9. August 2011

Vor 60 Jahren: „Knüppel frei!“ zur freiheitlich-demokratischen Prügelorgie

ie Eröffnungsveranstaltung der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten am 5. August 1951 im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion.

In dem, das offiziell der Aufnahme in eine „Erinnerungskultur“ genannten Themenkatalog der Geschichte für würdig befunden wird, hat dieses bedeutende Ereignis für bundesdeutsche Politik und Propaganda freilich keinen Platz, zumindest keinen positiven. So wird allenfalls in der Schmuddelecke der Historie beiläufig und dann nur mit Verachtung, Hohn und Häme davon gesprochen, wofür Schlagworte wie beispielsweise das von der „verordneten Fröhlichkeit“ stehen: Vom 5. bis zum 19. August 1951 fanden in Berlin - Hauptstadt der DDR die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt. In materieller und organisatorischer Hinsicht war es ein Wagnis, denn ganze sechs Jahre nach dem Ende des bislang schlimmsten aller Kriege bestimmten trotz aller Anstrengungen immer noch Mangel an Nahrungsmitteln und Wohnraum das Bild, wogegen an Ruinen freilich ebenso wenig Mangel herrschte wie es in vielen Köpfen noch politische Unklarheit, Unsicherheit, vor allem aber Hinterlassenschaften des faschistischen Ungeistes gab. Doch gerade deshalb galt es innen- wie weltpolitisch ein bedeutsames Zeichen zu setzen: Achtzehn Jahre nach der „Machtergreifung“ des deutschen Faschismus, achtzehn Jahre nach Reichstagsbrand und verhängnisvollem Bündnis zwischen deutschem Faschismus und Militarismus, sechzehn Jahre nach Beginn der planmäßigen Verfolgung, Diskriminierung und schließlich industriemäßigen Vernichtung von Menschen vor allem jüdischer Herkunft und zwölf Jahre nach der Entfesselung jenes unsägliches Leid verursacht habenden Infernos trafen sich in der Stadt, die Ausgangspunkt all dessen gewesen war, junge Menschen aus der ganzen Welt, um zu demonstrieren, dass von nun an ein anderer Geist das Leben der Völker bestimmen sollte: der Geist des Friedens und des Humanismus, des Antifaschismus, Antimilitarismus und Antikolonialismus, der Völkerverständigung und der Völkerfreundschaft. In der Hauptstadt der DDR wurde aller Welt vor Augen geführt, dass hier ein neuer deutscher Staat am Werden war, ein Staat, dessen Politik von all dem bestimmt war, als dessen oberster Grundsatz galt, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf.

