26. Juni 2012

Wahrheiten, Warnungen und eine Selbsttäuschung

Die letzte Ruhestätte Inge von Wangenheims und ihrer langjährigen Lebensgefährtin Dora, genannt „Dorchen“, Lattermann auf dem historischen Friedhof in Weimar wird noch immer gehegt und gepflegt.

Wer das Glück hatte, Inge von Wangenheim in öffentlichen Lesungen und Diskussionen zu erleben, wird bestätigen, welche unmittelbare Ausstrahlung von ihr ausging: leidenschaftlich, ungewöhnliche Gedankenbögen schlagend über Jahrtausende der Kulturgeschichte, oft kritisch sich selbst befragend, klar in der Diktion – schließlich war ihr erster Beruf Schauspielerin – bildreich und nicht selten „vergoethet“, wie sie sich zuweilen humorvoll bezeichnete.  Eine faszinierende Künstlerin, deren Lebensweg von der Berliner Mozartstraße  über viele Schauspielplätze in den Weimarer Rosenweg 3 führte. 33 Jahre lebte sie in Thüringen (Rudolstadt und Weimar), davon 19 in Weimar, dem Mekka der deutschen Klassik. 

Als Anfang 1989 Gorbatschow einen abermaligen einseitigen Schritt der Sowjetregierung, betreffend der Reduzierung ihrer militärischen Rüstung, ankündigte, gab es überall Umfragen. Damals war ich einer der Kulturredakteure in der sozialistischen Tageszeitung „DAS VOLK“ Erfurt. Genossin Wangenheim (sie war seit 1946 Mitglied der SED) befragte ich telefonisch, wie sie diesen Schritt bewerte. „Lieber Genosse Voigt, ich empfehle dir, auf die Straße zu gehen und einfach die Leute dort zu befragen. Auf die kommt es doch an …!“ 

Allerdings wusste ich damals nicht, dass sie mitten in Überlegungen und Niederschriften zu ihrem letzten Essay „Auf Germanias Bärenfell“ steckte (1988/89 entstanden, erst 2002 im Thüringer quartus-Verlag Jena erschienen). Am 10. November 1989 (Friedrich Schillers Geburtstag!) wurde ihr der Doktor für Philosophie ehrenhalber der Friedrich-Schiller-Universität für ihr schriftstellerisches und künstlerisches Gesamtwerk verliehen. 

In ihrer Dankesrede erklärte sie u. a.:  „ … Nicht Marx also und das erste genaue Wissenschaftsbild von der Gesellschaft in der Geschichte muss nun abgeschafft werden, weil urplötzlich die tibetanischen Gebetsmühlen alles durcheinander gebracht haben, sondern im Gegenteil: Wir sind nicht wegen zu genauer Befolgung der von der Wissenschaft entdeckten Gesetzmäßigkeiten gescheitert, sondern allein deshalb, weil wir sie sträflich  missachtet haben ...“.

Gewarnt vor Missachtungen hatte sie bereits 1971 in ihrem Essay „Die Verschwörung der Musen“, man kann es nachlesen. Noch kritischer äußerte sie sich zehn Jahre später in „Genosse Jemand und die Klassik“. Es hagelte Kritik von oben, aber es gab auch Zustimmung etlicher Art. Was berechtigte die Kommunistin dazu, auf gravierende gesellschaftliche Defizite hinzuweisen? – Mehr als 70 Jahre erlebter deutscher Geschichte.


Ihre „Universitäten“ 


Am 1. Juli 1912 in Berlin-Schöneberg als Tochter einer alleinerziehenden Schneiderin geboren, spürte sie schon in ihrer Kindheit, dass ihr von dem manchmal recht rabiaten Zille- Milieu nichts geschenkt wurde. Sie musste sich keck behaupten. Sie musste kämpfen. In der Schule gehörten Deutsch und Geschichte zu ihren Lieblingsfächern. Gern wäre sie Lehrerin geworden. Doch das blieb ein Traum. Die hart arbeitende Mutter  sorgte dafür, dass sie das Chamisso-Lyzeum besuchen konnte. Mit 16, 17 fand sie Anschluss an linke Schauspielertruppen, zunächst bei dem Theaterregisseurs Erwin Piscator, dann beim Kommunisten Gustav von Wangenheim (1895–1975). Sie lernte, dass Kunst eine Waffe zur Veränderung der Gesellschaft sein kann. Hautnah erlebte die junge Frau den so genannten Berliner Blutmai 1929. Wenig später verband sie sich mit Gustav von Wangenheim und dessen „Truppe 1931“.   

Ein spannendes, farbiges Bild jener Jahre vor 1933 spiegelt sie in ihrem ersten Buch „Mein Haus Vaterland“ (1950). 

Seit Mai 1933 bestimmten dann Flucht und aufreibende, schwere Jahre des Exils in Frankreich und der Sowjetunion ihr Leben. Paris, Moskau, Tschistopol und Alma-Ata hießen einige ihrer vielen Stationen. Kleinere Rollen in sowjetisch-deutschen Filmproduktionen und journalistische Arbeit prägten nun ihr Leben. In „Auf weitem Feld“ (1954) und „Schauplätze“ (1983) hielt sie die Erlebnisse jener Jahre in Wort und Bild eindrucksvoll fest.

Nach der Befreiung Hitlerdeutschlands vom Faschismus 1945 kehrten die Wangenheims aus der Sowjetunion zurück in das schwer zerstörte Berlin. Am Aufbau einer neuen Kultur, für die demokratische Erneuerung Deutschlands, wollten sie mit ganzer Kraft mitwirken.  Zunächst übernahm die Schauspielerin Rollen am Deutsches Theater Berlin und einigen DEFA-Filmproduktionen (so im Spielfilm „und wieder ´48“, Regie: Gustav von Wangenheim). Michael Tschesno-Hell, damals Leiter des Verlages Volk und Welt, verdankte sie den entscheidenden Anstoß zum ersten großen Erinnerungsroman „Mein Haus Vaterland“. Er erlebte viele Auflagen. Nicht anders erging es ihr mit „Einer Mutter Sohn“ (1958).     

