9. August 2011

Und was dahinter steht ... vor 40 Jahren verstarb Walther Victor

Walther Victor an einem Arbeitsplatz in Weimar 1961.

Als es in der Presse stand, lag er schon in seinem „letzten Haus“, zwischen dem Maler und Illustrator Albert Schaefer-Ast und dem Botaniker Werner Rothmaler, auf dem Historischen Friedhof in Weimar. Er mochte keine feierliche Zeremonie mit Lobreden, geläufigen Formulierungen und manchem Verschweigen. Wenige Menschen standen neben Marianne Victor in aller Frühe an dem liegenden (!) Grabstein, Wegbegleiter, Genossinnen, Genossen. 

Einige Zeit danach las man in der sehr beliebten WOCHENPOST ein Gedicht, das Victor bereits 1964 geschrieben und an den Feuilletonisten Heinz Knobloch gesandt hatte mit der Bitte, es erst nach seinem Tode zu veröffentlichen: „Für ein paar Gaffer an der Fürstengruft“. Es beginnt:


 „Hier steht ein Name nur, hier stehn zwei Zahlen.

Und was dahintertsteht, sagt  keiner aus.

Er liebte schon im Leben nicht zu prahlen,

Er zahlte stumm. Sogar sein letztes Haus ...“ 


Das meinte die schon 1963 dort platzierte Grabplatte.

Hier sei, statt des WOCHENPOST-Artikels, aus einem wichtigen Nachwende-Buch des Greifenverlags zu Rudolstadt „Mein Thüringen“ (1992) der Freund Heinz Knobloch zitiert: „Ein lebenslanger Zeitungsmann, ein ´Fanatiker der redaktionellen Arbeit`, wie ihm Kurt Tucholsky bescheinigte, damals 1929. Wie blinkt das alles! Wie gut ist das formuliert, wie sorgfältig, wie anständig, wie wirkungsvoll. Es geht also. Der kann!`“ – Und Knobloch wirbt um Verständnis  für die so zeitige Grabsteinlegung. Victor, ein von den Nazis verfolgter politischer Emigrant, dessen jüdische Mutter im Konzentrationslager Theresienstadt 1942 umkam, habe nun mal ein ganz anderes Verhältnis zu letzten Ruhestätten als Millionen andere Deutsche, die genau wüssten, wo ihrer Angehörigen bestatten wurden ... 


Suche nach Alternativen 


Am 21. April 1895 in Bad Oeynhausen geboren und ab 1901 in Posen aufgewachsen als Sohn eines Tonwarenfabrikanten, fand Victor früh Anschluss an die antibürgerlich revoltierende Wandervogel-Bewegung, begann 1913 ein Studium der Literaturwissenschaft in Freiburg im Breisgau und sah sich 1914 bei Ausbruch des Weltkrieges vom Vater genötigt, sich als „Freiwilliger“ an die Front zu melden. Die schrecklichen Erlebnisse an einer nordfranzösischen Front ließen ihn erkennen, dass etwas grundfalsch lief in dieser bürgerlichen Gesellschaft. 1919 schloss er sich der deutschen Sozialdemokratie an und arbeitete als junger Journalist in Halle an der Saale, Hamburg und Zwickau.

Bald befand er sich auf dem linken Flügel der SPD. Neben dem Feuilleton für die Arbeiterpresse war es Victor wichtig, breitere Leserkreise an das wertvolle Erbe der sozialistischen Arbeiterbewegung („Einer von vielen“, 1930, „General und die Frauen“, 1932) heranzuführen. Sehr deutlich warnte er vor der Gefahr einer Naziherrschaft. 1933 musste er „untertauchen“, weil die Gestapo ihn steckbrieflich suchte. So begann der lange Weg ins Exil (Insel Reichenau, Schweiz, Luxemburg, Frankreich, USA). 

Die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts schilderte er in seinem höchst aufschluss-reichen Bekenntnisbuch „Kehre wieder über die Berge“ (New York 1945). Nur mit List konnte er im Frühjahr 1947 dem antikommunistischen Verfolgungswahn eines McCarthy entkommen (mit einem  luxemburgischen Reisepass) und entschied sich für den Osten Deutschlands.


Brückenbauer der Bildung

                  

Jetzt war eine große Chance zu einem Neubeginn gegeben. Für das Wesentliche seines Lebens. Er trat in die SED ein, die er als eine geschichtliche Notwendigkeit sah und reihte sich ein in die Gründerväter-Generation. Walther Victor zählte zu den Mitgründern des Deutschen Schriftstellerverbandes, des Journalistenverbandes der DDR und der WOCHENPOST. 1957 erhielt er, gemeinsam mit Karl Schnog (1897 –1964), den ersten Heinrich-Heine-Preis der DDR. Als wichtigste Leistung galt ihm selbst die Edition der Reihe  „Lesebücher für unsere Zeit“, die der Thüringer Volksverlag mit dem Titel „Goethe. Ein Lesebuch auf das Jahr 1949“  eröffnete. Ihm folgten viele Klassiker-Auswahlbände, deren Gesamtauflage bis 1989 in die Millionen ging. Jedes Buch kostete nur 6,50 Mark der DDR. Eine großartige Investition in die Allgemeinbildung des Volkes! 

Der Romancier Arnold Zweig nannte Victor 1955 einen „Brückenbauer der Bildung“. Aus Zweigs „Früchtekorb“ sei zum Schluss ein Passus zitiert, was ihn persönlich sehr berührte: „Was aber all diesen 30 Bänden gemeinsam ist, die vortrefflich bearbeiteten Zeittafeln, welche zum ersten Mal innerhalb meines Bildungskreises Fakten der Schiffstellergeschichte mit Entwicklungsdaten von Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft verband und mir, um nur von mir zu reden, Schlaglichter über Schlaglichter warfen auf Umstände und Fakten, die mir sonst in ihrer Abruptheit unverständlich geblieben wären: das, Walther Victor, verdanke ich Ihnen ganz besonders und halte es für gut, davon hier öffentlich zu reden und Ihnen die Hand zu schütteln für diese Schließungen meiner Bildungslücken.“  

In der Bundesrepublik, die sich nach 1945 in der Adenauer-Ära der fünfziger und sechziger Jahre sehr schwer tat mit dem Erbe Heinrich Heines, gab es erst 1971 einen Heinrich-Heine-Preis – den der Stadt Düsseldorf. Die DDR war mehr als vorbildlich. Das sollte auch einmal gesagt werden. Das Heine-Lesebuch der DDR (1950) hatte bis 1975 schon 25 Auflagen! Weimar ehrte Walther Victor 1966 mit dem Literatur- und Kunstpreis der Stadt, mit einem Straßennamen und mit einer Gedenktafel am Haus Wilhelm-Bode-Straße 9, dem letzten Wohnsitz des Publizisten. Die „Memoiren II“(1943 – 1969) fanden leider noch keinen deutschen Verleger. Aber in der Zeitschrift „Galerie“ 2005/2006 in Luxemburg!          


Werner Voigt


Fotos aus: Werner Voigt: Walther Victor. Ein Weg nach Weimar. Lebens- Gefühlswelt eines leidenschaftlichen Publizisten, Berlin 1998, 96 Seiten, 6,95 Euro. Erhältlich im Fachhandel und natürlich in der Erfurter Buchhandlung „Contineo“, Magdeburger Allee 90.