Die Eröffnung erfolgte am 5. August im neuerbauten Walter-Ulbricht-Stadion, der Sportstätte, die dann noch zu Lebzeiten des so Geehrten zum „Stadion der Weltjugend“ rekonstruiert und inzwischen zugunsten der Errichtung einer Zentrale bundesdeutscher Geheimdienste plattgemacht wurde – ein weiteres Zeichen dafür, dass beide deutsche Staaten hinsichtlich ihrer politischen Zielstellungen Welten trennten. Mit viel Beifall wurden die Grußbotschaften so angesehener Persönlichkeiten wie des chilenischen Dichters Pablo Neruda, des Kernphysikers und Ehrenpräsidenten der Spiele, Frédéric Joliot Curie, des Präsidenten des Weltbundes der Demokratischen Jugend, Enrico Berlinguer, und der Friedenskämpferin Raymonde Dien, die sich mutig vor einen französischen Militärzug geworfen und so dem Widerstand gegen den schmutzigen Krieg in Indochina breite öffentliche Aufmerksamkeit verschafft hatte, von den Festivalteilnehmern aufgenommen. Zwei Wochen lang gab es interessante Begegnungen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Nationalitäten und politischer Haltungen mit vielen Diskussionen, Gesang, Tanz und Kulturprogrammen. Neben dem (alten) Friedrichstadtpalast erlebten zahlreiche Kulturhäuser in den Stadtbezirken Wettbewerbe auf den Gebieten Folklore, Klassik und heitere Muse. Schriftsteller wie Kurt Barthel (Kuba), Franz Fühmann und Heiner Müller, damals selbst noch junge Menschen, trafen sich in der Straße Unter den Linden mit Mädchen und Jungen aus Teilnehmerländern. Die Regisseure Joris Ivens und Konrad Wolf begannen mit den Arbeiten an einem Dokumentarfilm über die III. Weltfestspiele, eine DDR-Auswahl spielte gegen eine Mannschaft von Dynamo Moskau. Der Eröffnungstag erlebte zudem als Bestandteil des Nationalprogramms der DDR die Uraufführung des von Bertold Brecht und Paul Dessau geschaffenen Singspiels „Herrnburger Report“, in dem die ausschließlich politisch motiviert gewesene schikanöse Behandlung Jugendlicher aus der BRD durch die bundesdeutsche Polizei nach dem Abschluss des „1. Deutschlandtreffens“ 1950 bei der Wiedereinreise angeprangert wurde. Nachdem bereits am 25. Mai der Pionierpark „Ernst Thälmann“ eröffnet worden war, erfolgte am 3. August die Taufe des Wilhelm Pieck geschenkten Segelschiffs, das ab 1952 als Schulschiff der GST in See stach. Die Festivalhymne „Im August, im August blüh'n die Rosen“ ging nicht nur in das populäre Liedgut der DDR ein, sondern wurde auch in der BRD ein erfolgreicher Schlager. Dass sich die Weltfestspiele zu einer hochpolitischen Veranstaltung entwickelten, war angesichts der äußerst gefährlichen Entwicklung in der Welt so notwendig wie selbstverständlich: Seit Hiroshima und Nagasaki schwebte die US-amerikanische Drohung mit dem atomaren Knüppel über der Menschheit, die USA führten auf der koreanischen Halbinsel unter Missbrauch der UN-Flagge einen grausamen Krieg, Frankreich tat das gleiche in Indochina und die Regierung der BRD begann der Katastrophe von 1945 und allen machtvollen Protestaktionen zum Trotz mit der verharmlosend „Wiederbewaffnung“ genannten Remilitarisierung. Dagegen musste die friedliebende Jugend der Welt ganz einfach ihre Stimme erheben, dagegen erklang auch das Weltjugendlied mit seinen Zeilen „Jugend aller Nationen, uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut, wo auch immer wir wohnen, unser Glück auf dem Frieden beruht.“ Natürlich wurden die Spiele auch instrumentalisiert – der Personenkult um den „Generalissimus“, „Führer des Weltproletariats“, „Großen Steuermann“ und welche im Grunde lächerlich wirkenden Huldigungen dem Stalin genannten schnauzbärtigen Generalsekretär Josef Dshugaschwilli sonst noch entgegengebracht wurden, entsprach leider dem Geist der Zeit, und das nicht nur in den um die UdSSR gescharten Ländern, sondern auch bei vielen anderen linken Parteien und Jugendverbänden. Die in den Demonstrationszügen mitgeführten großformatigen Stalin-Bilder sowie die Auszeichnung von Festivalteilnehmern mit Büchern wie dem „Kurzen Abriss der Geschichte der KPdSU“ oder einem Band seiner „Gesammelten Werke“ - mit persönlicher Widmung von Erich Honecker als Vorsitzendem der FDJ, versteht sich – waren da allenfalls äußerer Ausdruck und selbstverständlich hatte der Jugendverband in Vorbereitung der Weltfestspiele auch ein „Aufgebot zu Ehren des großen Stalin“ ins Leben gerufen gehabt.

