13. November 2012

Aus dem Kalten Krieg: Vor 35 Jahren – Verbrecher als „Freiheitskämpfer“

Die Gemäldegalerie von Sanssouci wurde im Januar 1977 Opfer des von Bandenchef Wuchhold organisierten Gemälderaubes.


 

Kunsträuber als da sind: Gemäldediebe, Diebe von wertvollstem Porzellan, Kunstgegenständen aus Gold und Silber, Juwelenräuber und so weiter und so fort gibt es in der Welt, namentlich der kapitalistischen, zu Hauf. Allerorten jagt die Polizei nach ihnen, legen ermittelnde Staatsanwälte dickleibige Ordner an, die dann viele laufende Regalmeter füllen, bis sich schließlich und endlich die Gerichte mit den glücklich ertappten größeren und kleineren Banditen beschäftigen, deren verbrecherisches Treiben der Schrecken jedes Museums, jeder Gemäldegalerie, jeder sakralen Einrichtung und jedes mehr oder minder hochkarätigen Juweliers oder privaten Sammlers ist. Ganze Heerscharen von Erfindern und Herstellern von Sicherheitstechnik sind am Werke, um solche Einrichtungen der Kunst und Kultur wie des Kunstgeschäfts vor solchen meist professionell organisierten Banden zu schützen, die wiederum findige Tüftler damit beschäftigen, jedes noch so ausgeklügelte Sicherheitssystem zu knacken. Während millionenschwere Auftraggeber, die ihren schwerbewachten Residenzen mittels eines gestohlenen Raffael, van Dyck, Rembrandt, Rubens, Tintoretto, eines van Gogh oder Feininger zu mehr Glanz und Gloria verhelfen wollen, meist ungeschoren davonkommen, landen die größeren oder kleineren Ganoven vor Gericht, hin und wieder jedenfalls.


Geht es um Hunderttausende oder gar Millionenwerte, erregt solch ein Prozess gewöhnlich entsprechendes Aufsehen, gelegentlich gibt es aber auch weitere gewichtige Ursachen für solches: Vor 35 Jahren stand in Frankfurt am Main, Bundesrepublik Deutschland, eine Bande von Kunsträubern vor Gericht, besser gesagt, ihre Mitglieder wurden notgedrungen vor dessen Schranken zitiert, weil es denn nicht anders ging, da die Sache international Staub aufzuwirbeln drohte, wobei die so vielgepriesene bundesdeutsche Rechtsstaatlichkeit Gefahr lief, einiges von ihrem Flitterglanz einzubüßen: Geschädigter und somit Opfer des hier zu behandelnden Kunstraubes waren nämlich die Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci gewesen, ein Umstand, der jener Angelegenheit die für Presse, Funk und Fernsehen in der BRD so prickelnde Note gab, handelte es sich doch schließlich um eine hochkarätige kulturelle Einrichtung der Deutschen Demokratischen Republik! Zwar war diese fünf Jahre zuvor im Grundlagenvertrag seitens der Regierung der BRD anerkannt worden, völkerrechtlich und nicht nur staatsrechtlich, versteht sich, auch wenn in Bonn so getan wurde, als sei die erstere Eigenschaft nicht vorhanden, doch war damit jener Politik, die ungeachtet aller behaupteten eigenen Überlegenheit so trauriger- wie beschämenderweise darauf gerichtet war, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, keineswegs abgeschworen worden, ganz im Gegenteil! So wurden selbstverständlich auch alle Verträge darauf abgeklopft, ob sie denn nicht irgendwo und irgendwie dafür missbraucht werden könnten, und wenn nicht, inwieweit es möglich war, ihre Bestimmungen schlichtweg zu missachten. Das fing bei Behörden in der BRD und Berlin (West) an und hörte bei Verbrecherbanden auf, die unter Missbrauch von Transitabkommen und Verkehrsvertrag ihr Unwesen trieben. Dass sie dabei auch mit den Gesetzen ihres eigenen Staates in Konflikt kamen, durch Fälschung von Reisepässen, unberechtigtes Mitführen von Schusswaffen und Benutzung gestohlener, amtlich nicht zugelassener oder nicht verkehrssicherer Kraftfahrzeuge sowie Einsatz drogenabhängiger Personen als Fahrer beispielsweise, scherte sie nicht sonderlich, konnten sie doch bei solchen Untaten mit juristischer Milde rechnen: Welches Verbrechens sie sich auch schuldig gemacht hatten, wenn es gegen die DDR gerichtet war oder solches zumindest behauptet werden konnte, drückten Polizei, Richter und Staatsanwälte schon mal beide Augen und die Hühneraugen zu. Was sich da am 25. April 1977 im Amtsgericht Frankfurt am Main abspielte, kann nicht anders denn auf diese Art und Weise eingeschätzt werden:

Opfer des Verbrechens war die 1764 eröffnete, für König Friedrich II. von Preußen unter Leitung des Baumeisters Johann Gottfried Büring im Park des Schlosses Sanssouci errichtete Bildergalerie. Der 29. Januar 1977, an dem sich diese Untat ereignete, war ein nasskalter Wintertag und als mit Karl Geist ein älterer Angehöriger des zivilen Wachschutzes um 16.30 Uhr seinen Dienst antrat, war die Dunkelheit bereits hereingebrochen. Punkt 18.10 Uhr begann er den vorgeschriebenen ersten Kontrollgang, wobei im Schloss selbst keinerlei Auffälligkeiten festzustellen waren. Als er jedoch gegen 19.00 Uhr an der Bildergalerie anlangte, fuhr ihm der Schreck in die Glieder: An der Südseite des Gebäudes standen die eisernen Gitter- und die dahinter befindlichen Flügeltüren offen, die gewöhnlich fest verschlossene Tür zum „Kleinen Kabinett“ war aufgebrochen. Die Alarmanlage hatte jedoch nicht angesprochen, ansonsten hätte ja der Einbruch verhindert werden können. Über die Ursache wurde vor allem in bundesdeutschen Medien viel gemutmaßt, so sollte angeblich vergessen worden sein, sie einzuschalten. Der Wahrheit näher kamen wohl solche Veröffentlichungen, in denen es hieß, der Kopf der Bande habe sich auf Grund früherer beruflicher Tätigkeit in Sanssouci gut ausgekannt, über Pläne der Alarmanlagen verfügt und Helfershelfer gehabt, die für deren Unwirksamkeit sorgten. Die sofort alarmierte Volkspolizei sicherte vor dem Schloss Abdrücke von Autoreifen der französischen Marke Michelin 135 SR 13. Da diese weder bei Fahrzeugen aus DDR-Produktion noch bei solchen aus anderen RGW-Ländern verwendet wurden, wies die Spur eindeutig in Richtung BRD bzw. Berlin (West). Die Täter hatten Turnschuhe getragen und nach dem Ausheben eines die Tat zweifellos begünstigenden, weil angerosteten Zaunfeldes die etwa 3 m hohe Mauer überwunden, von wo sie dann zur Galerie gelangt waren. Den Ort ihres Verbrechens hatten sie den Fußspuren nach zu urteilen auf dem gleichen Wege verlassen, den sie zum Verladen der Bilder in ihren Pkw mindestens zweimal hatten nehmen müssen. Die an der Zaunslücke gefundenen Reifenspuren verloren sich dann auf dem Asphalt der Straßendecke. So weit, so gut, oder so schlecht, jedenfalls traten die Ermittlungsorgane der DDR nach diesen Ergebnissen auf der Stelle. Kamen die Täter tatsächlich aus der BRD oder Berlin (West), dann waren die Grenzen ein schier unüberwindliches Hindernis für die weitere Untersuchungstätigkeit. Genauer gesagt waren das nicht die Grenzen an sich, sondern das Fehlen eines Rechtshilfeabkommens zwischen beiden deutschen Staaten, das die Einschaltung der zuständigen bundesdeutschen Organe ermöglicht hätte. Die Verhandlungen dazu aber schleppten sich über viele Jahre hin, denn ein solcher zwischen voneinander unabhängigen Staaten und noch dazu Mitgliedern der UNO gewöhnlich selbstverständlicher Vertrag war in Bonn genaugenommen gar nicht gewollt: Ein Rechtshilfeabkommens hätte letztlich die bedingungslose und vollständige Anerkennung der DDR bedeutet, wäre folglich ein schwer zu überwindendes Hindernis für jene Politik gewesen, die darauf gerichtet war, sie „zum Verschwinden zu bringen.“ Dennoch wurde den zuständigen bundesdeutschen Behörden ein Fahndungsersuchen übermittelt, aber Hilfe war von dort nicht zu erwarten, weshalb der Februar ohne greifbare Ergebnisse verging. Waren die Täter nicht bereits beim Grenzübertritt zu fassen gewesen, zumal doch ihr Pkw mit Sicherheit gründlich untersucht worden wäre? Auch wenn sie das Diebesgut unterwegs in ein anderes Fahrzeug umgeladen hätten, wären die Bilder bei der Grenzkontrolle entdeckt worden. Um dieses Risiko weitgehend auszuschalten, war für das Verbrechen ein ganz offensichtlich günstiger Termin gewählt worden: An genau diesem Tage fand das Bundesligaspiel zwischen dem Westberliner Klub Hertha BSC und der Mannschaft von MSV Duisburg statt, auf der Transit-Autobahn zwischen Berlin (West) und der BRD waren folglich Tausende von Fußballfreunden unterwegs. Um den Stau vor den Grenzkontrollpunkten nicht ins Uferlose anwachsen zu lassen, mussten die Grenzorgane der DDR zügig abfertigen, weshalb es schlichtweg unmöglich war, jeden Pkw gründlich zu kontrollieren. Ohnehin wurden die Kontrollen seit dem Abschluss von Transitabkommen und Verkehrsvertrag recht liberal gehandhabt – ein Umstand, der sehr rasch zum Schaden der DDR missbraucht wurde.

