22. Februar 2017

Noch so ein Feiertag für den Kapitalismus und Konsumismus

Von Anja Zimmermann 

 

Auf dem Sofa lümmelt das Känguru mit schokoladen-verschmierter Schnauze. Es hält eine Pralinenschachtel an seinen Beutel gedrückt. Ich gehe einen Schritt näher ran und sehe, dass es „Für Anja“ draufgekritzelt hat. Auf dem Fußboden liegen zermatschte Pralinen, dazwischen liegt der Rest eines Joints. Mein Blick wandert ungläubig vom Känguru zum Kalender. Heute ist der 14.2., Valentinstag. Noch so ein Feiertag für den Kapitalismus und Konsumismus. Eine schokoladen-verschmierte Pfote patscht mir an den Oberschenkel. Ich schrei auf, ebenso das Känguru. Während es sich aufsetzt, knallt die leere Pralinenschahtel auf den Boden.

„Wie? Was? Ist schon morgen“, fragt das Känguru hektisch.

„Ja, es ist schon morgen. Also Dienstag“, antworte ich.

„Du meinst Valendienstag!“, korrigiert mich das Känguru.

„Beuteltier...“, ich schnaube leicht gereizt, „der Kalender sagt Dienstag. Du zelebrierst doch nicht etwa diesen von Kapitalismus triefenden sogenannten ‚Feiertag‘. Die einzigen, die an so einem Tag feiern sind Blumenverkäufer und“, ich zeige auf die Schachtel, „Schnapspralinen- Hersteller. Hast du dich an den Grundsatz gehalten ‚love yourself‘? Oder ‚Känguru first, Anja second‘?“

„Also, erstens, lasse ich mich nicht mit ‚The Donald‘ vergleichen, schließlich hast du richtig erkannt, dass ich ein Beuteltier bin und kein Trumpeltier. Zweitens käme ich nie auf die Idee, den Kapitalismus zu feiern. Weißt du überhaupt, warum der Valentinstag existiert? Nein? Pass auf, ich erklär’s dir. Damals im alten Rom gab es ja so eine Vielgötterei. Die konnten den Hals nicht voll genug bekommen, hatten statt einem Gott gleich 12 – also Götter und Göttinnen … Gleichberechtigung, verstehste? Naja, 12 Götter * Göttinnen, also auch 12 mal mehr Feiertage – DAS nenn ich den Kapitalismus feiern! Römer halt. Aber wo war ich. Es war also kurz nach der Geburtsstunde des Christentums, also schon ein Weilchen nachdem Jesus tot. Auf jeden Fall gab es da diesen Priester. Valentin, der Liebende heimlich getraut hat. Denn die Römer fanden das nich so toll, dass da jemand Werbung für eine Religion mit nur einem Gott machte und durch die Heirat quasi noch mehr Anhänger dieser Religion … entstanden. Du weißt, worauf ich hinaus will. Jedenfalls, weil das Christentum halt noch nich so offiziell war und der gute Valentin heimlich die Turteltäubchen vermählte, wurde er von den römischen Soldaten überwacht und schließlich erwischt. Am 14.2. 269 haben sie sich dann gedacht ‚Zack, Rübe ab‘ und seitdem feiert man diesen romantischen Tag der Zweisamkeit, total logisch, oder?“

„Soso“, sage ich, nachdem das Känguru seinen Monolog beendet hat. „Mit deiner kleinen Geschichtsstunde und dem spektakulären Ende hast du ja ganz geschickt davon abgelenkt, dass du ein Geschenk für mich hattest.“

„Wie kommst du auf die Idee, dass ich dir was schenken würde?“ fragt das Känguru.

„Naja …da steht mein Name auf der Schnapspralinenschachtel. Obwohl du natürlich weißt, dass ich Schnapspralinen nicht mag. Also hast du darauf spekuliert, dass ich sage ‚Is schon ok, iss du die mal‘. Ich habe dich durchschaut, Beuteltier. Ich versteh nur nicht, warum du dir dann die Mühe gemacht hast, extra meinen Namen drauf zu schreiben.“

Das Känguru seufzt. „Also nochmal. Wie kommst du darauf, dass ICH DIR was schenken würde?“

Jetzt dämmert mir, worauf das Känguru hinaus will. Es grinst ein bisschen, als ich empört den Mund aufreiße.

„Da wollte mir jemand Pralinen schenken und du hast die Packung entgegen genommen und im Fressflash weggeputzt? Hast du noch nie was von ‚sharing is caring‘ gehört? Auch wenn ich keine Schnapspralinen mag.“ Das Beuteltier ist plötzlich ganz ruhig geworden und guckt ein bisschen traurig. Wahrscheinlich ist es enttäuscht, dass ich nichts mit ‚Diebstahl‘ und ‚Eigentum‘ gesagt habe und es seinen Spruch ‚Ach mein, dein, das sind doch bürgerliche Kategorien‘ nicht anbringen konnte. Ha! Aber nicht mit mir, Beuteltier, ich lerne aus meinen Fehlern. Während ich meinen Triumph innerlich auskoste, fängt das Känguru an zu schluchzen.


„Sag jetzt nicht, dass du sowas wie Reue empfindest,“ sage ich etwas spöttisch. „Naja…du verstehst das nicht. Ich … ich war einfach … mir hat niemand was geschenkt. An mich hat keiner gedacht. Du doch auch nicht. Aber der Valentinstag ist ja auch ein blöder Feiertag … ist schon ok. Tut mir leid, dass ich dein Geschenk gegessen habe. Das war nicht nur der Fressflash. Das war auch ein bisschen Traurigkeit.“


Tränen kullern ihm über das immer noch schokoladen-verschmierte Gesicht.

Ich setze mich neben es und tätschle ihm die Schulter: „Nana…so schlimm ist das nicht. Du weißt doch, mein, dein, das sind doch bürgerliche Kategorien. Und außerdem“, ich mache eine dramatische Pause und hole eine kleine hübsche Schachtel aus meinem Bademantel (ich Kapitalismusopfer), „habe ich doch an dich gedacht.“

Das Känguru guckt mich an, es guckt das Päckchen an, dann wieder mich. Es grinst breit und reißt sein Geschenk auf. „Oh super! Schnapspralinen! Und auch noch die guten mit Fair-Trade- Schokolade! Danke!“

So glücklich erlebe ich das Känguru sonst nur, wenn es Nazis boxen muss. Kurz bevor es mir seine Schoko-Schnute im Zuge einer Umarmung an den Hals drückt, sehe ich ein vertrautes Glitzern in seinen Augen, für den Bruchteil einer Sekunde erscheint dieses schelmische Grinsen … wie beim letzten Mal, als es so getan hat, als ob es heulen würde.

Razupaltuff!