Inge von Wangenheim stürzte sich in eine Vielzahl von Aufgaben, oft auch begleitet von theoretisch-essayistischen Äußerungen zur großen bürgerlich-humanistischen Literatur. Lessing, Goethe und Schiller galt ihre besondere Liebe, die in dem späteren Romanen „Hamburgische Elegie“ (1977) und „Deutsch und Geschichte“ (1986) überzeugenden Ausdruck findet. Doch dominieren in den fünfziger und sechziger Jahren zunächst Werke, in denen die Autorin die widersprüchlichen Entwicklungen der Menschen beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft gestaltet. Hiervon künden u.a. „Professor Hudebraach“ (1961) und das „Zimmer mit den offenen Augen“ (1965). 

Ergebnis auch eines Ortswechsels: 1960, nach der Trennung von ihrem Mann und nahezu zeitgleich mit dem Beginn des „Bitterfelder Weges“ in der Kulturpolitik der DDR, war sie nach Rudolstadt, nahe dem Chemiefaserkombinat Schwarza, gezogen. Brennend interessierten sie die neuen Beziehungen zwischen der Arbeiterklasse und der Intelligenz, auf allen Ebenen, Konflikte und Bündnisfragen.


Kritik und Selbsttäuschung   


Nochmals 10. November 1989 in Jena: Die sich überstürzenden Ereignisse jener Tage wühlten sie auf wie nie zuvor. Einerseits sah sie die Notwendigkeit, aus der schweren politischen Krise der DDR herauszukommen durch eine breite Demokratisierung der gesellschaftlichen Prozesse. Andererseits machte sie sich unbegreifliche Illusionen über die – doch klar absehbaren – dramtischen Folgen einer westlich-kapitalistisch dominierten „Einheit“ Deutschlands. Hatte sie total verdrängt, was sie 1982 öffentlich in der Serie „Schriftsteller für den Frieden“ (DAS VOLK am 7. 4. 1982) erklärte? Hierin hieß es u. a.: Diese Herren, für die der Krieg nur ein Geschäft ist, nichts weiter, lassen nichts unversucht, den Massen einzureden, dass die wahre Bedrohung vom sozialistischen Lager ausginge und die Welt ja ihren Frieden haben könnte, wenn man im Kreml und in Ost-Berlin sich endlich entschließen könnte, die atomare Bewaffnung vollständig, die konventionelle zumindest zur Hälfte zu liquidieren. Damit das möglichst schnell geschieht, möchte man uns eine Friedensbewegung ins Haus schwatzen, die sich gegen unseren Staat, gegen unsere Staatsführung artikuliert – eine antisozialistische Friedensbewegung also, deren pazifistische Hülle alsbald, wenn die Stunde reif, fallen würde, um der Konterrevolution Platz zu machen ...“

Also beschützen und verteidigen. Aber wie? Siebeneinhalb Jahre später, Ende 1989, gab sie den ihr 1987 von der Partei verliehenen Karl-Marx-Orden zurück, was viele ihrer Leser nicht verstehen. Offenbar war sie gefangen von Illusionen durch eine Welle der Euphorie, die durch die Massen ging. Das belegen Äußerungen z. B. in einem privaten Brief an Hellmuth und Eva Führer vom 21. Dezember 1989, veröffentlicht im literarhistorischen Journal „Palmbaum“, Heft 2, Jahrgang 2002, Bucha/Jena: „ … Ein großartiger Neubeginn ist möglich geworden, und das letzte Stündlein des Stalinismus in Deutschland hat geschlagen. Wenn wir das unumkehrbar machen können, haben wir halb gewonnen ...“ Und noch knapp zwei Jahre später erklärte sie in einem Interview mit Wolfgang Kappe, Weimar, Wochen vor ihrem 80. Geburtstag (der Text ist im gleichem „Palmbaum“-Heft 2002 abgedruckt): „Gorbatschow! Das ist herausragend. Das grenzt fast an ein Wunder. Ich bin von diesem Phänomen aufgrund meiner 12-jährigen Erfahrung mit der Gesellschaft in der Sowjetunion um so mehr beeindruckt. Gorbatschow hat im Grunde nicht mehr gesagt als das, „was ist“, nur die nackte Wirklichkeit brachte dieses Wunder zustande. Für mich allein ist die überragende einzigartige Kraft seines Charakters ein bleibendes Erlebnis ...“ Zu diesem Zeitpunkt war der sozialistische Staatenbund UdSSR bereits zerfallen, dem Kapitalismus waren alle Türen und Tore geöffnet. Hat sie das nicht sehen können? Nach jahrzehntelangen Klassenkampferfahrungen? Mir (und manch anderem) ist das ein großes Rätsel geblieben. 

Freilich wäre es falsch, Inge von Wangenheims Werk einfach „ruhen zu lassen“. Ihre Bücher sind bewegende literarische Dokumente des 20. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts mit all seinen Widersprüchen, Höhenflügen und Irrtümern. Ihr literarisches Werk ist ebenso einzigartig und unwiederholbar wie die deutsche bürgerliche Klassik und wie die sozialistische Literatur der DDR in ihren besten Leistungen. Inge von Wangenheim fand ihre letzte Ruhestätte 1993 auf dem  historischen Friedhof von Weimar.      

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/8/artikel/wahrheiten-warnungen-und-eine-selbsttaeuschung/