18. April 2017

Sommerzeit verus Winterzeit

Unterscheiden: Zeitumstellung und Sommerzeit


Um von vornherein Missverständnissen vorzubeugen: Der Antrag der LINKEN fordert die Abschaffung der Zeitumstellung und die dauerhafte Einführung der Sommerzeit (MESZ). Es erreichen uns viele Zuschriften von Sommerzeitbefürwortern, die meinen, wir möchten mit der Zeitumstellung die Sommerzeit abschaffen. Die Klarstellung ist wichtig, da der Begriff „Sommerzeit“ automatisch mit der Zeitumstellung in Verbindung gebracht wird. Die Forderung nach Abschaffung der Zeitumstellung bedeutet zunächst nur, das zweimalige Verstellen der Uhr im Jahr abzuschaffen.

 

Ist die Einteilung in Zeitzonen willkürlich?


Die Einteilung der Zeitzonen richtet sich ungefähr an den astronomischen Stand der Sonne. Da die Zeitzonenzugehörigkeit Sache jedes Nationalstaates für sich ist, entstehen aber aus unterschiedlicher Motivation zum Teil gravierende Abweichungen davon.
In Frankreich, das astronomisch korrekt größtenteils im Bereich der Greenwich Main Time (GMT) (UTC+0) liegt, wurde mit der Besetzung durch das Deutsche Reich im zweiten Weltkrieg die MEZ (UTC+1) eingeführt. In Spanien wurde während des Franco-Regimes aus Sympathie zu Nazi-Deutschland ebenfalls die Mitteleuropäische Zeit eingeführt. Beide Staaten haben diese Zeitzone bis heute für sich beibehalten. Lediglich in Spanien gibt es seit etlichen Jahren Bestrebungen, zur GMT zurückzukehren, während sich Mallorca dem widersetzt und sogar dauerhaft die Mitteleuropäische Sommerzeit einführen will.

 

Russland: dauerhafte Sommerzeit eingeführt – und wieder abgeschafft 


Die Situation in Russland ist mit der in Deutschland wenig vergleichbar. Der größte Teil des russischen Staatsgebietes liegt auf nördlicheren Breiten als Deutschland (Moskau wie Kopenhagen, St. Petersburg wie Stockholm) und damit eher in denselben Breiten wie Skandinavien. Die Tageslichtzeiten stellen sich dementsprechend auch extremer dar, als es bei uns der Fall ist. In großen Teilen Russlands wird es im Winter nicht richtig hell und im Sommer nicht dunkel. Mit der dauerhaften Einführung der Sommerzeit in Russland wurden durch den damaligen Staatspräsidenten Medwedew auch die Zeitzonen von elf auf neun reduziert – was zusätzlich in einigen Regionen zu noch mehr Abweichungen in der Zeit geführt hat. Russlands Zeitzonen waren dabei aber bereits (und sind es heute noch) grob um eine Stunde nach Westen abweichend orientiert, so dass bereits vor der Umstellung in vielen Teilen des Landes eine Quasi-Sommerzeit bestand und auch heute immer noch besteht – als Normalzeit. In großen Teilen Russlands wich durch die Einführung der dauerhaften Sommerzeit die Zeit plötzlich regulär nicht um eine, sondern um zwei Stunden und mehr von der astronomischen Normalzeit ab. Das führte verständlicherweise zur Ablehnung bei etwa einem Drittel der russischen Bevölkerung, die die alte Regelung wiedereingeführt sehen wollten. Diesen Zustand hat das russische Parlament mehrheitlich wieder beendet.

 

Chronobiologische Erkenntnisse


Die chronobiologischen Probleme treten hauptsächlich mit dem Vorgang der Zeitumstellung an sich ein. Dementsprechende Studien weisen deutlich darauf hin, dass insbesondere die Umstellung von Normal- auf Sommerzeit durch die Verkürzung der Nacht am Tag der Zeitumstellung zu Irritationen und Folgeerscheinungen eines Jetlags führen. Über Probleme mit der Abweichung der Aktivphase des Menschen vom astronomischen Mittel durch die Sommerzeit selbst ist weitaus weniger bekannt. Die Aktivphase der Gesellschaft ist ohnehin auch zur Normalzeit in die Nacht hinein verschoben. Würde nach der Abschaffung der Zeitumstellung ganzjährig die Normalzeit bzw. Winterzeit gelten, hieße das auch, dass insbesondere im Juni bereits 3:45 Uhr Sonnenaufgang wäre und dementsprechend wetterabhängig Hitze bereits eine Stunde früher als mit einer Sommerzeitregelung einsetzen würde. Größere Probleme für unseren Tag-Nacht-Wechsel stellen auch die falschen Signale des Spektrums aus künstlichen Lichtquellen vor dem Einschlafen dar. Künstliches Licht ist aber am Morgen weniger kritisch als am Abend. Dieses Thema wird jetzt erstmals in einem neuen TAB-Bericht (Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag) aufbereitet werden, dessen Ergebnisse 2018 vorliegen werden.

 

Kürzere Schlafdauer bei Sommerzeitregelung?


