15. November 2011

Die Mieter sagen: Wir bleiben hier!

Am 3. November kam der Sprecherrat der Erfurter Bürgerinitiative Rotdornweg zusammen, um die nächsten Aufgaben zu beraten. Über die Situation in dieser Wohnsiedlung im Norden der Stadt hatte UNZ bereits in Nummer 13/2011 berichtet. Sie erinnern sich: Die Häuser in dieser Straße sind alt und müssen saniert werden, aber die meisten der Bewohner leben schon sehr lange hier und wollen auch nicht weg. Sie leben im Grünen, haben eine gute Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, der Nordpark mit Schwimmbad befindet sich ganz in der Nähe, das Krankenhaus ist um die Ecke, dazu die Radrennbahn und so manches, was das Leben angenehm macht. Das weckt Begehrlichkeiten. Und als die KoWo ohne die Situation mit ihren Mietern ausführlich zu beraten, die Häuser zum Verkauf anbot, kamen viele Interessenten, besichtigten die Wohnungen, machten Abrisspläne und konfrontierten die Mieter mit schnellen Räumungsabsichten. 

Das war für die etwa 300 Bewohner des Rotdornweges nicht hinnehmbar. Sie, die seit Jahrzehnten hier wohnen, viele Reparaturen auf eigene Kosten ausführten, mit eigenem Geld die Wohnungen wohnlicher machten, sollten plötzlich raus. Nicht nur den Älteren ging das Gerede vom Umzug an die Nieren. Deshalb haben sie sich zusammengetan und der Kowo den Kampf angesagt. Im Sommer wurden Tag für Tag Mahnwachen organisiert. Schon am Morgen konnte man hier Ältere und Menschen mit Behinderungen treffen. Abends kamen die Berufstätigen dazu. Kein Tag wurde ausgelassen – auch die Wochenenden nicht. Ihr Kampfeswille fand eine Menge Zustimmung. Abgeordnete des Stadtrates, des Landtags, Mitglieder von Vereinen und Verbänden sagten Unterstützung zu. Noch heute hängen die Spruchbänder zwischen den Bäumen und künden von dem Willen dieser Straßengemeinschaft (unsere Fotomontage).

Inzwischen sind einige Monate ins Land gegangen und wir wollten wissen, was sich seither getan hat. Bei un- serem Besuch im Rotdornweg registrieren wir neue Fenster, Gerüste an Häuserfronten, Dachdecker bei der Arbeit.  „Wenn das unsere Mietwohnungen betreffen würde“, sagt Gerhard Denninger, „wären wir zufrieden. Im Moment arbeiten die Handwerker aber nur an den Eigentumswohnungen in den drei verkauften Häusern“.

Die vier Mitglieder des Sprecherrates, die an diesem Donnerstagabend gekommen sind, tragen die Fakten zusammen. Das Wichtigste: Der Verkauf der Häuser ist zunächst für zwei Jahre gestoppt. Zeit, um gemeinsam ein Konzept aller Beteiligten zu erarbeiten, das trägt und für die Mieter Zukunft hat. Für den dafür notwendigen Bürgerantrag brauchen sie parteienübergreifende Unterstützung. Silvia Becker macht deutlich: Dieser Bürgerantrag kann erst gestellt werden, wenn alle Informationen über dieses Wohnquartier vorhanden sind. Dabei erhalten die Bewohner parteiübergreifende Unterstützung von Abgeordnete mit nichtöffent- lichen Anfragen. Die Freien Wähler beispielsweise kümmern sich um Dokumentationen und versuchen zu ergründen, welchen Einfluss die Stadt auf ihre kommunalen Einrichtungen hat. Die LINKE beschäftigt sich mit den Liegenschaften, den Eigentumsverhältnissen und die Grünen mit den alternativen Energiequellen sowie der Prüfung von Voraussetzungen für Fernwärmeanschlüsse. Das alles braucht Zeit. Und die Mieter warten auf die Mediation (Schlichtung). Die KoWo möchte sie, um die streitbaren Dinge aufzuarbeiten und sich gegenseitig anzunähern, aber einen Termin gibt es dafür noch nicht. Die Mieter haben auch die dringlichsten Reparaturen aufgeschrieben und eine Frist von vier Wochen gesetzt. Einige Dachrinnen wurden inzwischen gesäubert, da und dort ein Stück Dachrinne geflickt, aber insgesamt ist alles ziemlich zäh. Hervorheben möchte der Sprecherrat der Bürgerinitiative unbedingt: Die Wohngemeinschaft im Rotdornweg ist durch den gemeinsamen Kampf zusammengewachsen. Man spricht nicht nur miteinander, man ist aktiver geworden, geht gemeinsam zu Veranstaltungen,  beispielsweise im hier ansässigen Verein „ Aktiv Leben Konzept“. 

Ohne größere Instandsetzungs- und Modernisierungsarbeiten wird es nicht gehen. Dazu gehört die Reparatur der Dächer, eine entsprechende Wärmedämmung und die Verbesserung der Heizungen. Jeder hier weiß: auch die KoWo ist ein Wirtschaftsunternehmen und muss rechnen. Die 2,66 Euro Grundmiete reichen danach mit Sicherheit nicht mehr aus. Eine Kernsanierung, sprich Luxussanierung, allerdings wollen die Bewohner des Rotdornweges nicht. Sie möchten hier wohnen bleiben, im Winter nicht frieren und sozial verträgliche, bezahlbare Mieten. Mit Unverständnis registrieren sie deshalb auch, dass es sich die KoWo offenbar leisten kann, durchaus vermietbare Wohnungen leer stehen zu lassen. Mehr noch: Nachdem Elektro- und Gasleitungen saniert waren, wurden sie in diesem Jahr in mehreren Häusern gekappt. Es wird gemunkelt, damit wolle man wohl Tatsachen schaffen – nicht vermietbar. Immerhin stehen in diesem Wohngebiet ca. 30 Wohnungen leer. Wer soll das verstehen? 

Fest steht: Wenn die Bewohner des Rotdornweges nicht vieles selbst in die Hand genommen hätten, wäre es in all den Jahren nicht gegangen. Und deshalb hoffen sie jetzt auf ein positives Ergebnis im Interesse aller Beteiligten.


Regina Pelz