2. Oktober 2012

Geschichte: Vor 55 Jahren – „Dat jlaube ich nich, dat is nich mööchlich!“

„Feuerpfeile in den Weltraum“ - das war einmal der Titel eines Kinderbuches von Lothar Hitziger, geschrieben in einer Zeit, als Millionen von Menschen angesichts der Verwirklichung eines alten Traumes, des Beginns der Eroberung des Weltalls, vor Staunen den Atem anhielten. Und in der Tat waren Überraschung und dann Begeisterung nahezu grenzenlos, als die Nachricht vom Start des ersten künstlichen Erdtrabanten „Sputnik 1“ vor 55 Jahren um die Welt ging. Über die wissenschaftlich-technische Seite ist viel geschrieben worden. Erwähnt werden sollen deshalb nur einige in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannte Dinge: Der Start von Satelliten war nichts außerplanmäßiges, sondern im Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 vorgesehen gewesen. „Sputnik 1“ war noch kein Forschungssatellit, weil die dafür erforderlichen Baugruppen bislang nicht fertig waren. Er enthielt einen Sender, dessen „Piep-Piep-Piep“-Signalen Menschen in aller Welt voller Spannung am Radio lauschten. Sternwarten erlebten einen ungeahnten Zulauf. Aufsehenerregend für Wissenschaft und Forschung wie auch für Politiker und Militärs waren zuallererst die große Masse von über 83 kg und die Tatsache, dass die UdSSR mit dem im Kollektiv von Sergej Koroljow entwickelten Typ R 1 die dafür erforderliche Trägerrakete besaß. Der politisch-propagandistische Wert dieses Starts wurde erst erkannt, als der künstliche Begleiter, so die Bedeutung des russischen Wortes „Sputnik“, bereits die Erde umrundete. Und da waren gerade in der durch den Kalten Krieg geprägten Systemauseinandersetzung die Reaktionen recht unterschiedlich: In der UdSSR und bei ihren Verbündeten gab es verständlicherweise großen Jubel. Schließlich war die Sowjetunion das erste Land, dem es gelungen war, einen Flugkörper ins Weltall zu schicken – und das kurz vor dem 40. Jahrestag der Oktoberrevolution! Die Begeisterung kannte keine Grenzen und vieles im gesellschaftlichen Leben wurde nun über Jahre von „Sputnik 1“ geprägt: In der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ beispielsweise gab es für gute schulische und gesellschaftliche Leistungen das begehrte Sputnikabzeichen in drei Stufen, als Aufnäher auf dem linken Oberarm am Pionierhemd zu tragen. Schließlich war der Sputnik bahnbrechend für die Zukunft. Zudem symbolisierte er das Streben nach Höchstleistungen. Einen Tag zuvor, am 3. Oktober 1957, hatte die sowjetische Luft- und Raumfahrt übrigens schon einen Paukenschlag gelandet: Mit der Tu 114 hatte das damals größte Verkehrsflugzeug der Welt (170 Fluggäste, vier Turboprop-Triebwerke) seinen Erstflug erfolgreich bestanden.

In der von den USA dominierten kapitalistischen Welt, wo bekanntlich 25 Jahre später ein auf den Präsidentenstuhl gelangter Schauspieler alles daransetzte, das „Reich des Bösen“ auf den „Müllhaufen der Geschichte“ zu kehren, war die offizielle Politik nicht nur betreten, sondern entsetzt, der Begriff „Sputnik-Schock“ ging um die Welt. Schließlich waren es die in überheblicher Manier als technisch rückständig, ja unfähig angesehenen „Russen“, die der kapitalistischen Führungsmacht ihre Möglichkeiten so anschaulich demonstriert hatten. In die Geschichte eingegangen ist die Reaktion des bundesdeutschen Kanzlers Konrad Adenauer, der auf die Nachricht vom Satellitenflug ungläubig und abwehrend in schönstem Rheinländisch äußerte: „Dat jlaube ich nich, dat ist nich mööchlich!“ Er musste sich, ob er wollte oder nicht, eines besseren belehren lassen. Der Öffentlichkeit gegenüber wurde denn auch versucht, die Bedeutung des Starts herunterzuspielen und „Sputnik 1“ als bloßes „Prestigeobjekt“ abzustempeln.

Zwischen UdSSR und USA begann nun ein so von Sergej Koroljow mit Sicherheit nicht beabsichtigtes Wettrennen, das amerikanischerseits vor allem von Prestigedenken und von Plänen zum militärischen Missbrauch des Weltraums geprägt wurde. Trauriger Höhepunkt von letzterem sollten bekanntlich Reagans wahnwitzige Sternenkriegspläne werden, nachdem mittlerweile bereits zahlreiche Spionagesatelliten die Erde umkreisten. Ungeachtet der anfänglich nur geringen Erfolge – die ersten US-amerikanischen Satelliten wie „Explorer“ waren bekanntlich nicht viel schwerer als eine Werkzeugtasche und wurden wegen vieler technischer Pannen und des erheblichen Zeitverzuges gegenüber „Sputnik 1“ auch spöttisch „Spätniks“ genannt – wurde unter Präsident Kennedy das Ziel eines bemannten Mondfluges gestellt. Es wurde bekanntlich 1969 erreicht (vom DDR-Fernsehen original übertragen) und der Mut der Astronauten verdient jeden Respekt. Allein, der immens hohe Aufwand hat bislang keine Wiederholung ermöglicht.

