2. Mai 2017

Jedes Kind hat Stärken, an denen es wachsen kann

Eine ganz andere Welt: Unterricht in offener Atmosphäre im Kunstatelier der Grundschule Welsberg. Eine linke Delegation begab sich in Südtirol auf eine bildungspolitische Reise.

Von Doreen Amberg

 

Letztes Jahr berichtete Torsten Wolf der LINKEN Landesarbeitsgemeinschaft Bildung und Schule begeistert von der Reise des Bildungsausschusses im Thüringer Landtag nach Südtirol, um sich Inklusion vor Ort anzuschauen. Aus „Ihr müsstet das selbst sehen“ wurde ein festes Vorhaben, welches unter der Schirmherrschaft der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen vor Ostern umgesetzt wurde. 16 bildungsbewegte Menschen, allesamt Praktiker*innen, fuhren für drei Tage nach Südtirol. Abgesehen von bestem Wetter in den Bergen erlebten die Pädagog*innen auf ihrer Reise auch bildungspolitisch eine andere Welt. 

 

Sonderschulklassen 1977 abgeschafft


Südtirol ist mit einer Fläche von 7.400 km² und ca. 516.000 Einwohnern eine große, aber dünn besiedelte Region Italiens. Es gibt in Südtirol aufgrund seiner Autonomie eine Deutsche Schule, eine Italienische Schule und eine Ladinische Schule. 69 Prozent der Bevölkerung gehören der Deutschen Sprachgruppe an.  Bereits am 4. August 1977 wurden in der Deutschen Schule alle Sonderschulklassen abgeschafft. Behinderte Kinder wurden in die Klassen der Allgemeinbildenden Schule integriert. 

 

Annäherung an eine Vision


Doch Integration lässt sich nicht einfach durch neue Bestimmungen umschalten auf Inklusion. „Inklusion ist ein visionäres Gesellschaftsmodell, ein idealisiertes menschliches Konstrukt, das sich aus einem Selbstverständnis heraus nicht verordnen lässt. Umsetzung von Inklusion bleibt Annäherung an eine Vision. Diese lebt von einer inneren Haltung“, erklärte Dr. Josef Watschinger, Schuldirektor im Schulsprengel Welsberg (Pustertal). Er zeigte der Delegation die Grundschule sowie die Mittelschule Welsberg und führte sie somit in eine neue Welt. „Was mir zuerst auffiel, war die Ruhe und die offenen Räume. Die Kinder arbeiten auf dem Fußboden, an Gruppentischen, in Fensternischen, überall, wo es ihnen gefällt. Ein jeder an seiner Aufgabe. Aber es arbeiten alle im Flüsterton, auch die Lehrer. Dazu kommt, dass die Schule in Welsberg liebevoll ausgestattet ist. Man denkt tatsächlich, man betritt ein Wohnzimmer“, schildert Max Klemm, selbst Lehrer an einer Regelschule. 

 

Lehrer-Schüler-Verhältnis 1:8


Für den Bereich Schule herrschen in Südtirol besonders günstige Rahmenbedingungen, erfuhr die Delegation am nächsten Tag im Deutschen Schulamt Bozen. So gibt es eine politische Stabilität, eine beinahe Vollbeschäftigung und relativ geringe soziale Probleme. Außerdem wurde für die Ausstattung der Schulen viel investiert. Die Klassengrößen (Teiler bei 22,5 in Klasse 1) und die Anzahl der Lehrpersonen (Lehrer-Schüler-Verhältnis von 1:8) sind um Längen angenehmer. Das Zweipädagog*innensystem ist  Normalität. 
Um der besonderen Besiedlung des Landes Rechnung zu tragen, hat Südtirol das Modell der Schulsprengel entworfen. Ein Schulsprengel hat mehrere Schulstellen und in der Regel 500-900 Schüler in der Gesamtheit. Der Sprengel wird von einem Direktor geleitet, verfügt über ein gesetzlich vorgegebenes, durch die Gemeinde ergänztes Budget sowie über ein unseren Schulkonferenzen ähnliches Leitungs- und Steuerungsgremium. 

 

Zauberwort heißt Kooperation 


Jede dem Schulsprengel angehörige Schule hat selbst nochmal einen Schulleiter, der eng im Kontakt mit dem Direktor steht. Die Schulsprengel sind in Schulverbünden organisiert. Ein Schulverbund besteht aus allen Bildungseinrichtungen einer Region, auch die dem Land unterstehenden Kindergärten und die Hochschulen sind einbezogen. Das Zauberwort in Südtirol heißt also Kooperation – bei den Bildungseinrichtungen und bei den Lehrpersonen. 
Im Schulsprengel Welsberg fiel der Delegation besonders die positive Haltung zum Kind auf. „Jedes Kind hat Stärken, an denen es wachsen kann. Daran wird es gemessen. Nicht jeder kann alles können“, so Dr. Watschinger. Ihm ist es auch wichtig, die Stärken des Kollegiums zu kennen und zu nutzen. „Sorgsam mit den menschlichen Potentialen umgehen und Möglichkeiten schaffen, dass sich diese entfalten können – das ist die Devise, und diese gilt wiederum auf allen Ebenen.“ 


Natürlich lassen sich die Südtiroler Verhältnisse nicht mit denen in Thüringen vergleichen. Aber jeder der Teilnehmer*innen hat etwas mitgenommen: aus der Schulbesichtigung, aus den Erläuterungen im Schulamt und den neuen Kontakten. Am Ende waren alle voll neuer Ideen und beflügelt von der Überzeugung, dass auch durch viele kleine Veränderungen an sich selbst oder an seiner Schule  neuer Schwung  entstehen kann. „Wir machen das einfach“, war das Credo. „Was uns innerlich bewegt, setzt uns in Bewegung“, ist der Leitspruch des Schulsprengels Welsberg. Die Gruppe war sich einig, dass dies auch auf den Besuch in Südtirol zutrifft! Der besondere Dank der Gruppe gilt der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen sowie Dr. Steffen Kachel und Vera Haney, die die Reise organisierten.