Die negativste Seite zeigte sich freilich jenseits der Staatsgrenze der DDR – bereits die Vergabe der Spiele an ihre Hauptstadt hatte bei den Regierenden in Bonn, ganz besonders aber denen der selbsternannten „Frontstadt“ Berlin (West) die Alarmglocken schrillen lassen: Eine solch hochpolitische Veranstaltung gegen imperialistische Kriege und Kriegstreiberei, gegen Wiederaufrüstung, für Frieden, Abrüstung und Ächtung der Atomwaffen, dagegen musste auf Biegen oder Brechen etwas unternommen werden. Wenn man sie schon nicht verhindern konnte, dann galt es wenigstens alles zu tun, um zu sabotieren, zu diffamieren und zu stören. So ließ die Regierung Adenauer entlang der Staatsgrenze zur DDR eine 10 km tiefe Sperrzone errichten, um Jugendliche aus der BRD an der Reise nach Berlin zu hindern. Eigens dafür wurden nicht nur die in diesem Gebiet eingesetzten Einheiten von Polizei, Zoll und Bundesgrenzschutz verstärkt, sondern auch für den genannten Zweck extra geschult. Selbstverständlich galt für deren Angehörige eine strenge Urlaubssperre und Betriebe und Einrichtungen wurden behördlicherseits dazu angehalten, ihren Beschäftigten, zumindest den Lehrlingen und Jungarbeitern, gleichfalls den Urlaub zu verweigern. Die Mitarbeiter der Deutschen Bundesbahn erhielten Anweisung, in Richtung „Zonengrenze“ reisende Jugendliche sofort der Polizei mitzuteilen. Allein bei der niedersächsischen Polizei galt für 11.000 Angehörige Alarmbereitschaft. Rund 450 Jugendliche aus Hamburg wurden beim Versuch, in die DDR auszureisen, von der Polizei brutal misshandelt. Bei der Hetzjagd auf Teilnehmer der Weltfestspiele war es für die bundesdeutschen Behörden völlig uninteressant, welcher politischen Richtung und welcher Weltanschauung sie anhingen: Es traf beispielsweise Mitglieder der „Falken“ und der „Jungsozialisten“ genauso wie solche der FDJ in der BRD oder der Gewerkschaftsjugend. So wurde der Leiter der „Falken“-Gruppe „Geschwister Scholl“, Werner Tiegel, von Polizisten in die Elbe getrieben und ertrank. Der seinen Namen tragende Sportplatz in Dömitz erinnert daran. Bis zum 28. Juli waren insgesamt 6.000 Jugendliche festgenommen und zwangsweise in ihre Heimatorte zurückgebracht worden. Der Bremer evangelische Pastor Johannes Oberhof (1905 – 1987), ein Anhänger des religiösen Sozialismus, wurde wegen seiner Teilnahme am II. Weltfriedenskongress 1950 in Warschau, vor allem aber als Vorsitzender des bundesdeutschen Vorbereitungskomitees für die III. Weltfestspiele nicht nur in seiner Gemeinde und in der bürgerlichen Presse diffamiert, sondern auch kirchenrechtlicher Maßregelung unterworfen, wodurch er schließlich im März 1953 seine Pfarrstelle verlor: „Die Disziplinarkammer erkannte gegen Pastor Oberhof auf die Strafe der Entfernung aus dem Amt. Dadurch verliert er seine Pfarrstelle an der St. Martini-Gemeinde und erlangt die Stellung eines Geistlichen im Wartestand.“ Schon im Juni 1952 hatte der Rechtsberater des Bremer Senats, Karl Carstens, 1979 bis 1984 Bundespräsident der BRD, auf eine Anfrage des seinerzeitigen Staatsoberhauptes Theodor Heuss hin notiert: „Meines Wissens ist Herr Oberhof wegen seiner aktiven Beteiligung an der von der KPD und SED eingeleiteten sogenannten Friedenspropaganda z.Zt. von seinen Amtspflichten als Pfarrer suspendiert.“ Im Widerspruch dazu behauptete die kirchliche Disziplinarkammer, gerade das habe für ihr Urteil keine Rolle gespielt. Offenbar war ihr bei diesem schweren Verstoß gegen den von Pastor Oberhof ernstgenommenen christlichen Grundsatz „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ sehr unwohl gewesen. Transportunternehmen, die die Teilnehmer zu unterstützen bereit waren, drohten empfindliche Strafen. Trotz aller Schikanen konnte die Beteiligung von 35.000 Jugendlichen nicht verhindert werden – eine empfindliche Schlappe für die repressive Politik der Regierung Adenauer.