Doch auch die UdSSR und ihre Verbündeten waren nicht frei von Fehlern, Fehlern mit weitreichender, damals sicher nicht immer absehbarer Bedeutung: Die führenden Politiker ließen sich von der verständlichen und mit dem ersten Raumflug eines Menschen durch Juri Gagarin am 12. April 1961 einen neuen Höhepunkt erreichenden Begeisterung viel zu sehr und viel zu leichtsinnig zu Euphorie verleiten und verblenden. Aus der mit dem Start von „Sputnik 1“ bewiesenen wissenschaftlich-technischen Überlegenheit auf den mit der Raumfahrt zusammenhängenden Gebieten wurde sehr rasch der Glaube an die gesellschaftliche Überlegenheit wie auch an eine ständige Überlegenheit auf wissenschaftlich-technischem und anderen Gebieten. Das durch die USA angeheizte Wettrüsten führte nicht oder zumindest kaum zu einem Nachdenken über wirksame Möglichkeiten zum Überwinden der Politik vom Gleichgewicht des Schreckens. Zwar wurden der von der NATO als „Politik der Stärke“ verbrämten Hochrüstung mit immer mehr und vor allen immer neuen und in ihrer Wirkung noch viel schrecklicheren Waffen als den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zunächst stets für alle Seiten annehmbare Vorschläge zu Abrüstung und Verzicht auf neue Waffensysteme entgegengesetzt. Bekanntermaßen ging die westliche Seite nie darauf ein oder versuchte zumindest, Verhandlungen über Verträge zu Rüstungsbegrenzung und Abrüstung zum Scheitern zu bringen. Anstatt durch eigene wirksame Abrüstungsmaßnahmen die Entstehung eines starken öffentlichen Drucks in den kapitalistischen Staaten auf deren herrschende Kreise zu befördern, wurden die eigenen Anstrengungen darauf gerichtet, zur Erreichung eines vermeintlichen militärischen Gleichgewichts „nachzuziehen“. Wie wir wissen, ging das gerade in der UdSSR vor allem zu Lasten der Modernisierung ziviler Industrien und damit des Lebensstandards der Bevölkerung, erzeugte einen ständigen Mangel gerade an Waren des täglichen Bedarfs – ein Umstand, der für Stimmung und politische Haltung bedeutender Teile der Bevölkerung verheerend werden sollte. Und in der DDR, wo es bekanntlich, von zeitweiligen, aber doch schwerwiegenden Problemen wie im Herbst 1982 einmal abgesehen, über viele Jahre keinen Mangel an Waren des Grundbedarfs gab, wo niemand wegen Brot oder Waschmitteln stundenlang in der Schlange ausharren musste, wirkte die in der BRD und in Berlin (West) bewusst praktizierte „Schaufensterpolitik“ mit ihrem scheinbar nie zur Neige gehenden glitzernden Warenangebot. Ungeachtet dessen verharrten führende Politiker lange Zeit in ideologischen Dogmen und politischem Starrsinn. Ein Beispiel nur für deren negative Auswirkungen, auch und gerade hinsichtlich des Verhältnisses zur UdSSR: Im Jahreslehrgang 1980/81 an der Bezirksparteischule der SED in Schleusingen waren zeitweilig sehr heftige Diskussionen zu erleben, als manche Dozenten gegen alle von Teilnehmern aus eigenem Erleben dargelegten Erfahrungen stur und starrsinnig auf der überkommenen These beharrten, die UdSSR sei gesellschaftlich bereits viel weiter als die DDR, dort werde schließlich schon der Kommunismus aufgebaut. Die Wirklichkeit war bekanntlich eine andere, was allerspätestens in den Jahren zwischen 1985 und 1991 deutlich wurde. So großartig, erstaunlich und für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt äußerst bedeutsam die mit dem Start von „Sputnik 1“ eingeleitete Entwicklung war, so konnte damit letzten Endes nicht verhindert werden, dass sich die Banane als die wirksamere Waffe erwies. Ob das scheinbar und nicht für die Ewigkeit gewesen ist, liegt nun an einer starken Linken mit eine Mehrheit der Menschen überzeugenden Politikangeboten und deren Durchsetzung. Das wäre die beste Würdigung jenes epochalen Ereignisses vom 4. Oktober 1957.


Hans-Joachim Weise