falsch ist. Aber Rezensenten verrissen die Erstausgabe mit negativer Kritik. Erstens, das Fehlen jeglicher Bilder, da es ja ein Kinderbuch sein sollte. Die Brüder Grimm standen Illustrationen immer ablehnend gegenüber und genehmigten erst in der „Kleinen Ausgabe“ (1825) sieben Kupferstiche. Heute finden wir in allen Kinderausgaben mindestens ein Bild zu jeder Geschichte. Die zweite Kritik ist der wissenschaftlichen Anhang im Märchenbuch. Jacob als Sprachwissenschaftler, wollte Hintergrundinformationen zu den Märchen bieten. Die Brüder Grimm hielten sich sklavisch an das, was sie gehört oder gelesen hatten, so unverfälscht wie möglich. Im Ergebnis waren die Märchen kurz, knapp und trocken erzählt und damit nicht kindgerecht. Der schon genannte und nichtverwandte Albert Ludwig Grimm brachte es auf den Punkt: „In kindlicher Einfachheit müssen die Märchen erzählt werden. Aber dazu gehört ein ganz idealer Erzähler, den man nicht in der ersten Kindermagd findet; und fehlt dieser, so muss der Dichter seine Stelle vertreten ...“ Niemand kann zweien Herren dienen", gab er den Grimms zu bedenken. 

Sie mussten sich nun entscheiden. Wollten sie ein wissenschaftliches Zeitdokument machen oder ein Kinderbuch? Zum Glück entschieden sie sich für ein Kinderbuch! Nun folgte eine typisch Grimmsche Lösung, denn die beiden haben sich niemals gestritten. Jacob, der Verfälschungen, Textveränderungen und Ausschmückungen verabscheute, zog sich ganz von den Märchenbüchern zurück. Er wollte sprachliche und kindgemäße Modernisierung nicht akzeptieren und überließ Wilhelm sämtliche Überarbeitungen, Korrekturen und Neufassungen. Dieser Alleingang Wilhelms ist den meisten Lesern bis heute verborgen geblieben. Er war es nun, der – wie von der Kritik gefordert – die Rolle des Erzählers übernahm, Märchen umschrieb und dabei, wie erwähnt, den typischen Grimmschen Erzählstil entwickelte.

Seine größte Herausforderung bestand darin, die Märchen kindgerecht zu formulieren. Dazu musste er teilweise entschärfen. Aus-ufernde Gewalt oder sexuelle Anspielungen nahm er ins Visier und glättete dieselben. Vor allem verstärkte Wilhelm jene eigentümliche Erzählhaltung, die eine merkwürdige Behaglichkeit erzeugte, mit der auch seltsame und grausame Geschehnisse ohne Schockeffekt berichtet wurden. Der Leser befand sich damit in längst vergangenen Zeiten, „wo das Wünschen noch geholfen hat“. 

Wilhelm schrieb um, veränderte, stellte im Laufe der Bearbeitung Familienwerte des bürgerlichen Lebens, Arbeitsethik, Moral und Treue in den Vordergrund. Er machte die Kinder- und Hausmärchen zu dem, was sie heute sind: die populärsten Märchen der Welt, die sich in das kollektive Gedächtnis ganzer Generationen eingeprägt haben. 

Die kleine DDR machte bei der Würdigung der Lebensleistung der Brüder Grimm keine Ausnahme. Als lese- und kinderfreundliches Land, hatte die DDR nicht nur einen Kinderbuchverlag, verschiedene Kinderzeitungen und mehrere Kindertheater, sondern auch eine Kindfilmproduktion, zu der die Märchenfilme gehörten. „Das kalte Herz“ (1950) und „Der kleine Muck“ (1953), waren die ersten Märchenproduktionen der DEFA. Von 200 DEFA - Kinderfilmen, waren etwa ein Viertel Märchenfilme. Sie entstanden nach den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, hatten aber auch literarische Vorlagen. Besonders für die Kinder- bzw. Märchenfilme wurde ein großer künstlerischer, materieller und zeitlicher Aufwand betrieben. Die DEFA engagierte die besten Schauspieler von Theater, Film und Fernsehen. Ob Haupt- oder Nebenrollen – es hat allen sichtlich Spaß gemacht und war zudem noch Kunst. Und immer wurde es mit größter Sorgfalt gemacht. Requisite, Kostüme und Bühnenbild. Eine DDR-Kindheit ohne diese DEFA - Märchenfilme undenkbar. Einen Glanzpunkt setzte die deutsche Post der DDR, mit der Herausgabe von 15 wunderschön gestalteten Märchenbriefmarkensätzen. Eine große Freude für Kinder und Erwachsene. Die BRD begnügte sich mit einem Satz und einer Einzelmarke. 

 Nach Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht, übernahm Ernst August l. wieder die Macht und wollte offenbar die Uhren zurückstellen. Das unter französischer Besetzung eingeführte Staatsgrundgesetz, welches die Macht der Fürsten und Könige einschränkte, lies er außer Kraft setzen. Diese Abschaffung der Bürgerrechte ließen sich sieben Göttinger Professoren nicht gefallen. 1837 unterzeichneten sie eine Protestschrift, in der sie die königliche Begründung zur Aufhebung der Verfassung für ungültig erklärten. Diese „Rebellion“ gegen den König verbreitete sich wie ein Lauffeuer und machte die „Göttinger Sieben“ auch im Ausland bekannt. Zu ihnen gehörten auch Jacob und Wilhelm Grimm. Mit ihrem demokratisch -liberalen Denken, traten sie für Freiheit ein und wehrten sich gegen Unterdrückung. Die Antwort des Königs folgte sofort: er befahl die Entlassung der Professoren und ordnete den Landesverweis für die revolutionären Rädelsführer an. Jacob musste das Land sofort verlassen. 

1840 trat eine letzte entscheidende Wende in das Leben der Brüder Grimm. Der preußische König starb und sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. – ein großer Bewunderer der Brüder Grimm – bestieg den Thron. Er erteilte dem Unterrichtsminister den Auftrag, Jacob und Wilhelm nach Berlin zu holen. Ein lukratives Angebot, welches sie nicht ablehnen konnten. Ohne Arbeitsverpflichtung bekamen sie ein Jahresgehalt von 3.000 Talern. Nun konnten Jacob und Wilhelm ihr letztes großes Vorhaben, ihr „Deutsches Wörterbuch“ in Angriff nehmen, das für die Sprachwissenschaft dasselbe werden sollte wie ihre Märchen für die Literatur: ein Meilenstein innerhalb ihres Gesamtwerkes. Seinen größten politischen Erfolg erlebte Jacob Grimm als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, dem ersten frei gewählten deutschen Parlament, in das er Einzug halten konnte. Leider war sein Einfluss in der 1848 Revolution sehr bescheiden, sodass er seinen Abgeordnetensitz für den befreundeten Ernst Moritz Arndt frei machte.

Frank Hildner