Auf alle Fälle waren die Täter keine Profis gewesen, die Art und Weise der Behandlung der Bilder ließ mit großer Sicherheit darauf schließen, dass es sich bei ihnen weder um Kunstkenner handelte, noch dass sie mit den Gemälden fachmännisch umzugehen verstanden. Zweifellos lag hier ein Auftragsdiebstahl vor, bei dem sie als bloße Werkzeuge fungierten. Für eine Einbruchshandlung besaßen sie zwar die nötige Kaltblütigkeit, Körperkraft und Nervenstärke, am noch viel nötigeren Sachverstand mangelte es ihnen allerdings ganz gewaltig, wie die nachfolgende schlimme Bilanz bewies: Mehrere Gemälde waren gewaltsam aus den Rahmen entfernt und die zerbrochenen Rahmenteile achtlos auf den Fußboden geworfen worden. In einigen Fällen hatten die Diebe versucht, die Bilder aus den Rahmen zu schneiden, was infolge ihrer völligen Unkenntnis scheitern musste, da die verwendete Leinwand auf der Rückseite mit Firnis behandelt und durch eine ebenfalls gefirnisste Leinwand verstärkt war. Auch das wahllos zusammengewürfelte Diebesgut zeugte vom fehlenden Kunstverstand, denn da sie das von ihrem Auftraggeber im Katalog angekreuzte Gemälde nicht ausfindig machen konnten, hatten sie einfach andere von den Wänden genommen und dabei schwer beschädigt. Entwendet hatten sie: Tintoretto - „Bildnis eines alten Mannes“; Alessandro Magnasco - „Mönche in einer Grotte“; Eustache Lesueur - „Christus heilt einen Blinden“; Louis de Boulogne d. J. - „Allegorie der vier Jahreszeiten“; Adriaen van der Werff - „Die Heimsuchung“; Leonard Bramer - „Der Tanz der Salome“; Sebastian Bourdon - „Anbetung der Könige“; Adam Colonia - „Nächtliche Hirtenszene“; Joos van Cleve - „Bildnis Kaiser Maximilian I.“; unbekannter italienischer Meister – „Kampfszene“. Außer diesen 10 gestohlenen Gemälden waren weitere drei durch die unsachgemäße Behandlung schwer beschädigt worden: Peter Paul Rubens - „Jesus und Johannes der Täufer als Kinder“; Rubens-Schüler - „Bildnis eines Ehepaares“; Gerard de Lairesse - „Thetis taucht den Achillesknaben in das Wasser der Styx“. Der materielle Wert der Bilder war mit einer Million Mark nicht zu gering geschätzt, zudem besaßen sie dadurch einen zusätzlichen, nicht in Zahlen auszudrückenden Wert, dass sie zur Sammlung des in der bürgerlichen Geschichtsschreibung mit dem Beinamen „der Große“ versehenen preußischen Königs Friedrich II. gehörten.


