17. Oktober 2017

Die heutige Linke und die Oktoberrevolution in Russland

 

 

 

 

Von Lothar Adler

 

Wer nicht über die Grenzen des heute dominierenden Gesellschaftssystems hinauszudenken gewillt oder in der Lage ist, für den ist die russische Revolution 1917 lediglich ein von vorn herein zum Scheitern verurteilter Versuch, gegen die Ewigkeit des Kapitalismus aufzubegehren.
Nach 1990 kannte die Leichenfledderei an der Idee des Sozialismus keine Grenzen mehr. Jegliche Erinnerung an den emanzipatorischen Charakter, an das der sozialistischen Idee innewohnende Friedensprinzip sollte getilgt und am Wiederaufblühen gehindert werden.
Natürlich war die allgemeine politische Lage 1917 in weiten Teilen Europas und insbesondere in Russland eine außergewöhnlich dramatische. Das Volk war von großer Friedenssehnsucht erfüllt und die russischen Bauern ahnten ihre Chance, sich endgültig aus der Knechtschaft des Adels zu befreien. Die nach dem Sturz des Zaren im Februar an die Macht gekommene Regierung unter Karenski wollte aber den Krieg um jeden Preis fortsetzen und handelte damit gegen die fundamen-talsten Interessen der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Und mit den Bolschewiki stand eine nicht unvorbereitete Partei bereit, deren Anführer  das Heft des Handelns in die Hand nahmen.
Die ersten Entscheidungen der neuen Macht, die Dekrete über den Frieden und über den Boden, banden die wichtigsten und zahlenmäßig stärksten Verbündeten an die Bolschewiki. Der Sozialismus versprach Zukunftsperspektive für alle, friedlicher Aufbau und gerechte Verteilung der Ressourcen und Güter. Dafür waren viele bereit, Entbehrungen und Opfer auf sich zu nehmen.
Buchstäblich vom ersten Tag an begannen die Versuche, diese Entwicklung in Russland aus dem Inneren und von außerhalb zu bekämpfen. Die Hoffnung der Bolschewiki, die russische Revolution könnte Vorbild insbesondere für die Arbeiterklasse Deutschlands sein, erfüllte sich bekanntermaßen nicht. Seit der Oktoberrevolution ist erwiesen: Es existiert eine Alternative zum Kapitalismus! 
Dass sich vor 100 Jahren in Russland Mehrheitsinteressen und äußerst labile politische Macht trafen, war dem Nimmersattseinwollen der damaligen imperialistischen Mächte zuzuschreiben.
Ins Heute übersetzt heißt es, in einem langwierigen und schwierigen   historischen demokratischen Prozess den Antikapitalismus zum dominierenden Mehrheitswillen zu gestalten. Dazu braucht es keine „Partei neuen Typs“ und keine Avantgarde des Proletariats mehr, sondern ständiges Streben nach demokratischer Durchdringung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und nach Frieden, es braucht Bildung, Aufklärung, Zusammenarbeit, Solidarität, Optimismus.
Warum soll nicht mehrheitsfähig werden können, dass kein Mensch mehr an Entwicklung, Produktion und Einsatz von Waffen reich werden kann? Warum soll es nicht möglich sein, für alle Menschen gleichberechtigten Zugang zu einem Gesundheitswesen zu garantieren? Warum soll die Menschheit sich wirklich in der ökologischen Katastrophe umbringen wollen?
Der Weg zur wirklichen Freiheit führt nicht über die Vergrößerung der Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Oben und Untern, zwischen Norden und Süden. Er führt nicht über grenzenlose Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Und es ist ein verheerender Irrglaube, Menschen nach ihrer Nützlichkeit (für wen und für was? – das Kapital!) zu sortieren und daran ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum bemessen zu wollen!
Nur den allergrößten Ignoranten sind heute solche Überlegungen fremd. Verbünden wir uns mit all jenen, die wie wir den Ausweg suchen!