12. Juni 2012

Humanität kennt kein Parteibuch

Krämerbüste und Eingangslogo der ehemaligen Fachschule „Walter Krämer“ in Weimar.

Vor 40 Jahren, im Sommer 1972, erhielt eine der großen Bildungseinrichtungen der Stadt den Ehrennamen „Walter Krämer“. Für die damals Anwesenden war es ein besonderes Erlebnis, dass zwei Zeitzeugen, die früheren Buchenwaldhäftlinge Ottomar Rothmann und Kurt Roßberg, der Namensgebung beiwohnten. Während Ottomar Rothmann eine lebendige Laudatio auf seinen ermordeten Kameraden hielt, zitierte Kurt Roßberg aus der Dissertation seiner jungen Ehefrau Christine, welche den Leidensweg Walter Krämers im KZ Buchenwald aus der Anonymität geholt hatte. Als dann der Weimarer Bildhauer Eberhard Reppold seine gelungene Krämer-Büste der Öffentlichkeit vorstellte, war ein emotionaler Höhepunkt erreicht.

Die Medizinische Fachschule „Walter Krämer“ hat von 1972 bis 1990 in dreijähriger dualer Ausbildung tausende hochqualifizierte Absolventen in die Praxis entlassen. Für all diese jungen Frauen und Männer war der Antifaschist und Humanist Walter Krämer ein unaufgezwungenes Vorbild für ihren Berufsstand. Der Buchenwaldhäftling Emil Carlebach empfahl den Fachschülern sogar, „dass sie werden  wie Walter Krämer – mutig, gerade, hilfsbereit und immer solidarisch“.   

Wer war dieser Mann, dessen ethikgeprägte Charaktereigenschaft, vor allem aber dessen autodidaktisch erworbenen medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten uns so faszinierten und vielen KZ-Mithäftlingen das Leben retteten? Zum Verständnis einige Lebensstation: Walter Krämer wurde am 21. Juni 1892 in Siegen geboren. Demzufolge begehen wir dieses Jahr seinen 120. Geburtstag. Nach seiner Lehre als Schlosser wurde er Freiwilliger der Kaiserlichen Marine. 1918 nahm er am Matrosenaufstand in Kiel teil, wurde inhaftiert und während der Novemberrevolution befreit. Krämer beteiligt sich an der Arbeit des Arbeiter- und Soldatenrates in seiner Heimat Siegen. Ab 1921 wurde er führender Berufspolitiker der KPD im Siegerland. 1925 musste er eine mehrjährige Haftstrafe wegen Hochverrates im „Siegerländer Kommunistenprozess“ antreten. Von 1931 bis 1933 war Krämer Abgeordneter des Preußischen Landtages. Nach dem Reichstagsbrand wurde er erneut wegen Hochverrat verurteilt. Zunächst saß Krämer im KZ Lichtenberg, ab 1937 in Buchenwald. Ab 1938 fungiertet er dort als „Kapo“. 

Eine unglaubliche „Ausbildung“ zum Arzt von Buchenwald veränderte sein Leben. Der österreichische Mithäftling Eugen Kogon wählte in seinem Standardwerk „Der SS-Staat“ die Worte: „Walter Krämer war eine starke und mutige Persönlichkeit, ungeheuer fleißig und sehr organisationsbegabt; er wurde ein vorzüglicher Wundbehandler und Operateur“. In überlieferten Operationsbüchern ist er in 223 Fällen als Assistent eingetragen. Vermutlich hat Krämer selbst operiert, sein Name durfte in den Dokumenten aber nicht alleine stehen. Da er SS-Größen von Krankheiten befreien musste, illegal jüdische Häftlinge operierte sowie         sowjetische Kriegsgefangene pflegte und ständiger Augenzeuge von den Unmenschlichkeiten der SS-Ärzte war, wurde er im Außenlager Goslar am 6. November 1941 ermordet. 1999 wurde Walter Krämer von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem posthum mit der Auszeichnung „Gerechter der Völker“ geehrt. Diese Auszeichnung ist die höchste, die der Staat Israel an Nichtjuden vergeben kann. Vielleicht hat Bundespräsident Gauck beim Besuch der Gedenkstätte Walter Krämers Foto und Namen gesehen. 