Dass dann die Herkunft der Diebesbande doch noch sehr rasch offenbar wurde, hatte im Grunde nichts mit etwaigen Fahndungen des Bundeskriminalamtes, sondern wohl eher mit Streitigkeiten unter den am Raub direkt oder indirekt Beteiligten zu tun. Die zuständigen Organe der DDR jedenfalls hatten mit ihrer Vermutung, die Täter müssten in der BRD oder in Berlin (West) zu suchen sein, vollkommen richtig gelegen: Ende Februar machte ein gewisser Josef Hartmannsgruber aus dem niederbayerischen Straubing dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden die vertrauliche Mitteilung, er habe dank einer Quelle, deren Namen er jedoch nicht nennen wolle, Verbindung zu einem Gerd Wolf in Dortmund, der die in Sanssouci gestohlenen Bilder zum Verkauf anbiete. Wie die bundesdeutschen Kriminalisten sehr schnell feststellten, war dieser am 7. September 1938 geborene und am Schwanenwall 40 ansässige Herr Wolf kein unbeschriebenes Blatt – er war nicht nur wegen Betruges in 83 Fällen zu zwei Jahren und neun Monaten Haft samt einem fünfjährigen Berufsverbot als Vertreter bestraft worden, er stand ebenso unter dem Verdacht der Kuppelei, gewerbsmäßigen Verbreitung pornografischer Schriften und des Konkursvergehens. Hartmannsgruber trieb hier offensichtlich ein doppeltes Spiel, denn während er bei der Kriminalpolizei angab, der Kontakt zu Wolf sei nicht vor dem 11. März 1977 möglich, erhielt diese von einem anderen Verbindungsmann den Hinweis, „unter Beteiligung von Hartmannsgruber und Wolf“ sollten „bereits am Nachmittag des 8. März 1977 in Karlsruhe Verhandlungen über den Verkauf der Gemälde aus Sanssouci mit einem Interessenten aus der Schweiz geführt werden“. In der Tat hatte sich der bereits überwachte Wolf im dortigen „Parkhotel“ eingemietet. Zudem beobachteten die Kriminalisten einen Mann, der einem weißen Peugeot 504 entstieg und einen schwarzen Koffer in Wolfs Zimmer brachte. Wider Erwarten verlief die sofortige Durchsuchung des Zimmers ebenso ergebnislos wie die von Wolfs Mercedes. Einer zweiten Einsatzgruppe gelang es schließlich nach einer halsbrecherischen Verfolgungsfahrt, den weißen Peugeot zu stellen und dessen Insassen festzunehmen: Rudolf Eichholz aus Fuldabrück, 30 Jahre alt, als Fahrer, und den Mann mit dem Koffer, der sich als Chef der Diebesbande erweisen sollte: Bernd Wuchhold aus Melsungen, geboren am 18. Oktober 1940 in Neudietendorf. Dabei konnten folgende Bilder sichergestellt werden: Tintoretto - „Bildnis eines alten Mannes“; Alessandro Magnasco - „Mönche in einer Grotte“; Louis de Boulogne d. J. - „Allegorie der vier Jahreszeiten“; Sebastian Bourdon - „Anbetung der Könige“. Die restlichen sechs Gemälde fehlten, der Verbleib war den Festgenommenen angeblich nicht bekannt. Dank ihres Verbindungsmannes gelang der Kriminalpolizei am gleichen Tage die Verhaftung zweier weiterer Beteiligter, Jürgen Eichholz (28), Bruder von Rudolf Eichholz, und Jenő Istenoes (47), genannt „Charly“, Bürger der Ungarischen Volksrepublik und als Offizier 1956 in die BRD desertiert, beide in Kassel wohnhaft. Nachdem die Brüder Eichholz zunächst jede Aussage verweigert hatten, nahmen sich die Kriminalisten Jenő Istenoes vor, da sie in ihm das sprichwörtlich schwächste Glied in der Kette vermuteten. Obwohl dieser nur auf Wunsch von Rudolf und Jürgen Eichholz die Fahrt nach Karlsruhe mitgemacht hatte und ihm erst nach dem Scheitern jener Verkaufsverhandlungen reiner Wein eingeschenkt worden war, sollten sie sich nicht getäuscht haben: Er führte sie zu den noch fehlenden sechs Bildern, die, zum blanken Entsetzen jedes Kunstsachverständigen, in seinem bereits zur Verschrottung abgemeldeten und auf dem Hinterhof der Esso-Tankstelle in der Kasseler Mombachstraße hinterstellten, unverschlossenen (!) Pkw Renault 16 versteckt worden waren: Leonard Bramer - „Der Tanz der Salome“; Joos van Cleve - „Bildnis Kaiser Maximilian I.“, Adriaen van der Werff - „Die Heimsuchung“; Adam Colonia - „Nächtliche Hirtenszene“; Eustache Lesueur - „Christus heilt einen Blinden“; unbekannter italienischer Meister – „Kampfszene“. Nach deren Sicherstellung bequemten sich auch Jürgen und Rudolf Eichholz zu Geständnissen, wobei sie angaben, dass ihnen Wuchholds Vorhaben, die Gemäldegalerie in Potsdam-Sanssouci zu berauben, bereits seit August 1976 bekannt war und sie auch den Kontakt zum stets weltmännisch auftretenden und über zahlreiche Verbindungen zum illegalen Kunsthandel verfügenden Gerd Wolf hergestellt hatten, um den Verkauf der gestohlenen Bilder in die Wege zu leiten. Immerhin erhoffte sich der Kopf der Bande, auf dem schwarzen Kunstmarkt einen Erlös von gut sieben Millionen D-Mark zu erzielen. Dazu hatte Jürgen Eichholz das Diebesgut aus Wuchholds Zweitwohnung in der Kasseler Unteren Königstraße, die er sich bei offiziell 900 D-Mark Arbeitslosenunterstützung leistete, abgeholt und zunächst auf dem Dachboden seines Hauses versteckt. Seine Beweggründe lagen offenbar weniger im durch Politik und Propaganda anerzogenen irrationalen Hass auf die DDR, obwohl während der Vernehmungen, als habe es den bereits vor fünf Jahren abgeschlossenen Grundlagenvertrag nie gegeben, mehrfach der so falsche wie abwertende und gehässige Begriff „Ostzone“ gebraucht wurde, sondern in der Hoffnung auf den von Wuchhold so vollmundig versprochenen, aber nie gezahlten Lohn: Bei einem angegebenen monatlichen Nettoverdienst von 2.500 D-Mark hatte er für sein mit 140.000 D-Mark hypothekarisch belastetes Haus jeden Monat eine Zinslast von 1.500 D-Mark zu tilgen.

Durch die Brüder Eichholz erhielten die Kriminalisten auch Kenntnis über die Personen, die in Wuchholds Auftrag und wiederum auf Grund eines von ihm versprochenen, aber gleichfalls nie gezahlten hohen Lohnes die Bilder auf dem Gelände der Autobahn-Raststätte Michendorf von den Dieben übernommen und in ihrem Pkw in die BRD verbracht hatten: Klaus-Peter Wagner (32) aus Kassel, Lehrabbrecher, gescheiterter Gastwirt und Fernfahrer sowie nunmehrige Aushilfe in Gaststätten und Spielkasinos, war mit Unterhaltszahlungen ebenso im Rückstand wie mit der Tilgung eines Bankdarlehens von 15.000 D-Mark. Der mit ihm gefahrene Peter Weide, Verkaufsfahrer einer Kasseler Firma, war von Wuchhold ebenfalls mit der Aussicht auf einen hohen, aber nie gezahlten Lohn zur Beteiligung am Verbrechen geködert worden. Auf Grund der von Rudolf Eichholz gemachten Angaben konnten schließlich auch die Personen gefasst werden, die den Einbruch verübt hatten: Es handelte sich um die in der BRD lebenden türkischen Staatsbürger Bilgin Uz (22) und Halil Ibrahim Uz (20), die der damals in der Kasseler Diskothek am Friedrichsplatz als Aushilfe tätige Wuchhold gleichfalls mit der Aussicht auf viel Geld und ein damit künftig arbeits- und sorgenfreies Leben geködert hatte. Ebenso hatte er ihnen weisgemacht, die bundesdeutschen Behörden würden angesichts einer solchen Tat davon absehen, ihnen unter Umständen die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen, zudem könne Halil Ibrahim von der wegen einer nicht gezahlten Geldstrafe verhängten Vollstreckungshaft verschont werden. Bilgin Uz: „Den Einbruchdiebstahl sollten mein Bruder und ich ausführen. Es wurde besprochen, nach dem Diebstahl der Gemälde diese einer dritten Person auf der Transitstrecke zu übergeben. Als Entlohnung würden wir soviel Geld erhalten, dass wir ausgesorgt hätten. Außerdem versicherte er uns, wir würden uns dadurch, dass wir die Gemälde aus der DDR herausholen würden, bei den Behörden der BRD großes Ansehen verschaffen. Niemals könne uns dann, gleich aus welchen Gründen, die Aufenthaltserlaubnis aberkannt werden. Dass die Sache ins Auge gehen könnte, hätte ich nicht gedacht, weil ich davon ausging, dass in der Bundesrepublik so etwas nicht bestraft wird ...“ Da war sie wieder, diese unselige und gefährliche Politik, die es trotz aller behaupteten Überlegenheit nötig gehabt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, und die deshalb auch vor schweren Verbrechen nicht zurückschreckte! Der Bandenchef hatte die Beiden mittels Bildern und Prospekten sowie seinen eigenen Kenntnissen eingehend über die heimzusuchende Gemäldegalerie informiert, zudem hatten sie Fahrten zwischen der BRD und Berlin (West) für „Abstecher“ nach Potsdam genutzt, um sich persönlich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen.