Auch in anderen kapitalistischen Ländern, insbesondere NATO-Staaten, gab es Repressionen (und schlimmeres) gegen Teilnehmer der Weltfestspiele: Wie bekannt ist, wurde der griechische Jugendliche Christoforides wegen seiner Aktivitäten zur Vorbereitung hingerichtet. Die französische Friedenskämpferin Raymonde Dien wurde auf dem Flughafen Brüssel mit Polizeigewalt aus einer Maschine der tschechoslowakischen Luftverkehrsgesellschaft ČSA geholt und nach Paris zurückgeschickt, wo sie mutig erklärte: „Mein Vaterland ist Frankreich. Ich will zurück in meine Heimat. Über Berlin!“ Nach machtvollen Protesten gegen diesen Willkürakt sahen sich die französischen Behörden zum Nachgeben gezwungen – am 8. August wurde sie von den Festivalteilnehmern stürmisch begrüßt. Auch Jugendliche aus der neutralen Schweiz wurden bei der Fahrt in die DDR behindert.

Besonders hektisch waren natürlich die Vorbereitungen in der „Frontstadt“ Berlin (West), wo nicht nur Polizei, Zoll und Staatsschutz – mit der US-amerikanischen, britischen und französischen Besatzungsmacht im Hintergrund – höchste Alarmbereitschaft hatten, sondern auch und vor allem Agenten- und Terrororganisationen wie die berüchtigte „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) und der „Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen“ (UfJ). Es gab nicht nur polizeiliche Behinderungen und Festnahmen, zudem verbale Drohungen und Bespitzelungen seitens der KgU und des UfJ sowie zuweilen auch tätliche Angriffe durch aufgehetzte Einwohner gegen tatsächlich oder vermeintlich politisch aktive und natürlich links eingestellte Jugendliche, vor allem, wenn sie im Blauhemd auf dem Weg in die Hauptstadt der DDR waren, es wurde unter Missbrauch der offenen Grenze alles nur Mögliche getan, um zu desorganisieren, zu provozieren und zu sabotieren. So waren Agenten der KgU nächtelang im Einsatz, um Fahnen und Transparente zu verfälschen oder mit Säure unbrauchbar zu machen, für Berlin bestimmte Warenlieferungen „umzuleiten“, Motoren der für den Transport von Teilnehmern eingesetzten Lastkraftwagen zu beschädigen und die Straßen nach Berlin mit den berüchtigten Reifentötern zu „verminen“. Neben die Peitsche trat selbstverständlich das sprichwörtliche Zuckerbrot, sprich Bestechung und politische Verblendung: Wohlwissend, dass die junge DDR keine üppige Verpflegung bieten konnte, lockte der Senat mit Ständen voller Bananen, spendierte scheinbar großzügig Zigaretten und Kinobesuche, so „ganz nebenbei“ auch darauf hoffend, dass eine nennenswerte und damit ebenso propagandistisch ausschlachtbare Anzahl von Teilnehmern der „Zone“, wie es dort diffamierend hieß, den Rücken kehren oder wenigstens den Veranstaltungen fernbleiben würde. Auf so manchen verfehlten diese Verlockungen ihre Wirkung nicht und so hielten sich denn tatsächlich mehr Jugendliche in Berlin (West) auf als der Zentralrat der FDJ zuvor angenommen hatte. Nachdem der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter (SPD) gar die Festivalteilnehmer mit wohltönenden Worten und großer Geste eingeladen hatte, beschloss der Zentralrat, dem Folge zu leisten, ihn also beim Wort zu nehmen. Mit einer von der FDJ organisierten eindrucksvollen Friedensdemonstration in ihren Machtbereich hatten die „Frontstadt“-Politiker freilich überhaupt nicht gerechnet und als sie sich von ihrer Überraschung einigermaßen erholt hatten, zeigten sie aller Welt, wie jene Einladung gemeint war: Als am 15. August mehr als 10.000 Jugendliche mit Fahnen und Transparenten über die Grenze zogen, ließen sie massive Polizeiaufgebote von der Kette, die gemeinsam mit KgU-Angehörigen auf die Demonstranten einprügelten was das Zeug hielt. Es entwickelten sich regelrechte Straßenschlachten, bei denen Polizei und KgU mit aller Brutalität vorgingen. An die 970 Jugendliche wurden bei dieser Prügelorgie verletzt, viele davon schwer. Als der Senat nach weltweiten Protesten sein Vorgehen zu rechtfertigen und die brutalen Polizeieinsätze herunterzuspielen suchte, organisierte Anneliese Groscurth (1910 – 1996), die Witwe des von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers Georg Groscurth und am 9. Mai 1951 aus politischen Gründen entlassene Charlottenburger Amtsärztin, am 28. August ein als „Groscurth-Ausschuss“ bekannt gewordenes Untersuchungsgremium. Dessen durch unwiderlegbare Beweise untermauerten Ergebnisse straften den Senat Lügen. Literarisch verarbeitet wurde dieser brutale Einsatz der Polizei von Berlin (West) durch den Schriftsteller Adolf Görtz im von Ernst Jadzewski illustrierten Jugendbuch „Mein Bruder Hans und seine Freunde“, das in der Reihe „Robinsons billige Bücher“ als Band 35 erschien.