Über kürzere Schlafphasen während der Sommerzeit liegen keine einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnisse vor. Sehr wohl ist jedoch belegbar, dass Menschen mehr Freizeitaktivitäten nachgehen und bspw. mehr Sport treiben, wenn es nach Feierabend noch hell ist. Das fördert die Gesundheit. Hingegen würde eine Normalzeitregelung während der Sommermonate den Tagesbeginn noch weiter in die Schlafphase des größeren Teils der Bevölkerung rücken, was mit Normalzeit eher zu kürzeren Schlafphasen im Sommer führen würde, als die Sommerzeit in den Wintermonaten.

 

Energetischer Aspekt


Der energetische Aspekt der Zeitumstellung ist seit Jahren hinreichend marginalisiert. Es gibt durch die Zeitumstellung auf die Sommerzeit keine nennenswerten Effekte für die von der Gesellschaft verbrauchte Energiemenge. Einzig die Verbrauchsspitze, die täglich gegen 13:00 Uhr erreicht wird, wird bei der Sommerzeit besser mit der Erzeugungsspitze beim Solarstrom (Sonne im Zenit) abgefangen.
Dunkelheit morgens ein Sicherheitsrisiko?
Längere Dunkelheit morgens bedeutet auch längeres Tageslicht abends – zusätzliche Risiken bestehen bei Dunkelheit immer. Es gibt Anzeichen, dass mit der längeren Dunkelheit morgens durch eine Sommerzeitregelung im Winter nicht automatisch das Sicherheitsrisiko steigt. Beim dauerhaften Gebrauch der Sommerzeit in Großbritannien  (1971/ 1972) sanken die Unfallzahlen im Winter deutlich.

 

Werden SchichtarbeiterInnen betrogen?


Es wird argumentiert, dass bei einer dauerhaften Einführung der Sommerzeit SchichtarbeiterInnen um eine Stunde betrogen würden. SchichtarbeiterInnen im Gesundheitswesen, Polizei, Feuerwehr und in Atomkraftwerken würden eine Stunde früher, nämlich bereits um 5:00 Uhr, mit ihrer Arbeit beginnen und würden aber durch die MESZ um die Stunde Nachtzuschlag betrogen.
Die Regelung des Nachtzuschlages gilt nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes immer zwischen 23:00 und 6:00 Uhr, egal, ob Sommer- oder Winterzeit ist. Die Zeit orientiert sich dabei nicht am Tageslicht, sondern an den gesellschaftlichen Aktivphasen. Würde sie sich am Tageslicht orientieren, müsste Nachtzuschlag symmetrisch um den astronomischen Mitternachtspunkt verteilt werden. Konkret bedeutete das, zur jetzigen Normalzeit einen Nachtzuschlag von 20:00 bis 4:00 Uhr und zur Sommerzeit von 21:00 bis 5:00 zu zahlen. Die Schichtzuschläge für Nachtarbeit weichen also bereits erheblich von der Normalzeit ab. Durch eine dauerhafte Einführung der Sommerzeit würde sich der Nachtzuschlag also sogar mehr an der astronomisch richtigen Nacht orientieren, als es während der Normalzeit heute der Fall ist.

 

Feierabendbier in Biergärten?


Es wird argumentiert, dass Biergärten nach der Normalzeit im Sommer bereits um 21:00 Uhr bzw. in Bayern um 21.30 Uhr schließen. Den Wirten gehe durch eine dauerhafte Sommerzeitregelung jeden Tag eine Stunde Umsatz verloren, da sie zwar früher öffnen, allerdings bedingt durch die in den Abend hinein verschobene längere Hitze Ausfälle bekämen, da die Menschen dann das Schwimmbad den Biergärten vorzögen.
Diese Argumentation verkennt die Tatsache, dass die Wirte von Biergärten bereits seit den 80er Jahren mit der im Sommer bestehenden Sommerzeitregelung gut leben. Eher andersherum wäre mit wirtschaftlichen Unwägbarkeiten zu rechnen, wenn nach einer Abschaffung der Zeitumstellung im Sommer die Normalzeit herrschte, nach der bereits gegen 20:00 Uhr Sonnenuntergang wäre. Die Öffnungszeiten der Biergärten und ihre Umsätze wären mit der dauerhaften Einführung der Sommerzeit nicht tangiert, da sich für sie zum heutigen Zustand nichts verändern würde.

 

Fazit


Es gibt bei einem größeren Teil der Bevölkerung den Konsens darüber, dass die Zeitumstellung abgeschafft werden soll. Dabei muss klargestellt sein, dass damit formal die Normalzeit auch in den Sommermonaten gelten würde; mit allen Folgeerscheinungen einer einstündigen Vorverlagerung des Tageslichts in die gesellschaftliche Nachtphase und somit der Nachtphase in die abendliche Aktivitätsphase. Durch die dauerhafte Beibehaltung der ohnehin bereits in mehr als der Hälfte des Jahres geltenden Sommerzeit könnte der gesellschaftlichen Aktivphase, die zweifelsfrei in die zweite Tageshälfte verschobenen ist, eher Rechnung getragen werden. Eventuelle Sicherheitserwägungen durch eine längere Dunkelphase am Morgen werden durch eine längere Helligkeitsphase am Abend kompensiert, obgleich es sogar Hinweise gibt, dass eine längere Dunkelphase am Morgen in den Wintermonaten keinen negativen Einfluss auf die Sicherheit hat. Wir plädieren daher, mit der Abschaffung der Zeitumstellung für die Bundesrepublik die dauerhafte Anwendung der Sommerzeit MESZ einzuführen.