Das zweifellos traurigste wie schlimmste Kapitel in dieser aus mehreren, zum Teil ohne Kenntnis voneinander handelnden Gruppen bestehenden Diebesbande stellte deren Kopf Bernd Wuchhold dar – ein „Wanderer zwischen zwei Welten“, vor allem aber ein Mann, der zeitlebens durch krumme Geschäfte anstelle der dafür weniger geeigneten ehrlichen Arbeit schnell ans große Geld fürs bequeme und sorgenfreie Leben kommen wollte. Geboren im thüringischen Neudietendorf hatten ihn die 1946 illegal in die US-Amerikanische Besatzungszone gegangenen Eltern bei den Großeltern zurückgelassen und erst 1951 nachgeholt. Dem Besuch der Volksschule folgten eine Lehre als Dreher und 1959 die Verpflichtung zu einem dreijährigen Dienst in der Bundeswehr. Vom neuen Barras hatte er alsbald die Nase ebenso voll wie von den schönen Reden über den „Staatsbürger in Uniform“, weshalb er sich 1961 in die DDR absetzte. Der von Bonn mit allen Mitteln bekämpfte und dem neuen Bürger angeblich so verhasste Staat ermöglichte ihm die Ausbildung zum Kunsthandwerker und eine Arbeit als Innenarchitekt. In der Verhandlung vor dem Frankfurter Schöffengericht gab er zu, dabei sorgsam darauf bedacht, stets das gehässige Vokabular des Kalten Krieges zu gebrauchen: „Ich nutzte alle kunstgewerblichen Ausbildungsmöglichkeiten, die der 'Zonenstaat' bot, in jeder Beziehung aus. Ich will, obwohl ich diesen Staat hasse, offen sagen: Diese Möglichkeiten waren nicht gering. Mir ging es gut. Ich hatte ein Wochenendheim und ein Auto ...“ Da ihm wie gesagt mehr an krummen Geschäften als an ehrlicher Arbeit lag, kam er 1969 erstmals mit den Gesetzen in Konflikt, wurde vom Bezirksgericht Erfurt zu 20 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, doch 1970 vorzeitig auf Bewährung entlassen. Trotz verfügter Arbeitsplatzbindung gelang es ihm, in einen Keramikbetrieb zu wechseln, um dort privat zu arbeiten. Schließlich erhielt er 1972 eine Arbeit als Bauleiter und Innenarchitekt beim Rat der Stadt Erfurt, zudem wurde er mit Arbeiten für Schloss Sanssouci betraut – Ausdruck eines großen Vertrauens, das dem Vorbestraften entgegengebracht wurde und das er so schmählich missbrauchte: Auf Grund von Devisenvergehen und Schmuggelgeschäften wurde er 1974 zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt, von der er zwei Jahre in Cottbus verbüßte, 1976 begnadigt und in die BRD ausgewiesen. In deren Medien hieß es freilich, er sei für 20.000 D-Mark „freigekauft“ worden, was, so es denn stimmte, tief blicken ließ, wenn dem kapitalistischen deutschen Staat ein verurteilter Krimineller so viel wert war, dass er ihn als „Freiheitskämpfer“ benötigte. Nebenbei war auch seine in der DDR geschlossene Ehe nach kurzer Zeit gescheitert. Im Notaufnahmelager Gießen beantragte er den ständigen Aufenthalt in der BRD und erhielt statt einer anspruchsvollen Arbeit, wie sie ihm in Erfurt geboten worden war, eine Arbeitslosenunterstützung von 900 D-Mark. Das hinderte den nun wieder Bundesbürger Gewordenen nicht daran, sich unter Ausnutzung der in der BRD seit 1949 gepflegten Feindschaft gegenüber der DDR als antikommunistischer „Freiheitskämpfer“ darzustellen und im Frankfurter Gerichtssaal mit sich überschlagender Stimme zu bekunden: „Ich hasste diesen Staat und versuchte ihm zu schaden, wo ich nur konnte!

Bis es zu dieser stellenweise zur Farce werdenden Gerichtsverhandlung kam, sollte noch einiges Wasser den Main hinunterfließen: Während die systemnahen Medien, allen voran Springers „BILD-Zeitung“, die Festnahme der Diebesbande und die Sicherstellung der gestohlenen Bilder genüsslich ausschlachteten, dachten die bundesdeutschen Behörden mit keiner Silbe daran, die zuständigen Organe der DDR zu informieren. Trotz Grundlagenvertrag und Ständiger Vertretung in Bonn wurde weiterhin so getan, als existiere der sozialistische deutsche Staat gar nicht. Da also die Behörden der BRD keinerlei Neigung zeigten, sich beispielsweise mit dem zuständigen Ministerium für Kultur der DDR in Verbindung zu setzen, war für die Leitung der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci höchste Eile geboten. Es galt umgehend zu handeln, um neben einer gerechten Bestrafung der Täter die schnelle Rückführung der Gemälde und die Zahlung einer angemessenen Entschädigung zu erreichen, zumal die Restaurierung erhebliche Mittel in Anspruch nehmen würde. So bevollmächtigte der Generaldirektor den bekanntlich auch bei Gerichten in der BRD und Berlin (West) zugelassenen Rechtsanwalt Prof. Dr. Friedrich Karl Kaul mit der Wahrnehmung der berechtigten Interessen dieser international hoch angesehenen kulturellen Einrichtung der DDR. Dass in Frankfurt am Main die Oberstaatsanwältin Adelheid Werner für die Ermittlungen zuständig war, musste er angesichts der dort absichtlich zurückgehaltenen Informationen erst den bundesdeutschen Medien entnehmen, bevor er schließlich für den 23. März 1977 einen Termin bei ihr erreichen konnte. Doch als er an diesem Tage gemeinsam mit dem Kulturattaché der Ständigen Vertretung der DDR in der BRD, Dr. Egon Handt, und dem Restaurator der Potsdamer Gemäldegalerie, Decker, deren Dienstzimmer betrat, wurde ihm jede Auskunft über den Ablauf des Verbrechens verweigert. Alles das, was den eigenen Medien, vor allem denen des Springer-Konzerns, mit größter Bereitwilligkeit zugestanden worden war, sollte der geschädigten Einrichtung vorenthalten werden. Zudem erhob der ebenfalls anwesende Leitende Kriminaldirektor im Bundeskriminalamt, Becker, das Ansinnen, vor Ort Ermittlungen durch eigene Kriminalisten vornehmen zu lassen – als ob der Grundlagenvertrag nicht die Beschränkung der Hoheitsgewalt eines jeden Staates auf dessen eigenes Territorium bestätigt gehabt hätte! Nebenbei wurden damit auch Kompetenz und Lauterkeit der Ermittlungsorgane der DDR in Zweifel gezogen, was nun nicht nur eine Unterstellung, sondern auch eine durchaus politisch motivierte Beleidigung war. Er habe deshalb bereits an den Rat des Kreises Potsdam geschrieben, weshalb ihn Prof. Kaul darauf hinweisen musste, dass jegliche Zusammenarbeit ein offizielles Ersuchen des Bundesjustizministers beim Ministerium für Justiz der DDR bedingte. Dagegen verneinte Kriminaldirektor Becker ausdrücklich eine Komplizenschaft von Bürgern der DDR bei diesem Verbrechen, weshalb man sich seinen eigenen Reim darauf machen kann, was von den Meldungen bundesdeutscher Medien zu halten war, wonach Wuchhold Helfershelfer gehabt habe, die sich in der Galerie bestens ausgekannt und so die Alarmanlage außer Betrieb gesetzt hätten. Bei diesem Gespräch traf Prof. Kaul auch verbindliche Abmachungen hinsichtlich der Rückgabe der im Museum Wiesbaden gelagerten Gemälde, Abmachungen, die seitens der Oberstaatsanwältin freilich nie eingehalten wurden. Auch das war ein Beleg dafür, wie tief bundesdeutsche Juristen nach wie vor im Sumpf von Antikommunismus und DDR-Feindlichkeit steckten, wodurch sie weder willens noch in der Lage waren, sich auch nur im entferntesten um eine sachliche und vorurteilsfreie Zusammenarbeit zu bemühen: Weder erfolgte das zugesagte offizielle Rechtshilfeersuchen, noch erhielt Prof. Kaul als bevollmächtigter Vertreter des Verbrechensopfers Staatliche Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci Akteneinsicht und Anklageschrift. Seinen Protest beantwortete die Oberstaatsanwältin abweisend mit der Bemerkung, nach Erhebung der Anklage sei das Schöffengericht zuständig. Erst am 20. April gelang Prof. Kaul eine Kontaktaufnahme mit dessen Vorsitzendem Richter Schwalbe, einem Mann, der ständig zwischen Geschäftsstelle und Dienstzimmer hin- und herhetzte, so, als wolle er durch vorgeschützte Überlastung und Zeitmangel jedem Gespräch mit dem Juristen aus der DDR entgehen. Wenigstens wurde ihm nun die Anklageschrift ausgehändigt, deren Formulierungen neue Probleme mit sich brachten: Da Wuchhold, die Brüder Uz, Wagner und Weide wegen Einbruchdiebstahls, Wolf und die Brüder Eichholz wegen versuchter Hehlerei und Istenoes wegen Begünstigung angeklagt waren, ließ die Strafprozessordnung der BRD keine Nebenklage zu. Prof. Kaul als Vertreter des Verbrechensopfers war damit die Möglichkeit genommen, auf das Verfahren Einfluss zu nehmen. Zugelassen war allerdings die Geltendmachung von Schadensersatzforderungen bis zu einer Höhe von 3.000 D-Mark je Täter.