Als Berlin – Hauptstadt der DDR 22 Jahre später zum zweiten Male Gastgeber für die Weltfestspiele war, hatte sich die politische Großwetterlage entscheidend geändert: Allen wütenden offenen und versteckten Angriffen aus Bonn zum Trotz war die weltweite Anerkennung der DDR einschließlich ihrer Aufnahme in die Organisation der Vereinten Nationen nicht mehr aufzuhalten gewesen. Die BRD wurde inzwischen von einer Koalition aus SPD und FDP regiert, die aus der Pleite der von CDU und CSU betriebenen harten Konfrontation eines gelernt hatte: Mit offenem Visier und rüdesten Verbalattacken in den Medien war dem Ziel, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, um keinen Meter näher zu kommen. An dem wurden freilich auch durch SPD und FDP keinerlei Abstriche gemacht, zumal gerade die rechte Sozialdemokratie bei der wütenden Bekämpfung des nichtkapitalistischen deutschen Staates bis in die 1960er Jahre meist schärfere Töne als CDU und CSU anschlug. Die Westberliner Knüppelorgien von 1951 waren mit dem Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter und dem Polizeipräsidenten Johannes Stumm schließlich von Sozialdemokraten zu verantworten gewesen. Hinsichtlich des Zieles war die neue Koalition unter dem einmal als „flexible sozialdemokratische Charaktermaske“ bezeichneten Willy Brandt freilich einen Sinnes mit CDU und CSU, als änderungsbedürftig wurde deshalb nur die Taktik angesehen. Durch eine „Neue Ostpolitik“ genannte halbherzige, weil mit genügend Hintertüren und Fallen gespickte, Anerkennung der Realitäten und moderatere Töne wie der Verzicht auf die so falsche wie gehässige und herabwürdigende Bezeichnung „Zone“ wurde versucht, einen Fuß in die Tür zur DDR wie auch zu ihren Verbündeten setzen zu können. Willy Brandts Kniefall in Warschau beispielsweise wurde als große Geste hochgejubelt, wobei tunlichst verschwiegen wurde, dass damit im Gegensatz zum bereits 1950 zwischen DDR und Volksrepublik Polen geschlossenen Vertrag keinerlei endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze verbunden war. Albert Norden nannte diese lediglich von Änderungen der Taktik bestimmte Politik treffend eine „Aggression auf Filzlatschen“. In deren Gefolge war kein Platz mehr für eine 10 km tiefe Sperrzone an der Staatsgrenze und für die gewaltsame Verhinderung der Teilnahme von Jugendlichen aus der BRD an den nunmehr X. Weltfestspielen. Jetzt waren im Gegenteil Kontakte erwünscht, wobei die linker Jugendverbände wie der SDAJ oder des MSB „Spartakus“ freilich nicht so gern gesehen wurden, während man sich von denen sozialdemokratischer und bürgerlicher Gruppen durchaus eine Einflussnahme im Sinne jener „Aggression auf Filzlatschen“ versprach. Allerdings musste dann auch mit einer Einflussnahme von der Gegenseite gerechnet werden und einer solchen wurde von den Vertretern einer nach wie vor harten Linie mit großer Besorgnis entgegengesehen. So warnte der stets mit verbittertem und verbiestertem Gesicht auf der Mattscheibe daherflimmernde Rechtsaußen Gerhard Löwenthal in seinem nach wie vor auf härteste Konfrontation eingestellten „ZDF-Magazin“ davor, dass man den Argumenten der „geschulten FDJ-Funktionäre“ nichts Überzeugendes entgegenzusetzen habe. Hinzu kam, dass rechtskonservativ bis auf die Knochen