Die Auflösung der medizinischen Fachschulen im DDR-Gebiet war der Tatsache geschuldet, dass es keine gleichwertige Ausbildung für mittleres Personal im alten Bundesgebiet gab. Das führte auch dazu, dass Walter Krämer wieder in die Anonymität der Geschichte verschwinden musste. Kommunistischer Widerstand unterliegt seit dem vergrößerten Deutschland dem Delegitimierungsversuch, auch in der Erinnerungspolitik. 

Die in den 90er Jahren losgetretene „Rote-Kapo-Kampagne“ betraf vor allem Häftlingsfunktionäre, denen man kriminelle Machenschaften mit der SS nachsagte, ohne die konkreten KZ-Bedienungen auch nur annähernd mit einzubeziehen. Eine Protokollaussage des Häftlinges Benedikt Kautsky verdeutlich diesen Sachverhalt: „Für die Häftlinge, die sich an der Lagerverwaltung beteiligten, ergaben sich ständig eine Reihe schwer lösbarer Probleme, denn sie hatten die Befehle der SS entgegen zu nehmen und durchzuführen. Anderseits vermochten sie gerade dadurch, dass die SS sich vielfach nicht um die Ausführung ihrer Befehle im Einzelnen kümmerte, deren Brutalität wesentlich abzumildern.

Der spanische Buchenwaldhäftling Jorge Semprun benennt in einer seiner letzten Schriften die erzwungene „Kooperation“ zwischen SS und Roten Kapos „schäbig, heldenhaft, blutig, großmütig, tödlich und moralisch“. Hier muss man Volkhardt Knigge, Direktor der Stiftung Buchenwald zustimmen, wenn er sagt: „ Es gibt nicht die eine Geschichte von Buchenwald, sondern viele  und es gilt herauszuarbeiten, wie mit diesem Faktum produktiv umgegangen werden kann.“ Inzwischen werden die Stimmen lauter, sich der geschichtlichen Wahrheit wieder anzunähern. So musste der Thüringer Kultusminister Matschie zum 67. Jahrestag der Befreiung versprechen, dass die Geschichte von Buchenwald die geforderte Veränderungen erfährt.

So konnten Sieger und Weimarer Bürger mit großer Genugtuung erleben, dass sich ihr jahrzehntelanger Kampf für eine Anerkennung der Leistungen Walter Krämers gelohnt hat. Der konservative Stadtrat von Siegen hat beschlossen, dem Sohn der Stadt ein Denkmal zu setzen. Bürgermeister Steffen Mens Begründung zeigt die neue Position: „Es geht bei dieser dauerhaften Ehrung um das humanitäre, selbstlose Handeln und Wirken, das eindeutig und bei weitem die Kritik an seiner Person überstrahlt.“ Was ihn unvergessen macht, hob ein Stadtrat hervor, „ist die Menschlichkeit, die er unter den unmöglichen Bedingungen im KZ zeigte. Er war ein Mensch, der anderen half, zu einer Zeit und an einem Ort, die von Entmenschlichung gekennzeichnet war. Humanität kennt kein Parteibuch“. Das lässt hoffen! Ein Zeichen in dieser Auseinandersetzung setzte schließlich Rikola-Gunnar Lüttgenau, der stellvertrende Dirketor der Gedenkstätte Buchenwald mit der Einschätzung: „Es gibt einen neuen und souveränen Blick auf Krämer und das ist gut so. Krämer hat sich immer auf die Seite der Menschen gestellt und sich für das Lebensrecht eingesetzt und das unter dem Einsatz seines eigenen Lebens.“ Der Platz vor dem Siegener Klinikum  wird nach der Umgestaltung eine würdige Stätte des Erinnerns an Walter Krämer, den „Arzt von Buchenwald“ sein. Die Weimarer und die Besucher der Gedenkstätte auf dem Ettersberg können im Vorraum zum Krematorium des KZ Buchenwald an einer 2011 angebrachten und vom VVN/BdA Siegen-Wittgenstein gestiften Erinnerungstafel innehalten oder mit einer Blume den 120. Geburtstag des Antifaschisten Walter Krämer begehen.


Frank Hildner 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/8/artikel/humanitaet-kennt-kein-parteibuch/