Angesichts der für die BRD leider typischen DDR-feindlichen Atmosphäre herrschte an jenem 25. April 1977 im engen Verhandlungssaal des Frankfurter Schöffengerichts eine spürbare Nervosität. Besonders aufgeregt gab sich der Kasseler Rechtsanwalt Zarges, Verteidiger von Jürgen Eichholz, der, überdies strammes CDU-Mitglied mit Sitz im Stadtrat, lauthals verkündete, er werde „dieses skandalöse Verfahren zu einem schnellen Ende bringen.“ Was für ihn skandalös war, sollte sich in der Verhandlung sehr schnell zeigen – dem CDU-Funktionär galt es als „Skandal“, dass die an einem schweren Verbrechen gegen eine hochkarätige kulturelle Einrichtung der DDR Beteiligten überhaupt angeklagt wurden. So war auch mit echter bundesdeutscher Gründlichkeit und noch mehr Herzenswärme für die anwaltliche Betreuung der Verbrecherbande gesorgt worden: Jedem der Angeklagten war ein eigener Verteidiger zur Seite gestellt worden und die Brüdern Uz beispielsweise dürften kaum in der Lage gewesen sein, bei einer Verurteilung die erheblichen Anwaltshonorare und Gerichtskosten aus eigener Tasche zu bezahlen. Im übrigen versuchten die Rechtsbeistände, mit Ausnahme der Frankfurter Rechtsanwälte Lohmann und Haag als Verteidiger von Wagner und Weide, sich nicht nur den aggressiven und hasserfüllten Ausfällen des CDU-Funktionärs Zarges gegen die DDR lediglich unterzuordnen, sondern ihn im Gegenteil noch zu übertreffen. Zudem taten sie alles, um den zügigen Fortgang des Verfahrens zu verhindern: Kaum hatten Richter Schwalbe und die beiden Schöffen, die Hausfrau Renate Schneider aus Oberursel (Taunus) und der Angestellte Willi Schneider aus Sulzbach (Taunus), Platz genommen, erhob sich Anwalt Zarges zu seiner ersten Pflichtübung als CDU-Funktionär, protestierte gegen die Wahl von Frankfurt am Main als Gerichtsort und verlangte die Verlegung nach Kassel. „Wir haben“, so rief er mit vor Erregung zitternder Stimme in den Saal, „in diesem Prozess um so mehr Veranlassung, auf die Einhaltung aller Prinzipien unserer rechtsstaatlichen Ordnung bedacht zu sein, weil der Geschädigte ein Unrechts- und Verbrecherstaat ist!“ Mit Ausnahme der Verteidiger von Wagner und Weide schlossen sich dem alle anderen Anwälte an. Der unbewegten Gesichts zuhörende Richter Schwalbe rügte mit keinem Wort diese ungeheuerliche Beleidigung und Verunglimpfung eines Staates, mit dem die BRD diplomatische Beziehungen unterhielt. Die angeblich nichts gehört habende Oberstaatsanwältin Werner besann sich auf die Beschwerde von Prof. Kaul hin dann doch eines Besseren und bat nach der Verhandlungspause um Entschuldigung, worauf Anwalt Zarges wie von einer Tarantel gestochen aufsprang und wütend hervorstieß: „Es ist mir unverständlich, dass die Oberstaatsanwältin meinen Ausdruck gerügt und damit unterstellt hat, der 'Ostzonenstaat' sei ein Rechtsstaat.“ Acht Wochen später war Adelheid Werner abgelöst, womit klar war, dass solche hasserfüllte DDR-feindliche Atmosphäre seitens leitender Funktionäre der bundesdeutschen Justiz nach wie vor gewollt und erwünscht war. Wenigstens wurde der Verweisungsantrag von Anwalt Zarges abgelehnt, worauf durch ein neues Manöver versucht wurde, die Verhandlung zu behindern: Nach wilden und zum Teil sehr lautstarken Redeschlachten wurde eine Unterbrechung von 90 Minuten beschlossen, damit die Verteidiger nochmals die Akten nach „neuen Erkenntnissen“ durchsehen konnten. Als es nach geschlagenen zwei Stunden endlich weitergehen konnte, stand der Schadensersatzantrag auf der Tagesordnung. Jetzt legte sich Rechtsanwalt Jöllenbeck als Verteidiger des Bandenchefs Wuchhold ins Zeug, um CDU-Funktionär Zarges die Schau zu stehlen. Seine dabei gebrauchten Argumente waren nicht nur schlichtweg falsch, sondern geradezu ungeheuerlich. Sie zeigten ein weiteres Mal, wie vergiftet die Atmosphäre in der BRD allgemein und nicht nur in ihren Gerichtssälen war, vergiftet vom Antikommunismus als der „Grundtorheit unserer Epoche“ (Thomas Mann) und vom blindwütigen Hass auf die DDR: Er verlangte die Zurückweisung des Schadensersatzantrages mit so hanebüchenen wie beleidigenden „Argumenten“ - der Geschädigte sei ein „ostzonales Institut“ und öffentliche Einrichtungen der „Sowjetzone“ genössen gemäß Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts von Berlin (West) „keinen rechtsstaatlichen Schutz“. Weiter habe das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung zum Grundlagenvertrag ausdrücklich „festgestellt“, dass das „Deutsche Reich“ (Das Wörtchen „mindestens“ muss hier wohl angesichts der Gebietsforderungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft noch vorangestellt werden.) in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 weiterbestünde und die BRD sein „gekorener und geborener Sachwalter“ sei. Somit seien die Bilder dem „Sachwalter“ und „daher rechtmäßigem Eigentümer“ vom „Sowjetzonen-Staat“ „rechtswidrig vorenthalten worden“. Der Geschädigte sei damit nicht zum Stellen von Schadensersatzansprüchen berechtigt. Zudem könne „Herr Wuchhold gegebenenfalls die ihm vom 'Zonenstaat' zustehenden Ansprüche wegen rechtswidriger Freiheitsberaubung und wegen der ebenso unrechtmäßigen Beschlagnahme seines Kraftwagens gegen die hier geltend gemachten Forderungen aufrechnen“. Man mag angesichts solcher von völlig unsinnigen, ja irrationalen Argumenten geprägter juristischer Schizophrenie ungläubig den Kopf schütteln, dieser Wahnsinn hatte Methode, war er doch untrennbarer Bestandteil einer Politik, die darauf gerichtet war, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“ (Egon Bahr). Sachlichkeit und Unvoreingenommenheit waren dabei nur hinderlich und deshalb von vornherein nicht gewollt. So wurden die Verhältnisse einfach umgekehrt, Straftaten, die in der BRD genauso durch die Justiz geahndet wurden, waren in deren Augen keine, wenn sie gegen die DDR gerichtet waren. Im Gegenzug wurde die im gleichen Fall in der BRD ebenso übliche Strafverfolgung kurzerhand zur Straftat erklärt, wenn Ermittlungen, Anklage und Verurteilung durch die zuständigen Organe der DDR erfolgten. Im Klartext hieß das, die von Wuchhold in der DDR begangenen und zu Recht geahndeten Straftaten waren keine, stattdessen wurden seine Verurteilungen als solche hingestellt. Ein anderes, doch nicht weniger fadenscheiniges Argument bemühte Rechtsanwalt Flenn als Verteidiger von Halil Uz – die Verhandlung eines Schadensersatzanspruchs vor dem Strafgericht gegen seinen „heranwachsenden“ Mandanten halte er nicht „mit den Prinzipien unseres rechtsstaatlichen Jugendrechts für vereinbar“.Befangen vom eigenen Antikommunismus und dem massiven Druck der vom Hass auf die DDR zerfressenen Verteidiger ausgesetzt gab Richter Schwalbe Jöllenbecks Verlangen nach und ließ sich zur „Begründung“ das „Argument“ einfallen, die Nachprüfung von Wuchholds „Gegenansprüchen“ würde die Hauptverhandlung „erheblich verzögern“. „Unabhängige“ und „rechtsstaatliche“ Justiz? Die Wahrheit sah, wie auch dieser Prozess zeigte, anders aus.