eingestellte Politiker von CDU und CSU die Linie der Regierung Brandt/Scheel mit größtem Argwohn verfolgten – im unseligen Adenauerschen Geist befangen hielten sie die nunmehrige Taktik für Verrat, mindestens aber für eine Aufweichung der so alten wie untauglichen und gefährlichen Zielstellung. So tat sich auch ihre Nachwuchsorganisation „Junge Union“ anfangs ungeheuer schwer mit der Annahme der auch ihr übermittelten Einladung in die Hauptstadt der DDR. Erst nach langen und heftigen, mit gegenseitigen Beschuldigungen und rüden Verbalattacken verbundenen Auseinandersetzungen zwischen Gruppierungen, die man im „Grünen“-Jargon wohl als „Realos“ und „Fundis“ - nach SPD-Vorbild auf flexiblere Taktik Setzende gegen die Vertreter der „reinen Lehre“ des Antikommunismus – bezeichnen kann, fiel die Entscheidung zur Teilnahme an den X. Weltfestspielen. Dabei musste freilich die Erfahrung gemacht werden, dass in der politischen Diskussion weder mit hanebüchenen Argumenten noch mit Schmeicheleien zu überzeugen und dass die große Unwissenheit über das tatsächliche Leben in der DDR äußerst hinderlich war: So sind zum Beispiel Fernsehberichte erinnerlich, wo sich ein JU-Funktionär auf den Sockel eines Laternenmastes schwang und versuchte, mit Nationalismus und Deutschtümelei nicht nur Interesse zu erwecken, sondern vor allem zu überzeugen, ja, zu begeistern. Die krampfhafte Beschwörung gar nicht vorhandener „deutsch-deutscher Gemeinsamkeiten“ kam überhaupt nicht an – schon als er den Anwesenden zurief „Liebe Landsleute!“, wurde er ausgelacht und mit den Worten „Wir sind nicht Deine Landsleute!“ stehengelassen. Da ahnte allerdings noch niemand, welche Sprengkraft solches im Verein mit der bei vielen vorhandenen D-Mark-Gläubigkeit 16 Jahre später haben sollte, als dank hochgeputschter nationalistischer Gefühlsaufwallungen und abgeschaltetem Denkvermögen erst verlogene Aufkleber „Wir sind ein Volk!“ sowie schwarz-rot-goldene CDU-Aufkleber und Kfz-Kennzeichen der BRD an „Wartburg“ und „Trabant“ gepappt, dann den volltönenden Versprechungen eines Helmut Kohl frenetischer Beifall geklatscht und mit dem Kreuzchen auf dem Wahlzettel dem neuen Tamerlan schließlich ermöglicht wurde, die noch längst nicht fertige sozialistische Baustelle auf deutschem Boden unter die Hufe seiner Horde zu bringen. Damit freilich sind die Ziele, für die vor 60 Jahren in der Hauptstadt der DDR demonstriert wurde, angesichts herbeigewählter Unfreiheit durch Arbeitslosigkeit, des Unrechts von Armut per Gesetz, immer maßloser werdender sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit wie auch einer erneuten Beteiligung an Kriegsabenteuern in aller Welt aktueller denn je.

 

Hans-Joachim Weise

 

Quellen:

1.      Heinrich, Eberhard und Ullrich, Klaus: „Befehdet seit dem ersten Tag“, Dietz Verlag Berlin 1981

2.      Kaul, Friedrich Karl, Prof.: „Der Verteidiger hat das Wort – Hier und Drüben“, 1. Auflage, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1978

3.      Internet

4.      „Neues Deutschland“, 06./07.08.2011

5.      Teller, Hans: „Der kalte Krieg gegen die DDR – Von seinen Anfängen bis 1961“, Akademie-Verlag, Berlin 1979

6.      Zentralrat der FDJ (Herausgeber): „An der Seite der Genossen“, 2. Auflage, Verlag Neues Leben, Berlin 1978