Nachdem dieses mehr als nur unwürdige Vorspiel endlich sein Ende, wenn auch ein schlechtes, gefunden hatte, konnte Oberstaatsanwältin Werner schließlich mit der Verlesung der Anklage beginnen. Doch wieder erhob sich CDU-Funktionär Zarges und verlangte eine weitere Unterbrechung mit der „Begründung“, er habe die Akten nicht lange genug prüfen können. Richter Schwalbe wurde solche Verzögerungstaktik denn doch zuviel, auf seine Ablehnung hin verweigerten die Beteiligten, ermuntert durch ihre Verteidiger, ganz einfach jede weitere Aussage. Also knickte er wieder ein und gab den Herrschaften nochmals Zeit, während der Vernehmung der Angeklagten Wagner und Weide erneute Einsicht zu nehmen. Letztere wiederholten ihre bereits gemachten Angaben, Wuchhold habe ihnen erhebliche Summen – von 25.000 D-Mark pro Person war die Rede – für ihre Beteiligung versprochen, letztlich aber nur 200 D-Mark Spesen gezahlt. Der Bandenchef selbst kündigte sodann für den Nachmittag großsprecherisch an, aussagen zu wollen. Dabei wusste er nur zu gut, dass ihm auch nach dem Strafgesetzbuch der BRD schon angesichts des Wertes der gestohlenen Bilder eine empfindliche Freiheitsstrafe drohte. Ebenso gut wusste er aber auch, dass er milde Richter finden würde, fälschte er das Verbrechen in eine gegen die DDR gerichtete politische Straftat um. Ermuntert von seinem Verteidiger Jöllenbeck sowie die Tiraden von Anwalt Zarges schrie er hysterisch in den Saal: „Als Deutscher hasse ich das 'Zonenregime' aus tiefster Seele!“, um sodann das Märchen von den „Brüdern und Schwestern“ aufzutischen, denen er „durch Erpressung der DDR“ zur „langersehnten Freiheit verhelfen“ wollte. Das nun wurde ihm von den systemtragenden Medien geradezu mit Kusshand abgenommen, zumal in deren Redaktionsstuben eine „Erpressung der DDR“ selbstverständlich nicht als ehrenrührige Straftat, sondern allenfalls als zwar nicht ganz sauberes, aber dennoch bewunderungswürdiges „Husarenstück“ galt. Derart ermuntert lief er geradezu zur Hochform auf: „Unseren Brüdern in der 'Zone' wollte ich helfen! Wir erkämpfen ihnen durch Erpressung die Freiheit! Das war der Plan, der in der Justizvollzugseinrichtung Cottbus gemeinschaftlich gefasst wurde. Wir holen uns aus den Museen des 'Zonenstaates' Bilder und Porzellan und geben sie der 'Ostzone' erst wieder, wenn sie dafür die von uns verlangten Ausreisegenehmigungen erteilt!“ Nach bundesdeutschen Presseberichten hatte er der DDR über einen Anwalt den „Rückkauf“ des Diebesgutes für fünf Millionen D-Mark angeboten und gleich noch ein Konto „Flüchtlingshilfe Thüringen“ eingerichtet. In den vorliegenden Quellen war für ersteres keinerlei Beleg zu finden, wohl aber die Mitteilung, dass auf jenem ominösen Konto nie auch nur ein Pfennig eingegangen war. Den Vogel ab schoss dabei „DER SPIEGEL“, der Wuchhold gleich noch zum begeisterten Anhänger jenes „Prager Frühlings“ machte, mit dem „Chefreformer“ Ota Šik nach eigenem Bekenntnis verschleierte, dass sein „eigentliches Ziel“ kein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, sondern „ein direkter Übergang zur kapitalistischen Marktwirtschaft war. Um durch die zu Tränen rührende Schilderung eines leidvollen persönlichen Schicksals entsprechende Glaubwürdigkeit und Wirkung zu erreichen, wurde eine angebliche „Verlobte“ Wuchholds ins Spiel gebracht, die der „Zonenstaat“ gewaltsam daran hindere, in die Arme des heißgeliebten Mannes zu eilen. Die Rede war von einer damals 23jährigen Diplom-Kunsterzieherin namens Martina Ulbrich, die nach drei abgelehnten Anträgen auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und Übersiedlung in die BRD – so der hinter dem verharmlosenden Begriff „Ausreiseantrag“ steckende wirkliche Tatbestand – als Hilfskraft in einer Drogerie arbeiten müsse. Dann wiederum hieß es, sie sei in den von Wuchhold als „unmenschlich“ hingestellten Strafvollzug der DDR gekommen. Über die Haftbedingungen wurde jedoch interessanterweise geschrieben, dass „die sich übrigens von“ denen „im Westen auch nicht groß“ unterschieden, „allenfalls darin, dass die im Osten Einsitzenden für ihre Arbeitsleistung mehr Geld bekamen und für ihre Arbeitszeit ... Rentenversicherungsbeiträge abgeführt wurden.“ In einer anderen Quelle hieß es dagegen, Wuchhold habe dem Chef einer verharmlosend „Fluchthelferorganisation“ genannten Menschenhändlerbande namens Meyer zweimal 10.000 D-Mark gezahlt, um jene Martina Ulbrich illegal in die BRD zu bringen. Seltsam war dabei freilich, dass diese an den angeblich vereinbarten Treffpunkten nie erschienen und der „Auftraggeber“ gar nicht im Besitz solcher Summen war. Teilnahmsvoll hörten Gericht und Medienvertreter dem selbsternannten „Chefwiderstandskämpfer gegen das Sowjetzonen-Regime“ zu, wogegen sie geflissentlich über alle Ungereimtheiten und Widersprüche, in die sich Wuchhold bei seinen Hass- und Hetztiraden verwickelt hatte, hinwegsahen: In seinen während der Voruntersuchungen gemachten Angaben war nämlich keinerlei Rede von den angeblichen politischen Motiven gewesen. Gericht und Medien interessierte auch die Tatsache herzlich wenig, dass Wuchhold bereits während der Planung des Verbrechens unbeschadet seiner völligen Mittellosigkeit Verhandlungen über den Kauf einer Gaststätte geführt und seinen Komplizen hohe Belohnungen versprochen hatte. Das alles war eindeutig nur aus den durch den Verkauf der gestohlenen Bilder erzielten Einnahmen zu bezahlen gewesen! Damit aber war klar, dass die „edlen“ Motive erstunken und erlogen oder, milde ausgedrückt, eine bloße Schutzbehauptung waren.

Doch das Gericht ließ ihn weiterhin gewähren, weshalb Richter Schwalbe auch nichts gegen Wuchhold unternahm, als er Prof. Kaul mit infamen Unterstellungen beleidigte: „Wie haben Mittelsmänner in der Zone. ... Ich könnte Ihnen Namen nennen, wenn hier im Saal nicht dieser bezahlte Agent des Staatssicherheitsdienstes anwesend wäre ...“ Sogleich sprang ihm sein Verteidiger bei und beantragte, dem bevollmächtigten Vertreter des Verbrechensopfers „im Interesse der Sicherung seines Mandanten wie der Wahrheitsfindung“ das Mitschreiben zu untersagen. Als sich Prof. Kaul gegen die „unverschämten Gemeinheiten, mit denen unter richterlichem Schutz und Förderung Verteidiger und Angeklagte die Deutsche Demokratische Republik und mich als Bürger dieses souveränen Staates ...“ verwahren wollte, ließ ihn Richter Schwalbe gar nicht erst ausreden, sondern fiel ihm sofort ins Wort und verkündete sodann hastig die „sitzungspolizeiliche Anordnung“, wonach ihm das Mitschreiben untersagt sei. Da es somit nur noch eine Frage von Minuten war, bis mit der nächsten „sitzungspolizeilichen Anordnung“ der Verweis aus dem Saal verkündet würde, zog es Prof. Kaul vor, die Herrschaften in ihrer „Rechtsstaatlichkeit“ unter sich zu lassen. Der Ausgang des Verfahrens war ohnehin klar, dennoch ließ sich der Richter im weiteren Verlauf einige Überraschungen einfallen: Um 17.00 Uhr verkündete er die Vertagung auf den 28. April, um dann in aller Heimlichkeit die Verhandlung eine Stunde später fortzusetzen. Sodann wurde das Verfahren gegen Jenő Istenoes durch Urteil eingestellt, obwohl dieser am Verbrechen unmittelbar beteiligt war, als er sechs Gemälde in seinem schrottreifen Pkw versteckt und sie damit sowohl der Gefahr des erneuten Diebstahls als auch der Vernichtung in der Schrottpresse ausgesetzt hatte. Die Angeklagten Wagner und Weide, die unter schamlosem Missbrauch der zwischen DDR und BRD für den Transitverkehr vereinbarten Kontrollerleichterungen das Diebesgut über die Staatsgrenze geschmuggelt hatten, erhielten je acht Monate Freiheitsentzug, die natürlich zur Bewährung ausgesetzt wurden. Als Schadensersatz hatten sie die geradezu lächerliche Summe von „mindestens 500 D-Mark“, in Raten, versteht sich, an Prof. Kaul zu zahlen, obwohl dem Gericht das bei der Staatsbank der DDR geführte Konto der geschädigten Einrichtung bekannt war.

Am 28. April 1977 fand diese „rechtsstaatliche“ Gerichtsfarce schließlich ihre Fortsetzung und ihren Abschluss mit den Urteilen gegen die restlichen sechs Angeklagten: Der Hauptangeklagte Wuchhold erhielt wegen „gemeinschaftlichen schweren Diebstahls“ zwei Jahre Freiheitsentzug. Mit höchster Bereitwilligkeit und größtem Wohlwollen hatte das Gericht seine so verlogenen wie hetzerischen „Begründungen“ aufgenommen, weshalb es in der Urteilsbegründung hieß, das Motiv des schweren und das Verhältnis zwischen DDR und BRD stark belastenden Verbrechens „erfordert und findet Verständnis“. Obwohl der Bandenchef nachweislich allein von nackter Geldgier getrieben worden war, wurde behauptet, er habe Menschen „Reisemöglichkeiten im gesamten Deutschland“ verschaffen wollen, in einem „Deutschland“, das allenfalls für die bundesdeutschen Politikeliten und auch dann nur als Fiktion existierte. Richter Schwalbe hob den Kriminellen auf den Schild des „gesamtdeutschen Ritters“, dieweil die systemtragenden Medien so teilnahms- wie verständnisvoll schrieben, er habe wegen seiner in der DDR erfolgten Verurteilungen „Rache“ nehmen wollen. Seine zwangsläufig dazu geführt habenden Straftaten wurden dabei heruntergespielt, verniedlicht oder mit den Wörtchen „angeblich“ oder „vermeintlich“ kurzerhand in Zweifel gezogen. So wurde aus einem Täter ein „Opfer der 'SED-Diktatur'“ gemacht, dem man den schweren Raub „eigentlich gar nicht übel nehmen“ könne, zumal er infolge „der durch die Behörden in Berlin und Thüringen“, wie Richter Schwalbe in die Begründung zur Vermeidung der korrekten Bezeichnung Deutsche Demokratische Republik hineinschreiben ließ, „erlittenen Unbilden“ einen „Aufrechnungsanspruch“ habe. Das Ausweichen auf derlei unzutreffende Bezeichnungen war nun keineswegs dem Umstand geschuldet, dass Abschluss von Grundlagenvertrag, Transitabkommen und Verkehrsvertrag etwa ebenso wenig in die Amtsstuben des Frankfurter Schöffengerichts gedrungen wäre wie die Tatsache, dass es in Bonn eine offizielle diplomatische Vertretung der DDR gab, es war der ungeachtet dessen weiterbetriebenen hasserfüllten DDR-Feindlichkeit geschuldete volle Absicht. Wie schon gesagt – ein Verbrechen war nach Lesart bundesdeutscher Justiz immer dann keines, wenn es gegen die DDR gerichtet war. Außerdem wurde schlichtweg übergangen, dass Wuchhold zum Zeitpunkt der in der DDR begangenen Straftaten auch ihr Staatsbürger war und als solcher ihrer und nicht der bundesdeutschen Gesetzlichkeit unterstand – die alte, untaugliche Alleinvertretungsanmaßung ließ grüßen. Selbstverständlich brauchte Wuchhold seine Strafe nicht abzusitzen, da sie durch den „persönlichen Eindruck des Angeklagten in der Hauptverhandlung“ begründet „zur Bewährung ausgesetzt“ wurde, ohne Bewährungsauflagen, versteht sich. Mit Hass- und Hetztiraden gegen die DDR hatte folglich noch jeder Straftäter in der BRD gute Karten, selbst wenn das Verbrechen noch so schlimm gewesen war. So ist man nicht nur angesichts der Namensähnlichkeit an den fünf Monate zuvor durch das Essener Landgericht ergangenen skandalösen Freispruch des Doppelmörders Werner Weinhold erinnert.

Sodann folgten die Brüder Uz, die ebenfalls billig davonkamen, obwohl sie ja den schweren Einbruchdiebstahl ausgeführt hatten: Sie erhielten nur wegen „Beihilfe“ neun bzw. sechs Monate Freiheitsentzug und auch die Begründung dafür war so verlogen wie hanebüchen – sie hätten „ohne eigene innere Bejahung der Tat“ gehandelt. „Ohne eigene innere Bejahung der Tat“? - Man lese noch einmal die weiter vorn wiedergegebene Aussage von Bilgin Uz! Gegen die Brüder Eichholz und Gerd Wolf verhängte das Gericht wegen versuchter Hehlerei elf Monate Freiheitsentzug, wobei alle hier genannten Strafen „zur Bewährung ausgesetzt“ wurden. Prof. Kaul hatte bereits in den frühen Nachmittagsstunden Kenntnis von diesen skandalös milden Urteilen erhalten, doch darüber zu rechten, war keine Zeit: Jetzt war höchste Eile geboten, denn die wiederholten Erwähnungen von angeblich möglichen „Schadensersatzansprüchen“ Wuchholds durch ihn, seinen Verteidiger und schließlich auch das Gericht nährten den berechtigten Verdacht, dass so die Rückgabe der gestohlenen Gemälde verhindert werden sollte. Beantragte er nämlich beim Amtsgericht in Frankfurt am Main oder auch einfach nur in seinem Wohnort Melsungen einen zivilrechtlichen Arrest zur Beschlagnahme der Bilder, bedurfte es lediglich noch eines Gerichtsvollziehers und die Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci hätten sich auf einen jahrelangen und kostspieligen, zudem äußerst risikovollen Rechtsstreit einstellen müssen. Ein solcher Arrestbeschluss hätte frühestens am kommenden Freitag vorliegen können, weshalb äußerste Eile geboten war. Am Abend des Donnerstag gelang es Prof. Kaul endlich, Oberstaatsanwältin Werner in ihrer Privatwohnung zu erreichen, da sie es angesichts des für sie völlig überraschenden Anrufs nicht mehr schaffte, sich verleugnen zu lassen. Natürlich wolle sie die Bilder herausgeben, beteuerte sie, nur ginge es leider am Freitag nicht, kommenden Dienstag oder Mittwoch dagegen schon eher. Der Hartnäckigkeit des Anwalts war es zu verdanken, dass sie schließlich doch nachgab und als Termin Freitag, 11.00 Uhr, nannte. Punkt 7.30 Uhr stand er dann in ihrem Dienstzimmer, mit Härte und Unerbittlichkeit musste er sie fast zwingen, in seinem Wagen Platz zu nehmen und mit ihm zum Museum Wiesbaden zu fahren. Dort wurden die Gemälde von Restaurator Decker fachkundig, doch mit der gebotenen Eile in mitgebrachte Behältnisse verpackt und im Pkw von Prof. Kaul verstaut. Kulturattaché Dr. Handt unterschrieb das Übergabeprotokoll und los ging die Fahrt. Der Anwalt saß selbst am Steuer und überließ es erst seinem Fahrer, nachdem gegen 11.00 Uhr die Staatsgrenze bei Wartha erreicht worden war. Als dieser mit einigem Erstaunen fragte „Warum nicht schon in Wiesbaden?“, antwortete Prof. Kaul: „Bis zur Staatsgrenze konnte sich ein Gerichtsvollzieher uns in den Weg stellen, um sich auf Grund eines richterlichen Arrestbefehls der Bilder zu bemächtigen. Ich konnte Ihnen nicht sagen, ihn über den Haufen zu fahren. In diesem Falle hätte ich mich schon selbst für diese Wahrung der Rechtsstaatlichkeit einsetzen müssen.“ Nach Übergabe der Bilder an die Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci als rechtmäßigem Eigentümer wurden die ihnen durch die Einbrecher zugefügten Schäden von den dortigen Restauratoren in mühevoller Kleinarbeit beseitigt. Die Kosten dafür blieb die BRD der DDR schuldig und 1990 bedurfte es keines zivilrechtlichen Arrestes mehr, denn da wurden nicht nur die Kunstschätze von Sanssouci, sondern gleich noch ein wertmäßig auf 1,4 Billionen D-Mark beziffertes Volksvermögen „dank“ der Auslieferungsregierung de Maiziére an den Staat verschenkt, der die staatliche und gesellschaftliche Alternative auf deutschem Boden schon in der Wiege erdrosseln wollte.


Hans-Joachim Weise


Quellen:


DER SPIEGEL“ Nr. 18 vom 25.04.1977: „Heimspiel für Hertha“, Untertitel „Mit einem spektakulären Millionenraub im Potsdamer Schloß Sanssouci wollte ein Westdeutscher die DDR erpressen - Beute gegen Braut.“

Heinrich, Eberhard und Ullrich, Klaus: „Befehdet seit dem ersten Tag“, Untertitel: „Über drei Jahrzehnte Attentate gegen die DDR“, Dietz Verlag Berlin 1981

Kaul, Friedrich Karl, Prof.: „Der Verteidiger hat das Wort“, Untertitel: „Hier und drüben“, 1. Auflage, Verlag Das Neue Berlin 1978

Nagel, Karl-Heinz: „Sans Souci. Oder: Warum sich Friedrich der Große im Grab umdrehen würde.“, „doccumenta“, Kassel 2012

Šik, Ota: Interview für die tschechoslowakische Jugendzeitung „Mlada Fronta“ vom 02.08.1990

Teller, Hans: „Der kalte Krieg gegen die DDR“, Untertitel: „Von den Anfängen bis 1961“, Akademie-Verlag Berlin 1979